Interview

»Ich hoffe, dass ich aufklären kann«

Andrea Röpke über Recherchen im Nazimilieu, journalistischen Alltag und den Paul-Spiegel-Preis

Aktualisiert am 12.06.2015, 11:05 – von Martin KraussMartin Krauss

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Frau Röpke, seit mehr als zwei Jahrzehnten recherchieren Sie als Journalistin im rechtsextremen Milieu. Was treibt Sie an?
Das ist vor allem die Chance, sich über einen längeren Zeitraum mit einem Thema zu beschäftigen, nicht nur über etwas zu berichten, sondern auch etwas verändern, verbessern zu können. Ich hoffe, dass ich Hintergründe offenlegen und aufklären kann.

Mit Verlaub, damit könnten Sie auch begründen, warum Sie sich etwa für Umweltschutz einsetzen: nachhaltig die Welt verbessern. Aber Sie recherchieren ja im Milieu der Neonazis. Warum das?
Nichts gegen Umweltschutz, ein wichtiges Thema. Aber in der Tat ist das, woran ich mit meinen Fachkollegen arbeite, ein sehr schwieriges Milieu. Ich bin dazu gekommen, weil ich mich an der Uni – ich habe in Bremen Politologie studiert – zunächst mit NS-Täterkarrieren nach 1945 beschäftigt habe. Das war noch ganz klassische Archivarbeit, ich habe Akten und Bücher gewälzt und mich danach – ausgestattet mit mehr Wissen – in die Altnazi-Szene begeben. Ich habe hoch belastete SS-Leute kontaktiert, besucht, angeschrieben und heimlich befragt. Dann beobachteten wir Altnazitreffen oder nahmen an SS-Feiern wie am Ulrichsberg in Österreich oder am Schliersee teil. Ich liebe es bis heute, mich ganz tief in ein Thema einzuarbeiten.

Nun arbeiten Sie im Journalismus, nicht in der Wissenschaft.
Ja, aber es muss Fachjournalisten geben, die tiefer in eine Materie eindringen, die Tendenzen beobachten und einschätzen können. Das ist nicht leicht, zumal Rechtsextremismus ja eher ein Nischenthema ist.

Nischenthema Neonazis? Wirklich?
Vor 2011, also bevor der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) aufgedeckt wurde, war das definitiv ein Nischenthema. Da haben wir vielleicht einmal über Kinderlager der Heimattreuen Deutschen Jugend ausführlich berichten können. Umfangreiche eigene Hintergrundgeschichten über Neonazis in überregionalen Medien zu platzieren, war für freie Journalisten immer schwierig.

Gilt das für alle Medien?
Ja, es war lange kaum Geld für investigative Recherchen da, meine Recherchen aber dauern oft Monate oder noch länger. Außerdem ist Rechtsextremismus kein Quotengarant, wie es etwa Boulevard- oder Gesundheitsthemen sind.

Seit dem Auffliegen des NSU ist die Öffentlichkeit stärker sensibilisiert für das Thema. Bedeutet das einen besseren Schutz für Sie?
Für mich persönlich? Schutz durch Öffentlichkeit?

Ja.
Journalisten sind ja weitaus privilegierter als Jugendliche oder Migranten und Obdachlose, die angegriffen werden. Wenn Nazis auf uns losgehen, dann haben wir meist Kameras dabei oder Kollegen, die aufpassen. Doch die Berichterstattung über Neonaziumtriebe ist keineswegs leichter geworden. Gerade in letzter Zeit hat vor allem durch die »Hooligans gegen Salafisten« und Pegida eine gefährliche Enthemmung eingesetzt, wir werden als »Lügen-« oder »Judenpresse« beschimpft. Auch wütende Rentner meinen, auf Medienvertreter losgehen zu dürfen. Zudem habe ich mich mit unberechenbaren Mischszenen beschäftigt: mit rechten Rockern, mit Hooligans und ähnlichen Gruppen. Da schützt eine gewisse Bekanntheit nicht unbedingt.

