Polen

Chronist des Grauens

Zum Tod des polnisch-jüdischen Historikers Feliks Tych

Aktualisiert am 17.02.2015, 17:35 – von Gabriele LesserGabriele Lesser

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Feliks Tych ist tot. Der Schoa-Überlebende, Historiker und langjährige Direktor des Jüdischen Historischen Instituts starb am Dienstag nach langer Krankheit in Warschau. Vor fünf Jahren, am 27. Januar 2010, hatte Tych die Rede zum Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag gehalten. Am Beispiel seiner eigenen Familie zeigte er, wie die »Walze des Holocaust« die Eltern, etliche der insgesamt acht Geschwister, deren Ehepartner und Kinder im Vernichtungslager Treblinka tötete.

Pflegeeltern Feliks Tych selbst verdankte sein Leben mehreren katholischen Polen, die ihn wie ein eigenes Kind aufnahmen, kleideten, ernährten und bei denen er auch nach dem Krieg bleiben durfte. Einer seiner Brüder, der sich nach Warschau hatte retten können, wurde hingegen an die Gestapo verraten und erschossen.

Bis zum Beginn des Krieges besuchte Tych die polnische Volksschule in Radomsko in der Nähe der deutschen Grenze. Der Vater besaß eine kleine Metallfabrik in der Stadt. Bereits Ende 1939 entstand in Radomsko eines der ersten Ghettos im deutsch besetzten Polen. Die Eltern rangen sich durch, Feliks, ihren jüngsten Sohn, einem polnischen Bekannten anzuvertrauen, der ihn nach Warschau bringen sollte.

Nach dem Krieg machte Tych Abitur und studierte Geschichte in Warschau und Moskau, wo er mit einer Arbeit über die Revolution 1905–1907 im Königreich Polen promovierte. 1970 wurde er zum außerordentlichen Professor und 1982 zum ordentlichen Professor für Geschichtswissenschaft ernannt.

Hetzkampagne Bei der 1968 einsetzenden antisemitischen Hetzkampagne der kommunistischen Partei, deren Mitglied Tych war, verloren er und seine Frau, die Theaterregisseurin Lucyna Berman-Tych, ihre Arbeit.

Nach 1990 nahm Tych mehrfach Gastprofessuren an verschiedenen deutschen Universitäten an. Für seine Arbeiten zur Sozialgeschichte der Arbeiterbewegung erhielt er 1990 den Österreichischen Victor-Adler-Staatspreis.

1995 wurde Tych Direktor des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau. Er arbeitete fortan fast ausschließlich zum Thema Schoa und gab eine Reihe wichtiger Bücher in polnischer, englischer und deutscher Sprache heraus, so etwa Deutsche, Juden, Polen: Der Holocaust und seine Spätfolgen. Kurz vor seinem Tod konnte Tych noch zwei für ihn persönlich sehr wichtige Bücher abschließen: Kinder über den Holocaust. Frühe Zeugnisse 1944–1948 und Die Nachwirkungen des Holocaust. Polen 1944–2010.

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