Workshop

Beim Klang des Widderhorns

In der Gemeinde basteln Eltern und Kinder ihr eigenes Schofar

10.09.2015 – von Uri DeganiaUri Degania

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Nach 90 Minuten ist es geschafft: Lea bläst in das soeben selbst bearbeitete Schofar – und es erklingt sogleich ein Ton. Erst zögernd, dann immer dichter, verbreitet sich ein vernehmlicher Klang. Ein wirkliches, ermutigendes Erlebnis für Lea.

Mehr als 20 Kinder zwischen vier und zehn Jahren haben sich am Sonntag im Innenhof der Kölner Synagoge getroffen, gemeinsam mit ihren Eltern und einigen Freiwilligen. Das Bearbeiten eines Schofarhorns war das aktuelle Thema eines Workshops, den Chana Bennett, Eventmanagerin der Synagogen-Gemeinde Köln, in Vorbereitung auf Rosch Haschana organisiert hatte. Alle waren mit Begeisterung und die Jüngsten mit eindrucksvoller Ausdauer dabei. Bei der harten Arbeit konnten die Bastler viele Vitamine und Erfrischungen in Form von Obst und Getränken zu sich nehmen – eine gute Voraussetzung für das gemeinsame Gestalten.

Handwerklich ist das Bearbeiten eines Widderhornes durchaus anspruchsvoll. Beim Horn müssen, wie Chana Bennett und Rabbiner Mendel Schtroks einführend erklären, die Hornspitze und ein Teil der kesselförmigen Ausformung abgesägt werden, damit aus ihm ein funktionierendes Schofar wird.

Zuerst werden die einzelnen Arbeitsmaterialien vorgestellt: Sägen, Schraubzwingen, Feilen und Schleifpapier. Und natürlich die Schutzhandschuhe. Die schweren Arbeitsgeräte wie die Bohrmaschine und eine Schleifmaschine blieben im Verantwortungsbereich der Erwachsenen. Gemeinsam mit den Kindern werden die Schnittflächen begradigt und die Löcher für das Blasen, sofern notwendig, erweitert.

sägeblatt Das Horn des Widders ist hart und widersetzte sich anfangs der Bearbeitung. Immer wieder rutscht die Laubsäge ab, bricht ein Sägeblatt. Viele Mütter übernehmen an dieser Stelle des Arbeitsprozesses die Initiative. Auch einige ältere Kinder greifen helfend ein.

Doch von den Widerständen des Materials lassen sich weder die Kinder beeindrucken noch ihre Eltern, die sie beim Handwerken unterstützen. Ein neues Sägeblatt wird eingesetzt – so lernen die Kinder, dass der Weg zum Erfolg nicht immer einfach ist und einiger Konzentration und Hingabe bedarf. »Es ist wichtig, dass das Sägeblatt wirklich festgeschraubt wird«, erklärt etwa Julia ihrer Mutter. Eine prägende Lernerfahrung.

An einer zweiten Tischreihe geht es beim Arbeiten etwas ruhiger zu: Zahlreiche Ausmalbilder mit Motiven des Schofar liegen bereit, dazu auch etliche Buntstifte. Besonderen Anklang finden die breiten Stifte, durch die die Farben auf die Ausmalmotive gepustet werden können. Außerdem gibt es farbiges Klebepapier, um die bearbeiteten Schofarhörner abschließend optisch zu gestalten.

Voller Stolz zeigt Daniel seiner Mutter sein farbenprächtig gestaltetes Horn. Für Schalom Bär und weitere Kinder ist dies ein Ansporn für eigene Gestaltungsideen. Und unmerklich kommen die Kids bei ihrer Arbeit in Kontakt mit der mehrere Tausend Jahre alten jüdischen Tradition. Ein Stück historischer Kontinuität entsteht, ebenso wie auch familiärer Kontinuität. Im Hintergrund erschallt derweil Musik aus den Räumen des Jugendzentrums Jachad.

atemtechnik Die handwerkliche Geschicklichkeit verfeinert sich bei allen Beteiligten sichtlich, und die Spielgeräte des Innenhofes der Synagoge liegen gleich nebenan. Hier können die Jüngeren das Schofarblasen ausprobieren.

Nach eineinhalb Stunden ist es tatsächlich geschafft, zahlreiche Schofarhörner sind fertig bearbeitet, warten auf ihren stimmlichen Einsatz. »Kinder, wir versammeln uns im Kreis! Jetzt wird es noch einmal spannend!«, rufen Rabbiner Schtroks und Chana Bennett. Der Innenhof ist gut gefüllt, die Aufmerksamkeit hat nicht nachgelassen. »Wer von euch hat denn schon einmal ein Schofar geblasen?« Auf die Frage des Rabbiners recken sich einige Hände hoch. Nacheinander versuchen sich die Kinder – und einige Eltern –, ermutigt durch Schtroks Vorbild, in der Kunst des Schofarblasens.

»Ich selbst bin kein Experte darin«, betont der Rabbiner – und nimmt einigen Kindern damit die Angst davor, beim Ausprobieren des Schofars keinen Ton herauszubringen – oder gar einen falschen. Einigen Kindern glückt jedoch der Ton bereits beim ersten Anlauf: Die Lippen müssen angespannt sein, durch den Einsatz der Lippe können der Ton und die Lautlänge dichter und variantenreicher gestaltet werden, erklärt der Rabbiner. Die Verfeinerung der Atemtechnik, erleichtert durch eine beruhigende Atmosphäre, ergibt sich dann beim Üben von selbst.

nachbarn Die Begeisterung nimmt erkennbar zu. Immer wieder ertönt der von Kindern und ihren Eltern geblasene Ruf des Schofars, der sich mit der Musik des Jugendzentrums vermischt. Nach zehn Minuten ruft Chana Bennett: »Kinder, wir müssen aufhören! Einige Nachbarn beschweren sich schon! Das Essen wartet auf euch.«

Für die Kinder ist das gemeinsame Basteln keineswegs eine neue Erfahrung. Nicht nur im Kindergarten und in der Schule haben sie bereits Erfahrungen gemacht und konnten auf Erlerntes zurückgreifen. Viele von ihnen haben zudem schon an zahlreichen Eltern-Kind-Veranstaltungen wie dieser teilgenommen, die die Gemeinde seit mehreren Jahren anbietet. Frühere Themen waren beispielsweise der gemeinsame Besuch einer Chagall-Ausstellung, die Vorbereitung des Purimfestes, das Schreiben einer Tora und eine Kochwerkstatt. Besonderen Anklang fand bislang das Thema »Wir bauen eine Stadt« in der Kölner Synagoge: 50 Kinder und Jugendliche hatten sich daran beteiligt.

So endet ein gemeinsames Erlebnis sehr harmonisch. Zu den Hohen Feiertagen werden die bunt gestalteten, selbst bearbeiteten Schofarim noch häufiger erklingen. Oder auch schon vorher, schließlich erfordert die Blastechnik einige Übung, um die klangliche Vielfalt zu verbessern. Und preiswerter als im Handel sind die eigenen Hörner allemal. Vor allem aber sind sie ein Stück gelebter jüdischer Tradition.

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