Forensik

Die Vermessung von Auschwitz

Das Bayerische Kriminalamt nutzt ein Virtual-Reality-Modell des Lagers, um Aussagen zu überprüfen

Aktualisiert am 02.02.2017, 12:13 – von Franziska KnupperFranziska Knupper

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Baracken, Bäume, Wachtürme, Wege – alles mit einer Genauigkeit von unter einem Zentimeter nachempfunden, erklärt Ralf Breker. Das exakteste Modell der Welt. Für die letzten Feinheiten sei er mit einem sogenannten terrestrischen Laserscanner extra im Lager vor Ort gewesen, um die Umgebung haargenau auszumessen.

Ralf Breker, 43, ist Forensiker und 3D-Spezialist am Bayerischen Landeskriminalamt in München. Im vergangenen Jahr widmete er sich einem zukunftsweisenden und nervenaufreibenden Projekt: einem lebensechten Virtual-Reality-Modell von Auschwitz. »Es soll den Ermittlern dabei helfen, die Wahrheit der Aussagen quasi aus erster Hand zu überprüfen. Man kann nachprüfen, ob jemand von seiner Position aus gewisse Dinge hat sehen können oder nicht. Man kann sich auf Wachtürme stellen und Wege nachempfinden, die jemand vorgibt, gegangen zu sein«, erklärt Breker die Intention hinter dem Projekt.

Virtuelle Realität Seit 2013 gibt es schon ein 3D-Modell des Konzentrationslagers, in diesem Jahr wurde der nächste Schritt Richtung Virtuelle Realität gewagt. Dafür müssen die Softwareprogramme die komplexen dreidimensionalen Welten in Echtzeit und mit mindestens 25 Bildern pro Sekunde berechnen können. »Es war natürlich auch vorher schon möglich, per 3D einen Einblick in die Umgebung zu gewinnen«, betont Breker. Aber das Eintauchen in die Umgebung, die sogenannte Immersion, erleichtere die authentische Vorstellung des Ortes. Richter und Ermittler könnten so eine Vielzahl von Perspektiven – wie in der Realität – einnehmen und die Aussagen der Zeugen oder Angeklagten verifizieren oder widerlegen.

Breker und sein Team arbeiteten mit einer Vielzahl von Fotografien, Vermessungsplänen, Topografien vom Gelände und Luftaufnahmen, um zusätzlich zur eigenen Vermessung ein detailgetreues, fehlerfreies Raster des Lagers zu erschaffen. Denn schließlich soll sein Modell über Wahrheit oder Falschheit einer Aussage entscheiden.

Dabei betont der Ingenieur, dass es sich hierbei wahrhaftig nicht um ein Pilotprojekt handelt; seit sieben Jahren rekonstruiert er nun schon Tatorte bei Kapitaldelikten. »Die Ermittler treten an uns heran, weil sie einen besseren Eindruck der Situation erhalten möchten oder eine Zeugenaussage verifizieren wollen.« Besonders bei Tatorten, die nicht mehr oder nicht in der selben Form existieren, sei die 3D-Nachbildung eine große Chance.

Anstoß für die Kreation eines Modells von Auschwitz waren vor allem die kürzlichen Fälle um die ehemaligen KZ-Wachmänner Johann Breyer und Reinhold Hanning. Breyer wurde 2014 wegen der Beihilfe zum Mord in 216.000 Fällen angeklagt; der 89-Jährige verstarb jedoch noch vor dem Prozess.

Prozess Im Prozess gegen Reinhold Hanning im vergangenen Jahr hat man das vorangegangene 3D-Modell aber bereits erfolgreich nutzen können. Der ehemalige SS-Unterscharführer wurde im Juni 2016 nach einem viermonatigen Prozess zu fünf Jahren Haft verurteilt. Hanning war als Leiter von Wachmannschaften in Auschwitz und Sachsenhausen eingesetzt worden und in dieser Position am Mord von mindestens 170.000 Menschen beteiligt gewesen.

Die Details des Massenmordes hätten ihm bei den Recherchen zu diesem Projekt emotional zugesetzt, gibt Breker zu. Obwohl er nun schon lange im kriminaltechnischen Geschäft zu Hause ist und es gewohnt ist, »mit den tagtäglichen Schattenseiten der Gesellschaft konfrontiert zu werden«, habe die letztjährige Arbeit ihn doch sehr gefordert. »Gerade durch die mehrmaligen Besuche vor Ort habe ich viele Details der Systematik des Lagers erfahren. Das ist nicht spurlos an mir vorübergegangen.«

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