Deutsch-polnisches Projekt

»Es fehlt an jeglichem Gedenken«

Historiker arbeiten die Geschichte jüdischer Zwangsarbeiter beim Bau der Reichsautobahn auf

Aktualisiert am 27.03.2017, 11:22 – von Maria UgoljewMaria Ugoljew

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Slawomir Milejski ist gegen das Vergessen. Deshalb steht er oft im Wald bei Lagów und sucht nach Resten aus der Vergangenheit. Porzellan mit Hakenkreuzsignatur, Stofffetzen eines Handschuhs, Uniformabzeichen, verrostete Taschenmesser und Stacheldraht-Überbleibsel hat er bereits gefunden. In einer Pappschachtel bewahrt er alles auf.

Das kleine Städtchen Lagów liegt rund 65 Kilometer von Frankfurt (Oder) entfernt, noch einmal 100 Kilometer weiter westlich liegt Berlin. Nach der Wende hat es sich als Naherholungsort einen Namen gemacht. An der Landstraße stehen Werbeschilder von Hotelanlagen. Dass sich unweit des Touristenmagnets einst Zwangsarbeitslager für den Reichsautobahnbau befanden, weiß von den Besuchern wahrscheinlich niemand. »Es fehlt hier an jeglichem Gedenken«, sagt Slawomir Milejski.

Arbeitslager Bei seinen Suchaktionen hat er die Geschichten seines Großvaters Edmund Napierala immer im Ohr, die ihm seine Eltern so oft erzählt haben. Dieser kam 1942 als polnischer Zwangsarbeiter auf einen deutschen Bauernhof in Lagów. Dort musste er Milchkannen schleppen – eine Aufgabe, die den damals 27-Jährigen auch in die nahe gelegenen Arbeitslager bei Zelechów (Selchow) und Gronów (Grünow) führte.

Was er dort sah, hat Edmund Napierala bis an sein Lebensende nicht mehr losgelassen: Zahlreiche ausgehungerte polnische Juden sind ihm in den Lagern begegnet. Wenn die deutschen Aufseher nicht dabei waren, steckte er ihnen heimlich Essen zu.

Heute hat sich die Natur die Orte in der Nähe einer Landstraße zurückerobert. Doch die Bäume, das hochgewachsene Gras und das Moos können die Geschichte nicht gänzlich verdecken. Betonfundamente und Treppen ragen aus dem löchrigen Boden bei Gronów. Man solle unbedingt aufpassen, wo man hintritt, sagt Slawomir Milejski. Schrottsucher seien oft hier und buddelten die Erde auf.

Anhand der baulichen Überreste hat Milejski das 100 mal 180 Meter große Lager rekonstruiert: Fünf Baracken habe es in dem Waldstück gegeben, einen Appellplatz mit einem Galgen, einen Löschteich, Toiletten und ein Gebäude für die deutsche Lagerleitung inklusive Küche. »Wenn den Ort keiner absichert, dann steht hier vielleicht irgendwann ein Supermarkt oder ein Hotel«, sagt der 36-Jährige.

Einige Autominuten von dem ehemaligen Lager entfernt, ragen meterhohe Hügel aus dem Waldboden. Es handle sich um originale Bauspuren des Autobahnbaus, erklärt Slawomir Milejski. Unter einem der Hügel vermutet er ein Massengrab. In den 80er-Jahren sei ein Rabbiner dort gewesen, um eine Andacht abzuhalten. »Das war der einzige Gedenkmoment«, erinnert sich Milejski.

lokalforscher Slawomir Milejski betreibt seine Nachforschungen seit vielen Jahren. Dass seine Erkenntnisse heute öffentlich werden, verdankt er einem deutsch-polnischen Projekt, das sich der Aufarbeitung der Zwangsarbeitsgeschichte beim Reichsautobahnbau zwischen Frankfurt (Oder) und Poznan verschrieben hat. Der Verein »Institut für angewandte Geschichte« hat es initiiert. Geldgeber sind die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« und die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

Der Kulturwissenschaftler Matthias Diefenbach leitet das Projekt. Aufgrund mangelnder historischer Dokumente sind Menschen wie Slawomir Milejski für den Forscher eine wahre Schatzgrube, ebenso wie Mieczyslaw Janas und Boleslaw Lisek: Als passionierter Lokalforscher hat Janas dafür gesorgt, dass heute an einer Dorfstraße in Wasowo eine Gedenktafel für die polnischen Juden des Zwangsarbeitslagers Hardt steht; Lisek hat als Zeitzeuge bei der Rekonstruktion der Geschichte geholfen.

spuren Dort, wo heute Raps angebaut wird, befand sich von 1941 bis 1942 ein ähnlich aufgebautes Lager wie jene bei Gronów oder Zelechów, sagt Mieczyslaw Janas. Es war ebenso groß, hatte wie die anderen einen Appellplatz, einen Galgen und Holzbaracken. Circa 300 Juden – alle aus dem Ghetto Litzmannstadt in Lodz – seien dort untergebracht gewesen.

Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden pro Tag hatten sie auf der etwa einen Kilometer entfernten Autobahnbaustelle zu arbeiten. Der siebte Tag war zum Saubermachen des Lagers vorgesehen. Weder die Kleidung noch die Nahrungsmittelversorgung waren dazu gedacht, dass die Menschen den Einsatz überlebten.

Unterernährung, Krankheiten und Verletzungen prägten den Alltag. Wer starb, ist von Boleslaw Liseks Vater, Józef Lisek, zum nahe gelegenen Friedhof abtransportiert worden. Einmal, er sei elf Jahre und sieben Monate alt gewesen – daran erinnert er sich noch genau –, habe er die Arbeit seines Vaters ausführen müssen, sagt der heute 89-Jährige.

1942 ist das Lager Hardt geschlossen worden, wie auch viele andere. Der veränderte Kriegsverlauf, die zahlreichen Niederlagen der deutschen Truppen an der Ostfront leiteten den Baustopp ein. Alle Juden, die bis dahin den Arbeitseinsatz überlebt hatten, kamen entweder in ein anderes Zwangsarbeitslager oder in ein Konzentrationslager.

dokumente An die Geschichte des Reichsautobahnbaus zwischen Frankfurt (Oder) und Poznan zu erinnern, sei ein schwieriges Unterfangen, sagt Matthias Diefenbach. Die Lagerdokumente seien von der Gestapo, die mit der Organisation der Zwangsarbeitslager beauftragt war, gründlich vernichtet worden. Deshalb gebe es keine genauen Angaben zur Anzahl der Lager oder der jüdischen Zwangsarbeiter.

Vermutlich hat es mehr als 30 Lager gegeben. die Dokumente und Zeitzeugenberichte legen nahe, dass 10.000 jüdische Männer zwischen 1940 und 1942 ihren Dienst am Autobahnbau leisteten.

Es gibt dennoch einzelne Beweise für die in Vergessenheit geratene Geschichte. In deutschen und polnischen Archiven stoßen die Projektmitarbeiter immer wieder auf Dokumente. Im Bundesarchiv Berlin hat Matthias Diefenbach zum Beispiel eine Monatsübersichtsliste ausfindig gemacht, angefertigt im Mai 1942 von der Reichsautobahndirektion. Diese war für das deutsche Verkehrswesen im Allgemeinen und für die Planung des Autobahnbaus im Besonderen verantwortlich.

In der Monatsliste sind die Lager zwischen Frankfurt (Oder) und Poznan und deren Inventar aufgezählt: Wie viele Baracken gab es pro Lager? Wie viele Stockbetten? Wie viele Juden? Daneben notiert wurden die Namen der Lagerführer und die Frage, ob das Lager für den Abbau vorgesehen oder bereits abgebaut worden war, und wohin es – zum Teil mit Belegschaft – dann verlegt wurde.

ghetto Dass die jüdischen Arbeiter aus verschiedenen Ghettos in Lódz, Zdunska Wola, Gabin, Gostynin und anderen besetzten polnischen Städten rekrutiert wurden, geht unter anderem aus Akten der Ghettoverwaltungen hervor.

Zu Beginn meldeten sich die Männer für den Einsatz noch freiwillig. Denn in den Ghetto-eigenen Arbeitsämtern hieß es, sie könnten sich auf dem Bau etwas Geld hinzuverdienen. Jüdische wie deutsche Ärzte untersuchten die Männer im Vorfeld. Wer gesund genug war, bekam die Erlaubnis, am Reichsautobahnbau mitzuwirken. Allerdings kam niemand von seinem Einsatz jemals wieder zurück.

Schwarz-Weiß-Fotografien dokumentieren diesen Teil der Geschichte. Sie hängen in dem kommunalen »Museum des Martyriums Zabikowo« in Lubon, einer Nachbarstadt von Poznan. Im Fokus der Ausstellung steht die Dokumentation des Zwangsarbeitslagers in Zabikowo, das von der Gestapo 1942 eingerichtet worden war.

audioguide Zwischen Lubon und Poznan verläuft heute die Autobahn A 2. Am 4. Juni 2014 hat sie auf Initiative des ehemaligen polnischen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski den Ehrennamen »Autostrada Wolnosci« erhalten, Autobahn der Freiheit. Wenige Monate später, am 9. Oktober, verlieh Katherina Reiche, Brandenburger CDU-Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, der A 12 bei Frankfurt (Oder) ebenfalls den Titel »Autobahn der Freiheit«. Die Bezeichnung soll an die Umbrüche des Jahres 1989 erinnern.

Dass die Trasse heute größtenteils genau so verläuft, wie es Fritz Todt, NS-Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen und den Reichsautobahnbau, einst geplant hatte, ist bei der Ehrenbenennung außer Acht gelassen worden. Dass Tausende Menschen in der Nähe der heutigen Strecke ihr Leben verloren haben, ebenfalls.

Anfang kommenden Jahres werden die Ergebnisse des Forschungsprojekts in einer Publikation veröffentlicht. Zudem ist ein Audioguide geplant, mit dem Interessierte die ehemaligen Zwangsarbeitsstätten aufsuchen können.

Infomaterialien stehen ab Februar 2017 unter
www.instytut.net zur Verfügung.

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