Wagner-Festspiele

Der Messias aus Bayreuth

Warum die Verehrung des Komponisten für viele deutsche Musikliebhaber eine Pseudoreligion ist

21.07.2016 – von Jascha NemtsovJascha Nemtsov

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Ob ich Richard Wagner trotz seines Antisemitismus liebe oder wegen seines Judenhasses ablehne, will der Redakteur pünktlich zum Start der Richard-Wagner-Festspiele am 25. Juli in Bayreuth wissen. Weder noch: Ich fand ihn als Komponisten noch nie sonderlich spannend. Seine musikalischen Gedanken erscheinen mir zumeist wenig interessant. Die harmonischen Banalitäten und formalen Längen sind zwar geschickt mit einem bombastischen Orchesterapparat überdeckt. Ein Schubert-Lied sagt mir dennoch mehr als Wagners vierstündige Opern.

Eingefleischte Wagner-Liebhaber werden nun erzürnt sein – sollen sie auch, das »Sakrileg« ist beabsichtigt. Kaum ein anderer Komponist übt eine solch starke Faszination auf seine Verehrer aus. Wagner nimmt in der deutschen Musikwelt einen besonderen Platz ein, und der im 19. Jahrhundert entstandene Typus des »Wagnerianers« ist noch immer lebendig. Einen fanatischen Anhänger von Chopin oder Tschaikowsky würde man vergeblich suchen, von Wagner sind viele Menschen hingegen geradezu besessen.

Nietzsche Als »meine Krankheit« bezeichnete Friedrich Nietzsche einst seine Passion für Wagner und dessen Musik, von der er sich später in einer »Selbstüberwindung« zu befreien suchte. Eine Heilung fand Nietzsche unter anderem in der »liebenswürdigen« Musik von Georges Bizet: »Das Gute ist leicht, alles Göttliche läuft auf zarten Füßen.« Das könne man von Wagner nicht sagen, dessen Klänge den Zuhörer in einen »verdrießlichen Schweiß« versetzen, so Nietzsche.

Wie erklärt sich dieses Phänomen: Musikbegeisterung als »Krankheit«? Warum berauschen sich Menschen an Wagners Musik, als wäre sie das Höchste in der Welt? Warum wird er so inbrünstig verehrt und abgöttisch geliebt – trotz seiner allgemein bekannten Gemeinheiten, der persönlichen Charakterschwächen und sogar seines ostentativen Antisemitismus?

Das Schicksal des russisch-jüdischen Pianisten Joseph Rubinstein (1847–1884), der Wagner vergötterte, ihm trotz wiederholter antisemitischer Schikanen jahrelang treu diente und den Tod des Meisters nicht verkraften konnte (er erschoss sich dann an Wagners Grab), bietet nur ein Beispiel für diese besondere geistige und psychische Abhängigkeit.

Wagners Faszination kann man nur verstehen, wenn man ihn im Kontext der religiösen Suchen seiner Zeit wahrnimmt. Die Erosion traditioneller religiöser Formen – christlicher und jüdischer – im Laufe der europäischen Aufklärung führte zum Entstehen alternativer pseudoreligiöser Anschauungen. Zu ihnen gehörte auch die romantische Überhöhung der Rolle der Kunst und des Künstlers – die sogenannte Kunstreligion. Wagner hat sich wie kaum ein anderer Komponist selbst zum Propheten einer neuen Religion und letztlich zum Erlöser stilisiert.

guru Sein Persönlichkeitskult hatte weniger mit der Qualität seiner Musik zu tun, sondern vor allem mit der messianischen Botschaft, die sie vermitteln sollte. Seine Anhänger suchten in der Musik nicht nur nach ästhetischem Genuss, sondern auch nach ihrem persönlichen Heil. Das Bayreuther Festspielhaus auf dem »Grünen Hügel« wurde wie eine Art Tempel ausschließlich für Aufführungen seiner Opern errichtet. Es wurde zu einem Wallfahrtsort – noch bevor man zu indischen Gurus zu pilgern begann. Sein letztes Opernwerk Parsifal bezeichnete Wagner ausdrücklich als Bühnenweihfestspiel – entsprechend seiner Verfügung durfte es zunächst jahrelang nur in Bayreuth gespielt werden.

Schon lange zuvor war Wagner davon überzeugt, dass seine Musik in der Lage sei, die Welt und die ganze Menschheit zu verändern. Er wünschte eine Revolution herbei, eine globale Katastrophe, die die ganze Kulturlandschaft zerstören würde. Vor allem »das ungeheure Paris« – die Stadt, in der er keine Anerkennung fand – sollte »in Schutt gebrannt sein«.

Erst dann würde seine Zeit kommen: »Am Rheine schlage ich dann ein Theater auf und lade zu einem großen dramatischen Feste ein. Nach einem Jahre Vorbereitung führe ich dann im Laufe von vier Tagen mein ganzes Werk auf. Mit ihm gebe ich den Menschen der Revolution dann die Bedeutung dieser Revolution, nach ihrem edelsten Sinne, zu erkennen. Dieses Publikum wird mich verstehen: das jetzige kann es nicht.«

Eitelkeit Glücklicherweise sind die Bayreuther Festspiele dann doch nicht als Ergebnis einer solchen Apokalypse entstanden. Heute ist es eher ein postmoderner Vanity Fair, ein Schaulaufen der Prominenz aller Couleur, bei dem kein revolutionärer Erneuerungsgeist, sondern die banale Eitelkeit herrscht. Dennoch ist dieser Ort nach wie vor von Wagners antiaufklärerischer Weltanschauung, seiner Kunstutopie, seiner Vision eines »starken, schönen Menschen« – und auch seinem Antisemitismus – geprägt.

Wagners Judenhass war nicht bloß ein Vorurteil, dem viele Menschen seiner Zeit verfielen, sondern ein Kernpunkt seiner Ideologie, die sein Werk maßgeblich bestimmte. Um seine Ansichten zu vermitteln, musste Wagner keine leibhaftigen Juden auf die Bühne bringen: Alle Gestalten seiner Opern sind hochsymbolisch. Auch bei antisemitischen Motiven in Wagners Werken handelt es sich vielmehr um gewisse Codes, die dem Publikum gut verständlich waren.

»All die Zurückgewiesenen in Wagners Werk sind Judenkarikaturen«, meinte dazu Theodor W. Adorno. Der Jude als »geborener Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr« war für Wagner zugleich die treibende Kraft der verhassten Moderne – der bürgerlichen Gesellschaftsordnung seiner Zeit, der Wagner genauso wie sein Zeitgenosse Karl Marx sehnsüchtig den Untergang wünschte. Beide selbst ernannten Propheten wollten die vorhandene Welt nicht akzeptieren, sie sollte durch ein Paradies auf Erden mit einem neu erschaffenen idealen Menschen ersetzt werden. Beide vermochten viele Menschen durch ihre Zukunftsvisionen zu betören.

Von Wagners utopischem Denken führt eine direkte Linie zu den »ewigmorgigen« Ideologen und Weltverbesserern der heutigen Zeit. »Dass man sich in Deutschland über Wagner betrügt, befremdet mich nicht. Die Deutschen haben sich einen Wagner zurechtgemacht, den sie verehren können«, schrieb Nietzsche 1888 in seinem Essay »Nietzsche contra Wagner«.Worte, die auch heute noch aktuell klingen.

Der Autor ist Pianist, Professor für Musikwissenschaft und hat an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar den Lehrstuhl für die Geschichte der jüdischen Musik inne.

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