Porträt der Woche

Bublitschki und Limontschiki

Igor Mazritsky spielt in zwei Bands und hat Klezmer für sich entdeckt

21.04.2017 – von Matilda Jordanova-DudaMatilda Jordanova-Duda

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Vormittags habe ich während der Woche immer Zeit. Ich arbeite nachmittags, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Dann gebe ich Geigenunterricht. Weil ich in zwei Klezmerbands spiele, sind die Wochenenden mit Proben und Konzerten ausgefüllt. Diese beiden Richtungen ergänzen sich gut. Sie geben mir das Gefühl, das zu machen, was ich gern tue.

Die Musik begleitet mich mein ganzes Leben lang. Mit vier Jahren habe ich angefangen, Geige zu lernen. Mit diesem Instrument habe ich irgendwie eine seelische Verbindung. Meine Eltern sind keine Musiker, in der ganzen Verwandtschaft gibt es niemanden, der beruflich Musik macht. Ich merke es bei meinen Kollegen, dass ich eine Ausnahme bin: Die meisten sind in Musikerfamilien aufgewachsen. Das gibt es selten, dass einem der Beruf nicht in die Wiege gelegt wurde. Für mich war es aber wichtig, meinen eigenen Weg zu gehen.

Kindheit Geboren bin ich in der Ukraine, in der Stadt Nikolaew. Meine Kindheit verbrachte ich aber vor allem in Odessa. In dieser Stadt galt es als selbstverständlich, etwas mit Musik zu machen. Aber die 70er-Jahre waren keine einfache Zeit, um eine jüdische Identität zu bilden.

Dabei ist Odessa eigentlich sehr jüdisch. In der Hafenstadt durften sich Juden während des Russischen Reichs ansiedeln. In Großstädten war das sonst fast unmöglich: Nur sehr reiche Familien konnten sich dieses Recht erkaufen. Die jüdische Kultur ist in Odessa verwurzelt und immer noch präsent, obwohl inzwischen kaum Juden dort leben.

Die 70er-Jahre waren in der Sowjetunion von einer antisemitischen Politik geprägt, und Odessa war keine Ausnahme. Es war schwer, als Jude an einer Hochschule aufgenommen zu werden. Es gab restriktive Quoten. Ich habe die Stimmung in der Stadt als sehr negativ erlebt und mich deshalb entschieden, zum Studieren nach Moskau zu gehen.

auswanderung 1990, mit der ersten großen Migrationswelle, bin ich nach Israel ausgewandert. Ich war 24 Jahre alt, und mir eröffnete sich eine ganz neue Welt. Zum ersten Mal machte ich mit meiner jüdischen Identität positive Erfahrungen: Ich fühlte mich wohl, akzeptiert und als Teil dieser Nation. An der Rubin-Akademie in Jerusalem habe ich mein Studium beendet.

Allerdings war es nicht leicht, meine beruflichen Träume zu verwirklichen. Ich wollte mich in Europa ausprobieren, ein bisschen herumreisen, ein bisschen Musik machen, ohne zu wissen, für wie lange.

Ziemlich zufällig landete ich in Deutschland, wo ich schließlich einen Job in einem Orchester fand. Ich habe sieben Jahre lang bei der Jungen Philharmonie Köln Klassik gespielt. Das ist ein professionelles Orchester mit vielen jungen Leuten. Mit ihm bin ich viel auf Tournee inner- und außerhalb Europas gereist.

lehrer Irgendwann habe ich angefangen, auch als Musiklehrer zu arbeiten, um meine Kenntnisse weiterzugeben. Zurzeit habe ich ein Dutzend Schüler. Die Ganztagsschule macht es schwieriger, noch Zeit für den Musikunterricht und überhaupt für außerschulische Aktivitäten zu finden. Die Geige liegt natürlich nicht jedem: Jeder Mensch wird von einem bestimmten Instrument angezogen, genau wie von einer bestimmten Sportart.

Ich kann es auch nicht erklären, warum ich mir die Geige ausgesucht habe und nicht Klavier oder Gitarre. Mit diesem Instrument habe ich mich einfach gut gefühlt. Genauso ist es bei den Kindern. Am meisten unterrichte ich klassische Musik, aber ein bisschen verbinde ich das mit Klezmer und anderen Fiedlerschulen wie der schottischen.

Einige meiner Schüler haben an Wettbewerben wie »Jugend musiziert« teilgenommen. Aber ich merke – besonders in letzter Zeit –, man lernt nicht mit der Vorstellung, Berufsmusiker zu werden. Als Hobby, ja. Die Eltern sehen, das ist kein einfacher Beruf – wenig Sicherheit, viel Idealismus, die Konkurrenz ist hart. In den zehn Jahren, seit ich als Musiklehrer arbeite, hatte ich einige sehr begabte Schüler, aber keiner hat die Musik für sich als Beruf gewählt.

ensembles Ich bin klassisch ausgebildet, doch vor fünf Jahren habe ich auch mit Klezmer angefangen. Natürlich kenne ich diese Musik seit der Kindheit. Die jüdischen Stücke wurden in Odessa immer wieder gespielt. Sie sind Teil der populären Lieder über das Leben der Unterschicht und der Ganoven. Diese Kultur habe ich von Kind an aufgesaugt. Mein Vater hat diese Lieder sehr gern gehört.

