Pessach

Meine Freiheiten

Sophie Baum ist zwölf, geht in Frankfurt zur Schule und beschreibt, was das Fest für sie und ihre Familie bedeutet

06.04.2017 – von Sophie BaumSophie Baum

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Wenn ich über Pessach nachdenke, dann muss ich mich natürlich an die Geschichte erinnern. Vor allem an den Auszug aus Ägypten, an die Plagen und die Gebote. Für mich ist Pessach auch das Fest der Freiheit.

Ich persönlich glaube, dass jeder etwas anderes unter Freiheit versteht. Für mich bedeutet es beispielsweise, dass jeder seine eigene Religion ausüben kann. Und jeder sollte seinen eigenen Geschmack ausleben können, jeder seine Meinung sagen dürfen und sich seine Freunde selbst aussuchen. Alles, was mit Individualität zu tun hat, ist Freiheit. Auch, wie ich leben möchte. Ebenso möchte ich nicht, dass jemand über mich bestimmt.

Vor allem finde ich es wichtig, dass man immer seinen Standpunkt ausdrücken darf. Und man muss auch die Meinungen und Gedanken von anderen ertragen können. In zahlreichen Ländern gibt es keine Demokratie, und manchmal müssen Leute ins Gefängnis, nur weil sie ihre Anschauung kundtun.

Mut Es ist natürlich nicht leicht, immer seine Meinung zu sagen. Aber ich versuche es eigentlich schon. Im Unterricht ist es nicht immer angesagt. Ich finde, man sollte respektvoll mit den Lehrern umgehen und trotzdem sich selbst und seinen Gedanken treu bleiben. Und man sollte nicht umschwenken, nur weil jemand etwas anderes sagt, der vielleicht total cool und angesagt ist. Da braucht man schon manchmal Mut.

Mit den Eltern sollte man ebenfalls respektvoll umgehen, und wenn die Mutter sagt, dass man sein Zimmer aufräumen soll, dann sollte man es auch tun. Denn es gibt ja schließlich Pflichten. Aber man hat auch die Freiheit, etwas zu sagen, wenn man sich von seinen Eltern ungerecht behandelt fühlt. Dann sage ich zum Beispiel, dass ich auch mal eine Pause haben und mich mit Freunden treffen und etwas Zeit für mich haben möchte. Sport machen, schwimmen, tanzen – das alles muss auch mal sein. Einmal die Woche will ich Zeit für mich selbst haben. Auch das verstehe ich unter Freiheit.

Ich feiere Pessach mit meiner jüngeren Schwester, mit meiner Mutter und mit meinen Cousins. Und natürlich mit meiner Freundin. Wir feiern Pessach auch in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Einige Freunde von mir fahren über Pessach nach Israel und verpassen hier einiges. Ich war um diese Jahreszeit noch nie dort.

Erlebnis An eine Pessachfeier in Frankfurt erinnere ich mich besonders gerne. Als ich in der vierten Klasse der I.E. Lichtigfeld-Grundschule war, durften wir den Seder leiten. Meine Klassenkameraden und ich haben uns in einen Raum gesetzt und die Sederfeier von der Bühne aus begleitet. Jede aus der Klasse hat einen eigenen Part übernommen. Die einen haben die Gesänge vorbereitet, andere haben das Gebet gesagt. Das war für uns alle ein ganz tolles Erlebnis.

Vor ein paar Jahren habe ich mit meiner Mama ein kleines Buch gemacht und unseren Pessach-Ablauf in der Familie hineingeschrieben. Wir singen auch immer gerne viel. Meine Mama versteckt den Afikoman, und dann kriegen wir Geschenke, wenn wir ihn finden. Wir hatten auch schon tolle Pessachfeiern bei unseren Freunden. Da gab es ein Theaterstück, bei dem jeder eine Rolle übernahm. So haben wir die Geschichte nachgespielt. Einmal haben wir uns Plastikfrösche besorgt und roten Saft genommen und so getan, als ob es Blut wäre. So sind wir die zehn Plagen durchgegangen.

An den Pessachtagen esse ich kein Chametz, sondern Mazzot, und ich halte mich an die Speisegesetze. Im vergangenen Herbst habe ich zu den Hohen Feiertagen das erste Mal gefastet. Kurz davor habe ich meine Batmizwa gefeiert. In den Herbstferien reisen wir immer nach Israel, um dort Freunde und Verwandte zu besuchen. Der Vater meiner Mutter wurde dort geboren. Meine Mama kam in Deutschland auf die Welt, ich ebenfalls. Heute pendelt ihr Vater (mein Opa) zwischen Frankreich und der Schweiz, wir wohnen aber in Frankfurt. Das ist auch eine große Freiheit: zu entscheiden, wo man leben möchte!

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