Wie darf man sich Ihre Arbeit vorstellen?
Letztes Wochenende zum Beispiel – da war ich mit meinen Kollegen bei einem Neonaziaufmarsch in Neuruppin. Mir ist gleich zweimal in die Kamera geschlagen worden. Beamte standen direkt daneben und ließen die Neonazis gewähren, das ist leider schon Alltag.

Werden Sie nicht von der Polizei geschützt?
Das kommt ja noch hinzu, die Polizisten begreifen uns häufig als Störer oder Provokateure, allein durch unsere Anwesenheit. Die Neonazis mögen diese nicht, es gibt massive Beschwerden und Drohungen in Richtung Polizei. Die gehen dann auf uns los. Diese ständigen Auseinandersetzungen mit zwei Seiten haben sich durch Pegida noch verschlimmert. Wenn jemand mich beleidigt oder mir droht, dann wird meistens so lange vonseiten der Beamten weggeschaut, bis meine Kollegen sich für mich beschweren, mir helfen. Teilweise ist es eine Art »Zweifrontenkrieg«: Wir müssen auf die Neonazis aufpassen, dass sie uns nicht zu nahe kommen, und gleichzeitig das Presserecht gegenüber der Polizei durchsetzen. Die droht uns Platzverweise an, fragt, warum wir denn so viel fotografieren müssten, und will uns Porträts verbieten.

Sie gehören zu den wenigen Frauen, die im Neonazimilieu recherchieren. Macht das einen Unterschied?

Die Kollegen sagen: Bei dir ist es immer noch eine Nuance schlimmer. Die Gruppen, über die wir recherchieren, sind ja patriarchalisch strukturiert und pflegen, männlich-martialisch aufzutreten. Solchen Typen passt es gar nicht, von einer Frau vorgeführt zu werden. Das ist bei Rockern, Hooligans und rechten Typen aus der Kampfsportszene noch ausgeprägter. Gleichwohl muss man sagen: Es gibt Kollegen, denen noch mehr Feindseligkeit entgegenschlägt.

Sie haben die Kollegen erwähnt. Sie selbst sind freie Journalistin. Wie groß ist die Kollegialität, die Solidarität?
In den meisten Fällen wird in der Gruppe gearbeitet. Wir filmen und dokumentieren gemeinsam, was vorfällt.

Wie hat sich die rechtsextreme Szene in den vergangenen Jahren verändert?
Das Selbstbewusstsein der Szene ist seit etwa zehn Jahren deutlich stärker geworden. Das hängt auch an den Millionen Euro, die durch Steuergelder – etwa als Wahlkampf-kostenerstattung – via NPD in die Szene geflossen sind. Mit dem Geld konnten Kaderarbeit geleistet und große Teile der »Bewegung« geschult werden.

Nun aber schwächelt die NPD. Es gibt Beobachter der Partei, die ihr eine Selbstabschaffung prognostizieren.
Zwei neue, noch radikalere Parteien sind auf den Plan getreten. Die machen noch weniger einen Hehl daraus, die Demokratie abschaffen zu wollen. Militante Neonazis spielen sich als Beschützer der Deutschen auf, das geht bis hin zu Bürgerwehren. Damit wollen sie sich abheben von den Massenaufläufen der Populisten.

Woher rührt diese Bewegung der gesamten Gesellschaft nach rechts?
Ich bin keine Wissenschaftlerin, sondern als Fachjournalistin langjährige Beobachterin. Mir scheint aber, dass die NPD sich zwar in der Fläche verankern konnte, aber mit ihrem Machtanspruch gescheitert ist. Aus dem Sächsischen Landtag ist sie ja wieder rausgeflogen. Die radikalen Konkurrenzparteien »Die Rechte« und »Der III. Weg« schieben sich vor. Zudem gibt es die militanten Hooligans, die in Köln und Hannover gezeigt haben, dass es durch gemeinsame Feindbilder Schnittstellen zu den vielen Rechtspopulisten gibt.