Als ich Geige lernte, habe ich nach Gehör bei Geburtstagsfeiern gespielt, weil man mich nach diesem oder jenem beliebten Lied wie »Bublitschki« oder »Limontschiki« fragte. Doch mit dieser Art von Musik aufzutreten und mich zu präsentieren, hat gedauert. Erst nach einer Reise nach Israel, wo ich meine Verwandten regelmäßig besuche, ist mir plötzlich aufgegangen, dass Klezmer das Richtige für mich ist.

Es traf sich, dass das Kölner Ensemble Kol Colé vor fünf Jahren nach einem Geiger suchte. Es vereint Musiker aus der Ukraine, Russland, Weißrussland und Deutschland, die osteuropäische und sefardische Folklore wie auch Klezmer, Tango und jüdische Chansons spielen. Wir hatten sofort einen super Kontakt und viele Ideen – menschlich und beruflich. Das ist bis heute so geblieben. Genauso ist es bei der anderen Band »The Klezmer Tunes«. Diese habe ich mitgegründet, weil ich Klezmer nicht nur traditionell, sondern mit modernem Touch, mit einer Mischung verschiedener Musikrichtungen spielen wollte. Ein bisschen komponieren wir selbst, am meisten aber sind es Lieder mit einem neuen Arrangement.

konzerte Musik ist für mich kein statisches Element. Die muss man immer wieder mitkreieren. Ich bringe gern meine eigene Note ein, das ist im Klezmer am ehesten möglich. Klezmer ist traditionell, aber nicht konservativ.

An der klassischen Musik, merke ich, habe ich einigermaßen das Interesse verloren, weil ich sie als statisch empfinde. Man macht einfach eine kunstvolle Kopie, nichts anderes. Klezmer ist zwar nicht wie Jazz mit seinem ausgeprägten Hang zur Improvisation, aber es gibt immer noch viele Möglichkeiten, Eigenes zu schaffen.

Die meisten Konzerte organisieren wir selbst, aber einfach ist das nicht. Wir sind zwar im Kulturprogramm des Zentralrats, und das bringt uns einige feste Engagements im Jahr bei den Gemeinden. Aber um weiterzukommen, braucht man viel mehr und eigene Initiative. Wir geben etwa auch Konzerte in Kirchen, und wir wollen auf größeren Bühnen, etwa bei Festivals, auftreten. Denn wir wollen die Musik auch jungen Leuten zugänglich machen.

offenheit In den vergangenen zehn Jahren haben sich sehr viele Bands an Klezmer versucht. Sie sind wie Pilze aus dem Boden geschossen, manche leider auf sehr unprofessionellem Niveau, auch nicht authentisch jüdisch. Klar, es gibt auch sehr gute Klezmer-Bands – es kommt immer darauf an, wie die Musik gespielt wird. Bei Kol Colé wollen wir wiederum mit Theaterelementen experimentieren: mehr Inszenierung, auch Puppentheater.

Ein interessantes Projekt gestalten wir aktuell zusammen mit syrischen Musikern. Es heißt »Klangbrücke« und wird von der Volkshochschule und der Kölner Synagogengemeinde unterstützt. Das läuft in Form eines Workshops für Profis und Anfänger, die sich für arabische und jüdische Musik interessieren. Es ist spannend, weil viele kommen und sich für beide Kulturen öffnen.

Der Mensch muss offen für verschiedene Kulturen sein – im Beruf wie auch im Leben –, ohne die eigene Tradition zu vergessen. Man muss das jeweils Beste für sich herausholen. Wir können vieles voneinander lernen.

traditionen Zugleich finde ich es wichtig, die eigene Kultur zu bewahren. Deswegen kann ich schon diejenigen verstehen, die sich mit der Globalisierung nicht anfreunden können. Sie haben Angst, ihre Kultur zu verlieren und nicht zu wissen, wo sie hingehören. Jeder Mensch braucht das Gefühl der Zugehörigkeit. In jeder Familie kommt eines Tages der Moment, in dem das Kind fragt: Wo komme ich her? Woher stammen meine Großeltern? Das steckt in uns drin.

In Deutschland fühle ich mich weniger mit den jüdischen Traditionen verbunden. Aber Feste, die sehr weit zurück in der Geschichte wurzeln, sind mir sehr wichtig – Pessach und Purim etwa. Das gibt den Menschen auch die Vorstellung, woher sie kommen und wohin sie gehen. Ab und zu gehe ich in die Gemeinde wegen des Kulturprogramms – und um Leute zu treffen.

In diesem Jahr besuche ich zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert Odessa. Meine Mutter feiert dort im Mai ein Jubiläum. Da will ich schauen, was mich noch mit dieser Stadt verbindet und welche Gefühle sie in mir auslöst.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova-Duda

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»Die Juden wurden in der Nazizeit nicht aus religiösen Gründen verfolgt, sondern wegen ihrer Rasse.«
AfD-Vize Alexander Gauland im Schweizer »Tages-Anzeiger«