Porträt der Woche

»Das Leben geht weiter«

Jakov Sukonnik war Mathematiklehrer in Kiew und unterrichtete Überlebende von Babi Jar

22.09.2016 – von Matilda Jordanova-DudaMatilda Jordanova-Duda

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Jeden Morgen, wirklich jeden, gehe ich in die Synagoge. Freitags auch zweimal. Nach dem Gottesdienst kehre ich nach Hause zurück, frühstücke und lege mich aufs Ohr. Ich stehe nämlich sehr früh auf: Um vier Uhr bin ich schon auf den Beinen und bereite mich vor. Das Gebet beginnt um 7.45 Uhr, damit die Berufstätigen danach zur Arbeit gehen können. Nach dem Mittagsschlaf lese ich, sehe fern und erledige dies und das. Religion war früher weniger zentral in meinem Leben. Ich habe sie erst hier für mich entdeckt, wie auch die anderen, die jeden Tag kommen. Es sind immer zehn Leute für den Minjan da. Der Besuch der Synagoge ist »geistige Nahrung«. So wie wir jeden Tag Essen zu uns nehmen, brauchen wir geistige Nahrung.

Als meine Familie und ich 1992 in Köln ankamen, kannten wir niemanden. Wir wussten nicht, an wen wir uns wenden sollten. Vertreter der Gemeinde empfingen uns und luden uns in die Synagoge ein. Wir gingen hin, lernten Leute kennen, und nun sind wir regelmäßig dort. Ich habe den Klub »Nasch dom« (Unser Haus) mitgegründet, habe Vorträge gehalten und versuche nach Kräften, aktiv teilzunehmen. Sonntags bleiben wir, meist ältere Menschen, nach dem Gottesdienst etwas länger, lernen Talmud und Tora und reden über Verschiedenes.

vorurteile Es ist leicht, ein Jude zu sein, so ist meine Meinung. Es ist schwer, sogar sehr schwer, ein Jude zu werden. Manchmal ist ein Leben nicht lang genug. Man muss dafür alle Vorurteile hinter sich lassen, alles Gute verinnerlichen, was die Menschheit bisher geschaffen hat, die Menschen positiv betrachten, die Welt anders wahrnehmen. Das ist nicht einfach, denn wenn jemand einen beleidigt und beschimpft, tut es weh. Aber man muss sich klarmachen, dass nicht alle Menschen so denken.

Warum sind wir nach Deutschland ausgewandert, obwohl meine Großeltern, Onkel, Tanten und Cousins von den Nazis umgebracht wurden? Nun, das Leben geht weiter. Ich habe die Erinnerung an sie und einen tiefen Schmerz in meinem Herzen. Aber es hat sich seitdem alles in der Welt verändert.

Auch die Deutschen sind nicht mehr das, was sie waren: Die Nachkriegsgenerationen sind sich der Tragödie bewusst, die ihre Vorfahren angerichtet haben. Köln war im Krieg zu 90 Prozent zerstört. Das Land hat es geschafft, seine Wunden zu heilen und zur ersten Wirtschaftsmacht in Europa aufzusteigen. Und warum? Weil die Deutschen sich ihrer Schuld bewusst sind und sie wiedergutmachen wollen. Ich habe eine sehr positive Meinung über sie. Sie verdienen die Stellung und den Respekt, die sie sich in der Welt erarbeitet haben. Der Antisemitismus wird hier nicht geduldet.

grosseltern Zu Beginn des Krieges war ich knapp sieben Jahre alt. Ich erinnere mich, dass unsere ganze Familie im Hof der Großeltern versammelt war: Oma und Opa, meine Eltern, die Tanten. Hinter dem Zaun war die Schule, und in der Schule war damals eine Einheit der Roten Armee einquartiert. Ein Oberst warnte uns: »In zwei Stunden werden die Deutschen hier sein. Fahrt weg!«

Innerhalb von zwei Stunden hatten wir alles zusammengepackt, zwei Karren beladen und machten uns auf den Weg in die Nachbarstadt. Wir fuhren auf einem Feldweg zwischen dem Wald und dem Feld, und plötzlich hörten wir ein Brummen. Uns entgegen kamen zwei deutsche Panzerwagen. Sie waren in Eile und gaben sich mit uns nicht ab. Wir erreichten die Nachbarstadt, und am nächsten Morgen sagte meine Oma zu meiner Mutter, ihrer Tochter: »Rosa, dein Mann ist Kommunist, ihr sollt weiterfahren. Wir aber gehen zurück. Ich weiß noch, die Deutschen haben im letzten Krieg den Juden nichts getan. Wir werden leben wie bisher.« So trennten wir uns, und sie gingen zurück in den sicheren Tod.

