Führung

Was Vertrauen weckt

Transparentes Handeln und Kontrolle erleichtern das Zusammenleben in der Gemeinschaft

10.03.2016 – von Rabbiner Jona SimonRabbiner Jona Simon

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Ele Pekudej HaMischkan« – »dies sind die Abgaben, die zur Unterhaltung des Heiligtums gegeben wurden«. Im Midrasch Schmot Raba, einer rabbinischen Sammlung von Auslegungen, führt Rabbi Tanchuma zur Erklärung dieses Verses eine Stelle aus Mischlej, den Sprüchen Salomos, an: »Ein Mann des Vertrauens wird in Fülle gesegnet, aber der, der versucht, schnell reich zu werden, wird an der Sünde nicht vorbeikommen« (28,20). Rabbi Tanchuma lehrte, dass Gott Segen immer durch eine integre Person bringt. Aber wer nicht vertrauenswürdig ist und »versucht, schnell reich zu werden«, werde nicht ungestraft davonkommen.

Der Midrasch lehrt, dass mit dem Mann des Vertrauens Mosche gemeint ist, der ja Gottes Vertrauter war, wie es im 4. Buch Mose heißt: »Meinem Diener Mosche ... wird vertraut in meinem ganzen Haus« (12,7). Und König Salomo sagte in seinen Sprüchen: »Ein Mann des Vertrauens wird in Fülle gesegnet«, da Gott alles segnete, was Mosche beaufsichtigte, wegen seiner Vertrauenswürdigkeit.

Schatzmeister
Eine andere Erklärung bezieht sich auf Mosche als den »Mann des Vertrauens«, weil er zum Schatzmeister über die Arbeiten am Heiligtum gemacht wurde.

Aber wie kann das sein? In der Mischna heißt es, dass man die Kontrolle über die Finanzen eines Ortes oder einer Stadt niemals weniger als zwei Menschen überlassen soll (Schekalim 5,2). War Mosche tatsächlich als Einziger dafür zuständig? Der Midrasch antwortet, dass Mosche sich zwar allein darum kümmerte, aber andere zur Prüfung hinzurief.

So steht in unserer Parascha nicht, dass Mosche die Abrechnungen des Heiligtums verwaltete, sondern wir lesen: Sie »wurden verwaltet, wie Mosche es geboten hatte«. Weiter heißt es »durch die Hände Itamars«, was bedeutet, dass Mosche alle Transaktionen Itamar zeigte.

Der Midrasch führt weiter aus, dass Mosche, sobald das Heiligtum vollendet war, dem Volk einen Rechenschaftsbericht vorlegte, damit alle Einnahmen und Ausgaben von jedem nachvollzogen werden konnten. Bei der Auflistung vergaß Mosche jedoch 1775 Schekel Silber, die am Stiftszelt für Befestigungshaken an den Säulen benutzt worden waren. Als er diesen Fehler bemerkte, öffnete Gott ihm die Augen, und er verstand, wo das Silber verbaut worden war. Nach dieser Korrektur war das Volk zufrieden, und deshalb heißt es: »Dies sind die Abrechnungen.«

Rechenschaft Wie kann es aber sein, dass Gott Mosche für vertrauenswürdig befindet und das Volk Rechenschaft von ihm verlangt? Die gleiche Frage stellen sich wahrscheinlich auch viele Vorstandsmitglieder unserer Gemeinden: Ich wurde gewählt, also muss ich doch nicht Rechenschaft ablegen über das, was ich tue.

Würde diese Wahl für immer gelten (was auch von manchen angenommen wird), hätten sie vielleicht recht. In den meisten Gemeinden und Vereinen ist es jedoch vorgesehen, dass man den Vertreter auch wieder abwählen kann, indem man bei der nächsten Wahl jemand anderen bestimmt.

Durch die Wahl hat die Mehrheit der Gemeinde der gewählten Person ihr Vertrauen ausgesprochen. Das heißt aber nicht, dass die Gemeindemitglieder nicht auch das Recht hätten zu prüfen, ob die Arbeit auch ordentlich erledigt wird. Hierfür ist eine gewisse Transparenz nötig. Im finanziellen Bereich geschieht dies seit Mosches Zeiten durch eine Kassenprüfungskommission.

