Bekehrung

Zwischen Missionsbefehl und Dialog

Seit 1950 ringen die Kirchen in Erklärungen um das Verhältnis zu den »älteren Brüdern« – doch der große theologische Wurf steht noch aus

Aktualisiert am 16.01.2017, 09:03 – von Karl Erich GrözingerKarl Erich Grözinger

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Das hässliche Wort »Judenmission« markiert immer noch eine Trennungslinie zwischen Judentum und Christentum – das hat nicht zuletzt die Debatte auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im November 2016 gezeigt.

Und das, obwohl der von der Versammlung veröffentlichte Beschluss – außer in der erklärenden Präambel – diesen Begriff vermeidet und zugleich eine solche Missionierung ablehnt: »Christen sind – ungeachtet ihrer Sendung in der Welt – nicht berufen, Israel den Weg zu Gott und seinem Heil zu weisen. Alle Bemühungen, Juden zum Religionswechsel zu bewegen, widersprechen dem Bekenntnis zur Treue Gottes und der Erwählung Israels.«

»Alle Völker« Diese behutsame Formulierung will den beiden widersprüchlichen neutestamentlichen Grundtexten für diese Frage gerecht werden. Dies ist auf der einen Seite der sogenannte Missionsbefehl »Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« (Matthäus 28,19) – und auf der anderen die Überlegungen des Paulus im Römerbrief Kapitel 9–11, deren Deutung allerdings wegen ihrer Janusköpfigkeit umstritten ist. Immerhin gibt es da die Aussage: »Hat Gott sein Volk etwa verstoßen? Das sei ferne! … Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor ersehen hat.« (Römer 11, 1–2).

Aber zugleich spricht der Apostel nur von einem Rest der Israeliten, welche die richtige Einstellung bekundeten und daher in der Gnade Gottes bleiben. Die innerkirchlichen Auseinandersetzungen haben folglich ihren Fokus in der Frage, ob von dem Missionsbefehl, »alle Völker« zu lehren und zu taufen, das erwählte Volk Israel ausgenommen ist.

Entscheidend ist nun – und dies ist aus jüdischer Sicht der wirkliche Maßstab zur Beurteilung der christlichen Position –, dass nicht der Wortlaut der angeführten Stellen zählt, sondern deren Verständnis durch die Christen, und dieses hat sich im Laufe der langen Kirchengeschichte nicht unerheblich verändert. Es war immer der Zeitgeist, der entweder die eine oder die andere Seite in den Vordergrund rückte oder gar stillschweigend in den Hintergrund verdrängte.

Lernprozess
Dies ist heute noch so: Auch die Publikation der evangelischen Synode gibt solche zeitbedingten Veränderungen offen zu, bis hin zur Distanzierung von Luthers Schmähungen gegenüber den Juden. Sie spricht von einem Lernprozess, der zugestandenermaßen leider erst nach den Schrecken der Schoa eingesetzt hat, teilweise verbunden mit einem Schuldbekenntnis. Wie grundstürzend diese Deutungsveränderungen schon immer waren, mag ein kurzer Rückblick erhellen, der zugleich zeigt, wozu solche Neu-Deutungen imstande sein können.

Natürlich – und das muss für alle Betrachtungen der jüdisch-christlichen Beziehungen gelten – ist für die Kirche die Beziehung zum Judentum, bei gleichzeitiger Abgrenzung, theologisch unverzichtbar. Mit der Verwurzelung im Judentum steht und fällt das Christentum und dessen Selbstverständnis, während für das Judentum aus religiösen Gründen eine Beziehung zum Christentum belanglos ist – es sei denn als Erinnerung an grenzenloses Leid und Verfolgung. Das Christentum braucht das Judentum. Das Judentum – als Religion betrachtet – kann ohne das Christentum existieren.

Ölbaum Schon Paulus verweist mit seinem Bild vom Ölbaum, dem einige Äste ausgerissen und an deren Stelle die Heidenkirche eingepflanzt wurde, auf diese unverzichtbare Verbindung des Christentums mit dem Judentum – allerdings unterscheidet er zugleich zwischen einem »Israel nach dem Fleisch« und einem »nach der Verheißung«, welch letzteres die Kirche ist.