Nun gibt es eine höhere mediale Beachtung sowohl des Rechtsextremismus als auch des Populismus à la Pegida.
Ich wünsche mir eine andere Art der medialen Aufklärung. Leider überwiegt allzu oft Entpolitisierung durch Personalisierung im TV.

Ein Beispiel?
Die NSU-Berichterstattung: Beate Zschäpe wurde – und wird zum Teil noch – als »Nazibraut« oder als »Geliebte« dargestellt. Ihr wird ein politischer Fanatismus, ein gefestigtes rassistisches Weltbild abgesprochen. Für ihre politische Rolle in der Terrorgruppe interessiert man sich nicht. Leider setzt sich diese Entpolitisierung rechter Täter allzu oft dann in der Strafverfolgung fort.

Welche Rolle spielen die Geheimdienste?

Denen wird ja medial gerne ein Versagen attestiert. Aber es ist nicht bloßes Versagen. Es ist ja nicht so, dass die nichts wüssten.

Der Verfassungsschutz erscheint in der NSU-Affäre als eine Ansammlung von Trotteln. Journalisten wie Sie gelten hingegen als diejenigen, die besser informiert sind.
Das stimmt ja leider nicht. Uns stehen nicht die Tausende beschlagnahmter Materialien aus den Asservatenkammern zur Verfügung. Ich würde mich sehr gerne einmal für zwei Wochen dort einschließen und die Funde sichten, die da lagern. Ein weiterer Fehler ist der, dass der Verfassungsschutz seine zwielichtigen, gefährlichen V-Leute und eigene Mitarbeiter schützen darf, obwohl sie womöglich in Straftaten verwickelt waren. Die Geheimdienste bremsen die zivilgesellschaftliche Aufklärung.

Zu den Konstanten im rechten Denken gehört der Antisemitismus. Gab es da in den letzten Jahren eine Veränderung?
Nein, notorische Holocaustleugner wie Ursula Haverbeck oder Horst Mahler sind nach wie vor Szene-Idole. Antisemitismus schwelt immer. Allerdings ist er aktuell durch »Überfremdungskampagnen« der Neonazis gegen notleidende Bürgerkriegsflüchtlinge in den Hintergrund getreten. »Kampf dem Zionismus«-Shirts fanden sich auch am letzten Wochenende in Neuruppin. Enthemmter wird gegenwärtig dem Islamhass gefrönt. Aber täuschen Sie sich nicht, der Antisemitismus ist immer noch da. Die zentrale Agenda der deutschen Rechtsextremen besteht immer noch in der Verherrlichung des Dritten Reiches, im Hass auf Juden und im Rassismus. Islamophobie in dem Ausmaß war vorher nicht Teil brauner Kampagnen, immerhin gab es während der NS-Zeit Kooperationen zwischen Hakenkreuz und Halbmond, es gab eine Holocaustleugner-Konferenz im Iran, deutsche Neonazis schwenkten hierzulande Iran-Fähnchen, oder es gab die Zusammenarbeit mit den faschistischen »Grauen Wölfen«. Moderne Neonazis greifen allerdings Stimmungen aus der Gesellschaft auf, dazu gehören unter anderem Islamfeindlichkeit und der Ruf nach Selbstjustiz gegen »Feinde des deutschen Volkes«.

Sie erhalten in diesem Jahr den Paul-Spiegel-Preis des Zentralrats der Juden für Ihre Zivilcourage. Sie waren schon »Reporterin des Jahres«. Was bedeuten Preise für Ihre Arbeit?

Preise machen mich zunächst immer verlegen, weil ich nicht weiß, ob ich der Ehre gerecht werden kann. Natürlich freue ich mich wahnsinnig darüber, vor allem über den Paul-Spiegel-Preis. Es ist eine Anerkennung für unsere Arbeit, unser Engagement, die wir natürlich so nicht immer wahrnehmen, aber gut gebrauchen können. Oft kämpfen wir ja doch gegen starke Widerstände, das kostet viel Kraft.

Mit der Journalistin sprach Martin Krauß.

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