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Das Awraham-Emoji

Als erstes Land der Welt hat Finnland nationale Chat-Symbole. Was ist mit jüdischen Icons?

05.01.2017 – von Rabbiner Yitzchok TendlerRabbiner Yitzchok Tendler

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Wir nehmen 2000 Emojis auf dem Standard-Smartphone als selbstverständlich hin, doch Emojis sind eine hochkomplizierte Angelegenheit. Als erstes Land auf der Welt hat Finnland nationale Emojis eingeführt – und beim Unicode Consortium, den geheimnisumwitterten Emoji-Hütern im Silicon Valley, durchgesetzt, dass seine nationale Identität in grafische digitale Zeichen umgesetzt wird.

Dafür mussten die Experten zunächst das, was das Wesen der Nation und ihrer 5,5 Millionen Menschen ausmacht, zu Bildchen auf der Smartphone-Tastatur komprimieren. Nach einem aufwendigen Eingrenzungsprozess war die finnische Identität auf vier Symbole eingedampft.

Sauna Nach monatelangem Warten verkündete das Unicode Consortium im November 2016 seinen Entschluss. Die nationale Identität Finnlands kann jetzt auf dem Smartphone per Twitter, SMS oder E-Mail auf zweierlei Weise versendet werden: als Paar Socken oder als Sauna.

Das führt uns zu einem jahrtausendealten biblischen Thema: Würde man das Leben unseres Vorvaters Awraham auf ein Emoji reduzieren wollen, wofür würde man sich entscheiden? Und wenn wir nur ein »Standbild« – oder auch ein paar davon – für die entscheidenden Momente in Awrahams Leben zur Verfügung hätten, welche würden wir wählen?

schwert Awraham, wie er mit dem Hammer die Götzenbilder seines Vaters zerstört und die vorherrschende polytheistische Weltanschauung herausfordert? Oder wie er nach dem Verlassen seiner Heimat am Kreuzweg der Kulturen steht, den Glauben an den einen Gott verkündet und so den Lauf der Geschichte ändert? Oder wie er als fast 100-jähriger Ehemann Gott um ein Kind mit seiner Frau Sara bittet? Vielleicht würde ihn das Symbol auch bei seiner schwersten Prüfung zeigen: das Schwert in der Hand, bereit, seinen Sohn Jizchak zu opfern.

Die jüdische Tradition hat sich diese Frage bereits gestellt. Die überraschende Antwort hallt in der Geschichte wider und gibt eine wichtige Lektion für unsere Zeit. Im Talmud stellt Rabbi Jochanan fest, dass Jehoschua das 1. Buch Mose, in dem die Erzählung von Awraham und seinen Nachkommen den größten Raum einnimmt, als »Sefer Hajaschar« bezeichnet, unzureichend übersetzt als »das Buch der Aufrechten« (Awoda Sara 25a).

Aufrichtigkeit Rabbi Naftali Tzvi Yehuda Berlin (1816–1893), Dekan an der bedeutenden Jeschiwa von Waloschyn, fragt sich in der Einleitung seines Kommentars zum 1. Buch Mose: Warum wählen wir aus all den zur Verfügung stehenden Adjektiven das Wort »jaschar« – aufrecht –, um Awraham zu beschreiben? Und was soll dieses Adjektiv bedeuten?

Die Antwort Rabbi Berlins, der andere traditionelle Quellen heranzieht, erstaunt: Awrahams höchster Ruhm liegt nicht in seiner Frömmigkeit, Gerechtigkeit oder in seiner starken und einzigartigen Beziehung zu Gott begründet. Sein entscheidender Charakterzug manifestierte sich auf höchst dramatische Weise in seinem Umgang mit jenen, die nicht mit ihm übereinstimmten. Während dieses Verhalten in der langen Erzählung von Awraham und seinen Nachkommen in unterschiedlichen Szenen aufscheint, kommt es in der Geschichte von der Zerstörung Sodoms am deutlichsten zum Ausdruck.

Awraham war der Mann, der am dritten Tag nach seiner schmerzhaften Beschneidung ein Gespräch mit Gott höchstpersönlich unterbrach und hinaus in die pralle Sonne lief, um Wanderer willkommen zu heißen, die er für götzendienerische Nomaden hielt. Am Ende stellte sich heraus, dass es Engel waren und dass Gott beschlossen hatte, durch sie Seine Absicht zu kommunizieren, Sodom zu zerstören.

Sodom Sodom war ein Stadtstaat, der für all das stand, was dem Prinzip »Ein großzügiges Auge, ein sanftmütiger Geist und eine demütige Seele« des abrahamitischen Glaubens widersprach (Awot 5,19). Gäste wurden misshandelt und missbraucht, Barmherzigkeit war verpönt, die gesamte Gesellschaft war auf Niedertracht und Grausamkeit gegründet.

Man sollte annehmen, Awraham hätte auf die Nachricht mit großer Freude reagiert, als Gott ihn über die bevorstehende Zerstörung Sodoms informierte. Schließlich war das ein großer, einschneidender Sieg für »sein Team«. Die führende politische Einheit, die Awrahams Weg blockierte, als er seinen Glauben an Gott verbreitete und Barmherzigkeit und Güte lehrte, würde zerstört und nie wieder zu einer Bedrohung des neuen Glaubens werden können.

Doch Abraham freute sich nicht; er tat genau das Gegenteil. Er bat, er flehte, er beschwatzte Gott, verhandelte mit Gott: Bitte schone diese Menschen, vielleicht haben sie ja auch gute Eigenschaften, vielleicht gibt es 50, 40, 30, 20, ja zehn Gerechte (1. Buch Mose 18, 20–33)!

Awraham hasste, wofür Sodom stand, doch das änderte nichts an seinem Wunsch, dass seine Einwohner leben und gedeihen mögen. Und das ist das Emoji Awrahams: die unerschrockene Erklärung, dass, auch wenn Glaube, Religion und Werte enorm wichtig sind und wert, unser Leben daranzugeben: Letztendlich zählt nur, was jemanden zu einem »jaschar« macht. Und das ist die Fähigkeit, den politischen oder theologischen Gegner als Mensch zu schätzen, auch wenn man selbst 100-prozentig anderer Meinung ist.

Dogmen Als Amerikaner, als Juden und als Menschen wählen wir ständig unsere Emojis. In der Hitze des schmerzhaften Präsidentschaftswahlkampfs kam es auch dazu, dass wir als Emojis vorübergehend die Werte präsentierten, die uns am Herzen liegen. Emojis können die Form von wirtschaftlichen, sozialen und ideologischen Dogmen annehmen, von denen wir felsenfest überzeugt sind.

Doch die jüdische Tradition mahnt uns, »Schüler Awrahams« zu sein und eine »demütige Seele« zu haben, eine Einstellung, die der mittelalterliche Kommentator Raschi so beschrieb: »Er hat keine Kategorien, die definieren, mit wem er verkehren darf und mit wem nicht … Er setzt sich mit allen Menschen zusammen.«

Wir wollen uns das Emoji Awrahams zu Eigen machen. Wir wollen die Werte, die uns in unserer Geschichte stets motiviert haben, beibehalten. Wir dürfen nicht zulassen, dass in uns der grundlegende Wunsch zerstört wird, das Gute im anderen zu sehen, auch wenn wir nicht mit ihm übereinstimmen.

Identität
Unsere nationale Identität ist – bei allem Respekt für Finnland – kein Paar Socken, das wir jeden Tag wechseln, sondern sie ist beständig wie ein unerschütterlicher Fels des gegenseitigen Respekts und Anstands.

Übersetzung und Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

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