Frankfurt/Main

Dem Trauma begegnen

ZWST-Fachtagung befasst sich mit der Betreuung von Schoa-Überlebenden

Aktualisiert am 05.11.2014, 15:06 – von Rivka KibelRivka Kibel

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Wenn der sprichwörtlich gepackte Koffer, auf dem viele deutsche Juden jahrzehntelang gesessen haben, für einen Menschen Realität statt Metapher bleibt, wird es für die Angehörigen kompliziert. Davon berichtete Christiane Oriah Faschon in Frankfurt während der Auftaktveranstaltung zur 5. Internationalen Konferenz »Betreuung und Belastung. Herausforderungen bei der psychosozialen Versorgung von Überlebenden der Shoah« der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).

Faschon stammt aus einer christlich-jüdischen Familie, wurde in Mannheim geboren und wanderte 1955 mit ihrer Familie in die Schweiz aus. Ihr jüdischer Vater hat die NS-Zeit überlebt, ohne in ein Lager deportiert zu werden. Seinen »Notkoffer« habe er gleichwohl auch in der Schweiz immer dabei gehabt – in Folie eingewickelt und nebst Reisepass und einigen Tausend Schweizer Franken stets flucht- und abfahrbereit im Auto verstaut.

Koffer »Wenn wir einkaufen fahren und dazu den Koffer aus dem Auto nehmen wollten, gab es jedes Mal ein riesiges Theater«, erzählt Faschon. Ihr Urteil über das Verhalten ihres Vaters fällt hart aus: »Er hat die ganze Familie jahrzehntelang terrorisiert.« Nichtsdestotrotz war sie nach eigenem Bekunden »stets für ihn da« und fährt auch heute noch stante pede ins Pflegeheim, wenn die Betreuer mit den traumatischen Ausbrüchen ihres Vaters (»Seit einer Meningitis lebt er komplett wieder im Krieg«) nicht zurechtkommen.

»In der Schweiz weiß man zu wenig über die NS-Zeit. Gerade ausländische Pflegekräfte kennen die historischen Zusammenhänge oft nicht«, berichtet Faschon von zusätzlichen Problemen. So sei sie einmal an einem 9. November ins Heim gerufen worden, weil ihr Vater »vor dem Feuer fliehen wollte«. Als sie die Pfleger auf das Datum aufmerksam machte, erntete sie nur Kopfschütteln: »Die hatten von der Reichspogromnacht noch nie etwas gehört«, erinnert sich Faschon. Ganz anders der Vater: Der hatte 1938 in Mannheim in einem Haus hinter der Synagoge gelebt und hautnah miterlebt, wie sie in Flammen aufging.

Mit Faschons Schilderungen waren die rund 170 Teilnehmer – etwa 30 davon aus dem Ausland, für die simultan ins Russische und ins Englische übersetzt wurde – nach einer theoretischen Einführung zur Geschichte und Definition des Begriffs »Trauma« mitten im Konferenzthema. Dank der plastischen und freimütigen Schilderungen konnte jeder Anwesende nachvollziehen, wie schwierig der Umgang mit Überlebenden sein kann.

Hilfe Rasch wurde klar, dass gesunder Menschenverstand bei der Pflege nicht ausreicht, ja der Betreuer selbst in die Lage kommen kann, psychische Betreuung zu benötigen. Letzteres wurde besonders deutlich, nachdem der Psychoanalytiker Kurt Grünberg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt, Videoausschnitte eines Zeitzeugen-Interviews präsentiert hatte. Die darin geschilderten Erlebnisse aus dem Ghetto und dem Konzentrationslager Buchenwald sorgten mit ihrer bewegenden Unmittelbarkeit bei den Tagungsteilnehmern für große Betroffenheit.

Nach Angaben von ZWST-Mitarbeiterin und Mitorganisatorin Noemi Staczewski leben in Deutschland heute noch zwischen 40.000 und 120.000 Holocaust-Überlebende. Dazu zählen auch jene, die 1945 Kinder waren. Diese »Child Survivors« sind in den vergangenen Jahren auch in den Fokus der ZWST gerückt – parallel zur Tagung ist im Frankfurter Gemeindezentrum eine entsprechende Ausstellung der Claims Conference zu sehen.

zeitzeugen »Wie passt es zusammen, dass wir uns mit Betreuung und Belastung beschäftigen, obwohl es immer weniger Zeitzeugen werden?«, fragte der Vorsitzende der ZWST, Ebi Lehrer, zu Beginn der Veranstaltung. Faschons Erzählungen geben darauf eine Antwort: Es ist die zweite und die dritte Generation, die ebenfalls Hilfe, Unterstützung und Zuspruch benötigt.

»Seitdem ich denken kann, gab mir mein Vater das Gefühl, er sei ein hilfloses Wesen und auf mich angewiesen«, sagt die Tochter. »Aber wenn ich Brot aß, hatte ich immer Asche zwischen den Zähnen. So hab’ ich mich gefühlt.« Auch ihre eigenen Kinder wurden nicht verschont: »Irgendwann hat es meiner Tochter gereicht, und sie hat gerufen: ›Opa! Das Mittagessen ist holocaustfreie Zone!‹« Vater, Tochter und Enkelin – drei Generationen, drei Sklaven ihrer Familiengeschichte.

Schweigen Man müsse daher den Nachkommen nicht nur eine Möglichkeit bieten, sich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen, sagt Ebi Lehrer, sondern den noch Bleibenden »eine möglichst gute Qualität der Versorgung bieten«. Noch immer würden viele Überlebende erst heute, mehr als 70 Jahre nach dem Schrecken, mit dem Erzählen beginnen. »Sie reden nicht über die Zeit und das Erlebte, schon gar nicht mit einer Deutschen«, berichtet eine Pflegerin des Jüdisches Altersheims in Frankfurt. Wenn dann aber die Demenz einsetze und »sie nicht mehr steuern können, kommen plötzlich die ganzen Geschichten umso vehementer hoch«.

Nargess Eskandari-Grünberg, Integrationsbeauftragte der Stadt Frankfurt, mahnt nicht nur ein »Nachdenken über die Spätfolgen für die Gesellschaft« an, sondern fordert auch, »die Ergebnisse der Tagung zu nutzen, um den Flüchtlingen von heute zu helfen«. Denn diese Menschen hätten zumeist Furchtbares erlebt. »Die erste Erfahrung, die sie in unserem Land machen sollen«, sagt Eskandari-Grünberg, müsse die sein, »dass bei uns die Würde des Menschen unantastbar ist«.

Die Konferenz findet noch bis Mittwoch im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum in Frankfurt statt. Die Ausstellung »Child Survivors« ist bei freiem Eintritt im Foyer des Gemeindezentrums zu sehen.

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