Zweite Generation

Die Schoa war immer präsent

Andrea von Treuenfeld befragte Kinder von Überlebenden

16.03.2017 – von Jérôme LombardJérôme Lombard

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Ohne Live-Schaltung ging es nicht. Das Interesse an der Buchvorstellung der Autorin Andrea von Treuenfeld am vergangenen Dienstag in der Topographie des Terrors war so groß, dass eine Übertragung im Foyer eingerichtet werden musste, um alle Zuhörer, die im Saal keinen Platz mehr fanden, an der Lesung teilhaben zu lassen. Von Treuenfeld stellte im NS-Dokumentationszentrum in der Niederkirchnerstraße ihr jüngst erschienenes Buch Erben des Holocaust vor.

»Die Auseinandersetzung mit der Zweiten Generation von Schoa-Überlebenden war für mich eine logische Konsequenz«, erklärte die Autorin. Denn die Angehörigen dieser Generation seien ebenso von den Schrecken der Vergangenheit geprägt worden wie ihre Eltern. Obwohl sie die schreckliche Zeit selbst nicht miterlebt haben, sei die Schoa zu einem »wesentlichen Element in den Biografien« dieser Menschen geworden, so die Autorin.

Von Treuenfeld hat sich in ihrem umfangreichen Werk intensiv mit den Biografien und Schicksalen von Überlebenden der Schoa auseinandergesetzt. Für Erben des Holocaust hat sie 18 Frauen und Männer gebeten, in jeweils einem Beitrag über ihr »Leben zwischen Schweigen und Erinnerung« – so der Untertitel des Buches – zu berichten.

geschichten Ausgehend von den individuellen Geschichten geht von Treuenfeld in dem Buch den Fragen nach: Welche Erfahrungen machten die Kinder jener Menschen, die die Schoa überlebten? Wie prägend waren die Erinnerungen der Eltern an Flucht, Konzentrationslager und die ermordeten Familien? Und was bedeutete deren Neuanfang im Land der Täter für das eigene Leben?

»Die Kinder der Schoa-Überlebenden sind in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der zeithistorischen Forschung gerückt«, sagte Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, in seiner Begrüßungsansprache. Der Historiker sprach von einem regelrechten »Schweigekomplott«: Die Nachgeborenen hätten die sprachlose Geschichte und die häufig verdrängten Schuldgefühle der Ersten Generation geerbt. Damit laste ein erheblicher psychischer Druck auf ihnen.

»In Deutschland und Österreich stellte sich für die Angehörigen der Zweiten Generation zudem die Frage: Soll ich bleiben, oder soll ich gehen?«, so Neumärker. Bücher wie das der Autorin von Treuenfeld seien daher wichtig, um einem breiten Publikum verständlich zu machen, welche Herausforderung es darstellt, mit dem Ungeheuerlichen leben zu müssen.

informationsfetzen Drei prominente Vertreter der Zweiten Generation waren ins Dokumentationszentrum gekommen, um über ihre Erfahrungen zu berichten: Ilja Richter, Sharon Brauner und Andreas Nachama. Sie alle verbindet ihre Berliner Herkunft. »Schon als Jugendlicher war mir klar, dass meine Familie irgendwie anders ist als die von Altersgenossen. Über die Vergangenheit wurde zu Hause aber kaum gesprochen. Es gab nur Informationsfetzen, anhand derer ich mir meinen Teil zusammenreimen konnte«, sagte Nachama.

Der 65-Jährige ist Rabbiner, Historiker und Direktor der Topographie des Terrors. Sein Vater, Estrongo Nachama, stammte aus Thessaloniki und überlebte das Vernichtungslager Auschwitz und das Konzentrationslager Sachsenhausen. Sein Sohn Andreas wurde 1951 in West-Berlin geboren. »Mein Vater wollte mir als Jugendlichem nie sagen, dass er in Auschwitz war«, erzählte Nachama.

ruinen Der Schauspieler Ilja Richter ist nur ein Jahr jünger als Nachama. Auch er ist im Berlin der Nachkriegsjahre groß geworden, ebenfalls als Sohn von Überlebenden. »Hast du eigentlich auch in den Häuserruinen gespielt?«, fragte Richter plötzlich Nachama. »Oh ja! Ich erinnere mich noch sehr gut daran«, erwiderte Nachama. »Das war wirklich abenteuerlich damals; wir haben uns von der Mutter dafür häufig Schimpfe anhören müssen.« Die beiden Männer tauschten einen verständnisvollen Blick.

»In meiner Familie wurde tatsächlich schon sehr früh über das Vergangene gesprochen – allerdings ausschließlich hinter verschlossenen Türen«, sagte Richter. Bis zu seinem 30. Lebensjahr habe er nie öffentlich über die Schoa gesprochen und in welcher Form sie seine Familie betroffen hat.

Auch wenn er sich seiner jüdischen Wurzeln immer bewusst war, habe er sich lange Zeit gar nicht jüdisch gefühlt. Sein Vater, Georg Richter, war überzeugter Kommunist und wurde deswegen von den Nationalsozialisten verfolgt. Seine Mutter, Eva Richter, überlebte die Zeit der Schoa mit gefälschten »arischen« Ausweisdokumenten. Ilja Richter sprach von einer Trauer, die er tief in sich verspüre. Er versuche stets, dieses Gefühl in Heiterkeit und positive Energie umzudeuten. Als er das sagte, nickte Sharon Brauner. Sie kennt das Gefühl nur zu gut.

gepäck »Ich habe von zu Hause zwei Gepäckstücke mit auf meinen Weg bekommen«, berichtete die 47-jährige Schauspielerin. »Von meiner Oma: dass nicht alle Gestapo-Offiziere schlechte Menschen waren, denn sonst würde ich heute nicht hier sitzen. Und von meiner Mutter: die Verpflichtung, in meinem Leben glücklich zu sein.«

Den Satz »Wir haben doch nicht Hitler überlebt, damit du jetzt unglücklich bist« habe sie in ihrer Jugend allzu oft gehört. »Die Schoa war schon seit meiner frühen Kindheit präsent. Ich habe sie quasi mit der Muttermilch aufgesogen«, so Brauner. Die Tochter des Filmherstellungsleiters Wolf Brauner und der ehemaligen Kostümbildnerin Renee Brauner spielte 1984 in dem Schoa-Drama Blutiger Schnee mit. Darin geht es um die Erfahrungen ihres Onkels Artur Brauner während der NS-Zeit. Als Musikerin ist Sharon Brauner vor allem für ihre Neuinterpretationen jiddischer Volkslieder bekannt.

»Dass ich meine Kindheit und Jugend einmal zum Thema eines Buchbeitrags machen würde, hätte ich vorher auch nicht gedacht«, sagte Andreas Nachama. Er begreife diese Möglichkeit auch als Chance, um die Erinnerungskultur um eine weitere Perspektive zu erweitern.

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