Ich wurde Lehrer für Mathematik und Physik und unterrichtete zunächst Erwachsene im Alter von 30, 40 oder 50 Jahren, die ihren Schulabschluss berufsbegleitend nachholen wollten. In der Nachkriegszeit gab es viele solche Leute. Die Klassen waren sehr voll. Es saßen 70 Schüler in einer Klasse, je drei auf einer Schulbank, in drei Reihen. 1961 stand ich vor so einer Klasse. Mir fiel auf der letzten Bank ein stämmiger Mann mit einem runden Kopf und müden grauen Augen auf. Nach dem Unterricht kam ich mit ihm ins Gespräch, und er erzählte mir seine Geschichte. Das war Wladimir Davidov, einer der wenigen Überlebenden von Babi Jar.

schlucht In der gleichnamigen Schlucht bei Kiew haben SS, Wehrmacht und Ukrainer im September 1941 über 33.000 jüdische Zivilisten erschossen: Männer und Frauen, Kinder und Alte. Ihre Leichen türmten sich in der Schlucht. Zwei Jahre später, als die Rote Armee sich Kiew näherte, wollten die Nazis die Spuren des Massakers vernichten. 300 Gefangene aus dem benachbarten KZ wurden ausgewählt, die die Leichen ausgraben, verbrennen und die übrig gebliebenen Knochen zermalmen und zerstreuen mussten. Nachdem sie diese Aufgabe erledigt hatten, sollten auch die Zeugen beseitigt werden. Einer von ihnen war Davidov. Ihm gelang es jedoch, mithilfe einer von ihm gefundenen rostigen Schere seine Ketten zu lösen und die Mitgefangenen zu befreien.

In einer verzweifelten nächtlichen Aktion flohen sie: 280 Menschen starben dabei. Davidov und elf seiner Kameraden konnten sich retten. Über sein Leben ist ein Buch geschrieben worden. Man muss erwähnen, meine damalige Schule war buchstäblich 100 Meter von Babi Jar entfernt.

Ich weiß nicht, was Davidov fühlte, als er jeden Tag an diesem Ort des Grauens vorbeiging. Zum letzten Mal sah ich ihn 1966, als sich die Geschehnisse zum 25. Mal jährten. Ich traf ihn bei der Gedenkfeier wieder. Man stellte damals ein Denkmal auf. Wie ich finde, ein unscheinbares, man kann nicht klar erkennen, wem es gewidmet und was genau dort passiert ist. Aber immerhin, es gibt da ein Denkmal.

mörder Meine Verwandten sind nicht dort gestorben. Aber andere 33.000 Juden. Daran waren auch Ukrainer beteiligt. Sie stellten sogar die große Mehrheit der Mörder. Nach der Rückkehr der Roten Armee wurden diejenigen, die man kriegen konnte, verurteilt. Meinen Schülern habe ich immer von der Geschichte dieses Ortes erzählt. Sie waren interessiert, stellten Fragen. Das ist etwas, was jeder wissen soll und auch will.

In der Sowjetunion wusste man zwar von dem Massaker, aber dem Thema wurde wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Man hatte einmal in Leningrad Passanten befragt, was sie über Babi Jar wüssten. Manche glaubten, das wäre ein Restaurant, ein Geschäft für Damenmode oder ein Herbstbrauch.

Später arbeitete ich in einer weiterführenden Schule mit dem Schwerpunkt Mathematik und Physik. Ich mochte den Beruf und wurde respektiert. In meinem letzten Jahrgang hatte ich 57 Schüler und Schülerinnen. Ich habe die Kinder gut auf das Studium und ihr weiteres Leben vorbereitet. Etliche von ihnen sind auch nach Deutschland ausgewandert.

auswanderung Als wir auswanderten, war ich schon 58 Jahre alt. Als Lehrer konnte ich nicht mehr arbeiten, sodass wir von Sozialhilfe lebten. Ich hatte Zeit für all das, was sonst im Berufsleben immer zu kurz kam. Ich lese viel, schreibe Zeitungsartikel und Gedichte. Wir haben anderthalb Tonnen Bücher aus der Ukraine mitgebracht, 200 Bände allein aus der Reihe »Bibliothek der Weltliteratur«. Vieles habe ich schon der Gemeindebücherei gespendet. Zurzeit sitze ich an einem Buch über Humor und sammle Witze. Auch einen Gedichtband will ich in einem russischsprachigen Verlag herausgeben lassen. Langweilig ist mir nicht.

Die beste Zeit verbringen meine Frau und ich allerdings mit unseren drei Enkeln. Wir spielen, reden und helfen, wo wir können. Wir helfen bei den Hausaufgaben; meine Frau ist auch ehemalige Mathelehrerin. Ein Enkel ist schon in der 7. Klasse des Gymnasiums, eine Enkelin besucht die Grundschule, die Jüngste den Kindergarten. Auch die Gemeindemitglieder wissen, dass wir Mathe unterrichtet haben – wer Hilfe für seine Kinder oder Enkel braucht, meldet sich. Der Lehrerberuf bleibt einem ein Leben lang erhalten.

Um mich auf dem Laufenden zu halten, was die Geschehnisse in Russland und auf der Welt betrifft, kaufe ich mir russischsprachige Zeitungen. Das Interesse daran hat bei mir nicht nachgelassen. In der Ukraine war ich zuletzt vor 14 Jahren. Ich verspüre kein Bedürfnis, dorthin zu fahren. Vielleicht besuche ich irgendwann einmal die Gräber meiner Eltern. Wenn ich die Gelegenheit zum Reisen hätte, würde ich sie nutzen. Was kommt, das kommt, und wir geben uns Mühe, dass es etwas Gutes wird.

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