Aber nicht nur in finanziellen Dingen ist Transparenz nötig, um kein Misstrauen aufkommen zu lassen. Organisationsstrukturen müssen genauso nachvollziehbar sein wie die innerbetrieblichen Abläufe und die Vorgehensweise bei Fehlern im System.

Diese Art der Transparenz wird von einigen Vorständen, egal, ob es sich um eine jüdische Gemeinde handelt, einen Kaninchenzüchterverein oder Sportklub, ungern gewährt. Manche empfinden dies als Eingriff in die Arbeitsweise oder als Angriff auf die Autorität. Dabei schadet Transparenz – und dazu gehört Kontrolle durch außenstehende Organe – durchaus nicht, sondern sie erweckt Vertrauen. Wenn ich eine Organisation mit Geld unterstütze und weiß, dass ich jederzeit sehen kann, wo es investiert wird, dann kann ich sie ruhigen Gewissens weiter unterstützen.

Fehler Allein die Tatsache, dass man nicht allein entscheidet, sondern jemanden an seiner Seite hat, der die Entscheidung mitträgt, macht einen großen Unterschied. Wenn dann doch ein Fehler begangen wird, braucht es jemand anderen, der darauf hinweist, und zwar ungeachtet dessen, wer diese Person ist.

Wir finden hierfür ein berühmtes Beispiel im Tanach: Nathan geht zu König David und legt ihm einen Fall vor. Ein reicher Mann, der viele Schafe besaß, hat für ein Festmahl das einzige Schaf seines armen Nachbarn gestohlen und geschlachtet. König David fordert, den Übeltäter umgehend zu bestrafen, woraufhin ihm Nathan eröffnet, dass es sich dabei um ihn, den König selbst, handele. Denn als David, ein König mit einem großen Harem, dem Chititer Uria seine einzige Frau nahm, habe er Schuld auf sich geladen.

König David bereut daraufhin seine Tat. Er hätte Nathan auch einfach töten, ins Gefängnis werfen lassen oder ihn auf andere Weise diskreditieren können. Tyrannische Despoten, wie wir sie in vielen Regierungen der Welt finden, hätten sicherlich so reagiert. Doch hier versteht der Herrscher den Einwand als berechtigte Kritik an seinem Handeln, bereut die Handlung und gelobt Besserung.

Wir sehen an diesen beiden Beispielen aus unserer Überlieferung, wie Führung und Transparenz funktionieren. Eine wichtige Voraussetzung hierfür finden wir in der Beschreibung von Mosches Persönlichkeit. »Isch anaw haja« lesen wir – »er war ein demütiger Mensch«. Er stellte die Sache, für die er seine Zeit opferte, in den Vordergrund. Anfangs bezweifelte er sogar seine persönliche Eignung, und Gott selbst musste ihn überreden. Auch wir können viel erreichen, wenn wir in den Gemeinden aufhören, uns selbst zu wichtig zu nehmen und verstehen, dass wir für Gott und die Menschen arbeiten. Das ist nicht immer leicht, aber wir tragen diesen Zustand und diese Aufgabe im Namen. Schließlich bedeutet Israel »der mit Gott und Menschen ringt«.

Der Autor ist rabbinischer Studienleiter des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES).

Inhalt
Der Wochenabschnitt Pekudej ist der letzte des Buches Schemot. Er berichtet von der Berechnung der Stoffe, die für das Stiftszelt verarbeitet werden, und wiederholt die Anweisungen, wie die Priesterkleidung anzufertigen ist. Die Arbeiten am Mischkan werden vollendet. Danach werden die Priester und Teile des Stiftszelts gesalbt. Als dies alles vollendet ist, erscheint über dem Heiligtum eine »Wolke des Ewigen«. Sie zeigt dem V0lk die Gegenwart des Ewigen und wird ein Zeichen sein, wann es aufbrechen und weiterziehen soll.
2. Buch Mose 38,21 – 40,38

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