Die frühe Kirche hat diesen Hinweis dahingehend gedeutet, dass nunmehr die Kirche das »wahre Israel« sei, womit die »alten Verheißungen« an Israel für ungültig erklärt beziehungsweise durch die Kirche als deren »Erfüllung« ersetzt wurden. Das Judentum wurde dadurch seiner Identität beraubt. Die dennoch anhaltende Weiterexistenz des »verworfenen« Israel wurde schließlich von Augustin als Zeichen für die Wahrheit des Christentums gedeutet.

Eine weitere Verschärfung war die christliche Behauptung, dass die Juden ihre eigene Tora nicht verstehen, weil sie eine Binde vor den Augen hätten, die ihnen die christliche Wahrheit der Tora verdeckt. Die mit den Augen verbundene Synagoga neben der strahlenden Ekklesia an den Domen von Straßburg, Worms, Freiburg und Bamberg haben diesen Vorwurf in Stein gemeißelt.

martin Luther Martin Luther krönte diese Auffassung mit seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543), die sich eben auf die jüdische Toraauslegung bezog. Die weiteren Konsequenzen dieser Entwicklung sind bekannt. Es bedurfte offenbar der vom christlichen Antijudaismus vorbereiteten, von Luther geforderten und von Christen ins Werk gesetzten Vernichtung des Judentums, welche bei den Kirchen endlich die Scham und Neubesinnung anregten.

Gemessen an solchen Deutungen der biblischen Texte haben die Kirchen nach 1945 einen großen Schritt getan. Aber im Vergleich mit der protestantischen Erklärung von 1950 und »Nostra Aetate« des Zweiten Vatikanischen Konzils 1965 erfolgten inzwischen nur noch zaghafte Schritte.

»Nostra Aetate« Schon Nostra Aetate verhandelt die Beziehung zum Judentum nur als Teil der Verhältnisbestimmung der katholischen Kirche zu den anderen Religionen und stellt da sogar den Islam vor das Judentum. Diese Erklärung spricht, wenn es um die Christen geht, stets von »Heils-Tatsachen«, doch wenn es um die Juden geht, dann nur von Redeweisen. So zum Beispiel: »Gewiss ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen.« Es wird nicht gesagt: »Sie sind nicht verworfen!«

Die »unheilige« Seite der Juden wird hingegen wieder als Tatsache dargestellt: »Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt, und ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt.« Man vergisst auch nicht, auf die Schuld der »jüdischen Obrigkeiten« hinzuweisen, die »auf den Tod Christi gedrungen haben«. Für jüdische Ohren sind dies unverhohlene Echos aus einer wohlbekannten Vergangenheit.

Einen Fortschritt gegenüber Nostra Aetate markiert die im Dezember 2015 herausgegebene »Verlautbarung des Apostolischen Stuhls«, auch wenn sie für Juden schmerzliche Formulierungen enthält. Die Autoren der »Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum« haben religionsgeschichtliche Erkenntnisse aufgenommen und versuchen den Balanceakt mit der bisherigen Tradition.

Jetzt wird eigens auf die theologische Sonderstellung des jüdisch-katholischen Dialogs hingewiesen, »da das Christentum jüdische Wurzeln aufweist«, die »Juden sind … die ›älteren Brüder‹«, auch wenn für die Juden »die Gestalt Jesu« der »Stein des Anstoßes« bleibt. Andererseits wird die Trennung von Kirche und Synagoge letztlich der »Polemik« »in der jüdischen Gemeinschaft bezüglich der Gestalt Jesu« zugeschrieben.

Karfreitagsfürbitte Mit Nostra Aetate sei dem Anspruch, die Kirche ersetze das alte Israel, der Boden entzogen. Allerdings besitze die Kirche »die Erfüllung der an Israel ergangenen Verheißungen«, welche diesem Israel selbst ermangeln. Dieser Sicht entspricht auch die Neuformulierung der alten Karfreitagsfürbitte gegen die »perfiden Juden« durch Papst Benedikt XVI.: »Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen.«

Der Vorwurf, die Juden würden ihre eigene Tora nicht verstehen, wird in dem Dokument des Vatikan von 2015 zwar fallen gelassen, und man erkennt an, »dass die jüdische Lesung der Bibel eine mögliche Leseweise darstellt«. Das dürfe allerdings nicht zu der »Irrmeinung« verführen, dass es zwei Heilswege gebe – »nach dem Motto ›Juden halten die Tora, Christen halten sich an Christus‹«. Es könne keine zwei verschiedene Heilswege geben, denn dies, so die Autoren des vatikanischen Dokuments, würde »die Fundamente des christlichen Glaubens gefährden«, weil Gott seinen Bund mit dem Volk Israel nie aufgekündigt hat. Christi Heilswerk sei universal und beziehe sich auf alle Menschen.

Affront Doch mit solchen Formulierungen hat sich das oben genannte Zitat »alle Völker« des Missionsbefehls wieder eingeschlichen. Dies muss aus jüdischer Sicht ein inakzeptabler Affront bleiben. Die oben betonte Unabhängigkeit des Judentums vom Christentum wird in dieser »Verlautbarung« außerdem infrage gestellt, insofern sie meint, »dass Israel ohne die Kirche in Gefahr stehen würde, zu partikularistisch zu verbleiben und die Universalität seiner Gotteserfahrung nicht genügend wahrzunehmen«.

Was dies alles für die Missionsfrage bedeutet, sagen die Autoren ausdrücklich: Die katholische Kirche unterstützt keine spezifische Missionsarbeit an den Juden. Dennoch »sind die Christen aufgerufen, auch Juden gegenüber Zeugnis von ihrem Glauben an Jesus Christus abzulegen« – wenn auch demütig und in sensibler Weise. Die Kirche hat die Befürchtung, sich selbst aufzugeben, wenn den Juden gegenüber nicht das Christuszeugnis vorgetragen wird.

In diesem Punkt sind die Beschlüsse der EKD-Synode – aus jüdischer Sicht – weiter vorangeschritten. Deren eigene Verunsicherung durch ein Missionsverbot gegenüber den Juden drückt sich allerdings darin aus, dass sie den Schmerz der Trennung von Juden und Christen – angesichts der weiterbestehenden Verheißung an Israel – Gottes unergründlichem Ratschluss anheimstellen.

Aber auch hier bleibt für den Dialog das Bekenntnis ein Ziel: »Auf diese Weise bezeugen wir einander behutsam unser Verständnis von Gott und seiner lebenstragenden Wahrheit.« Für die Kirche ist ein so gearteter Dialog, ich wiederhole es, eine theologische Notwendigkeit, nicht für die Juden: Sie tun damit nur der Kirche einen Gefallen.

messianische Juden
Ein für viele jüdische Gemeinden in Deutschland wichtiges Problem konnte die EKD-Synode bekanntermaßen nicht lösen: Welche Rolle in dieser ganzen Debatte die sogenannten messianischen Juden spielen, die sich ja als Juden sehen und dem Missionsverbot an Juden darum nicht unterliegen würden, ist nur vonseiten der Juden geklärt, die die »Messianischen« nicht als Juden anerkennen, nicht aber von den übrigen beteiligten Parteien. In der Erklärung der EKD-Synode von November 2016 wurden die messianischen Juden bekanntermaßen nicht erwähnt.

Diese Erklärung als »theologische Sternstunde« zu bezeichnen, wie es EKD-Vizepräses Klaus Eberl getan hat, halte ich daher für verfrüht. Es ist vonseiten des Judentums von der Kirche nicht zu viel verlangt, auch jetzt den großen Wurf zu wagen und das Judentum als vollkommen gleichberechtigten religiösen Weg neben der Kirche anzuerkennen – wozu dort aber der Wille oder die Fähigkeit fehlt.

Der Autor ist Judaist und Religionswissenschaftler.

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