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Schlagzeilen mit Schlagseite

Wie deutsche Zeitungsüberschriften im Gaza-Konflikt semantisch Partei ergreifen

Aktualisiert am 17.07.2014, 12:25 – von Anatol StefanowitschAnatol Stefanowitsch

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Die Presseberichte der vergangenen Tage aus Israel und dem Gazastreifen haben viele Menschen als unausgewogen empfunden: Mehrfach wurde die Ansicht geäußert, die deutsche Presse berichte nicht neutral, sondern bewerte die israelische Seite übermäßig negativ und interessiere sich hauptsächlich für Angriffe Israels auf Ziele im Gazastreifen, aber nicht für Angriffe der Hamas auf Israel.

Da mir dieser Vorwurf im Zusammenhang mit der Israel-Berichterstattung nicht zum ersten Mal auffällt, habe ich mich gefragt, ob er tatsächlich stimmt oder ob er das Ergebnis selektiver Wahrnehmung ist – die wenigsten von uns analysieren die Berichterstattung tagesaktueller Ereignisse ja systematisch, sodass die eigene Perspektive sich leicht zu einem falschen Gesamteindruck verfestigt.

Um das herauszufinden, habe ich über Google News die Schlagzeilen deutscher Zeitungen vom 6. bis 11. Juli zum Stichwort »Nahost« gesucht und alle Fälle analysiert, in denen es um israelische oder palästinensische Kampfhandlungen ging. Natürlich kann und sollte man auch die Berichte selbst analysieren – ich habe mich auf die Überschriften konzentriert, weil sie erstens der Teil der Presseberichte sind, der am stärksten wahrgenommen wird (vor allem in sozialen Netzwerken, wo oft nur die Überschriften gelesen werden), und weil sie zweitens die Perspektive verdeutlichen, die ein Medium uns auf die Ereignisse vermitteln will.

akteure Die Ereignisse, um die es in den hier analysierten Berichten geht, sind grob gesagt folgende: Die Hamas hat Städte in Israel mit Raketen angegriffen (und tut das noch), die israelische Armee hat daraufhin Ziele im Gazastreifen bombardiert und bereitet den Einmarsch von Bodentruppen vor. Es wäre deshalb zu erwarten, dass die israelische Armee und die Hamas in den Überschriften mindestens zu gleichen Teilen als aktiv handelnde Kräfte dargestellt werden (wobei es im konkreten Fall keine Rolle spielt, wie der Konflikt insgesamt bewertet wird und wem man zu welchen Teilen Verantwortung zuweist).

Tatsächlich ist das aber nicht der Fall. In den insgesamt 170 Schlagzeilen werden zunächst allgemein 92-mal israelische und 42-mal palästinensische Aktionen erwähnt, in weiteren 40 Fällen wird auf den Konflikt im Ganzen Bezug genommen (zum Beispiel »In Nahost herrscht wieder Krieg«). Dabei wurde Israel in rund drei Viertel der Fälle, in denen es um israelische Aktionen ging, auch explizit als Akteur benannt. Dagegen nennt nur die Hälfte der Schlagzeilen zu palästinensischen Aktionen überhaupt einen Akteur, die andere Hälfte nennt nur das Ereignis (etwa »Wieder Raketenangriffe auf Tel Aviv«).

Dass die deutsche Presse insgesamt Israel eine stärkere Verantwortung zuschreibt, wird noch deutlicher, wenn wir die sprachlichen Strukturen betrachten, die dabei verwendet werden. In über der Hälfte der Fälle, in denen Israel (oder israelische Akteure wie »israelische/s Armee/Militär«) als handelnde Kraft benannt werden, erfolgt das in der Subjektposition des Satzes, die häufigsten Prädikate sind dabei »eine (Militär-/ Groß-/Boden-)Offensive vorbereiten/starten/fortsetzen«, »mit einer Offensive drohen«, »sich für eine Offensive rüsten«, »(Luft-) Angriffe/Bombardement fortsetzen/fliegen/verstärken«, »Ziele angreifen/bombardieren«, »Reservisten mobilisieren/einziehen« und »töten«. Die andere Hälfte der Benennungen als Akteur schließlich verteilt sich auf Adjektive (zum Beispiel »israelische Angriffe«) oder Genitive (zum Beispiel »Angriffe Israels«).

Wenn die palästinensische Seite erwähnt wird, erfolgt das in etwa der Hälfte der Fälle in Form von Ortsangaben (zum Beispiel »Raketen aus Gaza«), bei denen der Akteur nur implizit genannt ist. Nur ein Drittel der Fälle erwähnt den Akteur hier in der Subjektposition mit den Prädikaten »Raketen abfeuern/feuern/schießen« und einmal »angreifen«. Der Rest verteilt sich auf Nennungen an weniger prominenter Stelle, wie Komposita (»Hamas-Raketen«) und Genitive (»Angriffe der Hamas«).

bilder Das ist nicht nur ein zahlenmäßiges Ungleichgewicht. Die Formulierungen zeichnen auch unterschiedliche Bilder: Israel wird nicht nur als militärisch überlegen dargestellt (was ja objektiv richtig ist), sondern mit Formulierungen wie »Offensive«, »Angriff«, »mit Militärschlag drohen« als Angreifer. Weniger als die Hälfte der Formulierungen sind bezüglich einer Bewertung als Angriff oder Verteidigung neutral (»töten, bombardieren, Einsatz vorbereiten«), keine einzige enthält eine Bewertung als Verteidigungshandlung und nur zwei eine Bewertung als Reaktion (»reagieren« und »antworten«).

Die Aktionen der Hamas werden dagegen mit Formulierungen wie »Raketen abfeuern/schießen« überwiegend nicht als Angriff oder Verteidigung bewertet (nur acht von 42 Schlagzeilen enthalten Wörter wie »angreifen«). Ein Zögern, die Hamas oder andere palästinensische Akteure als Angreifer darzustellen, zeigt sich also nicht nur darin, dass diese nur in der Hälfte der Fälle überhaupt benannt sind, sondern auch in der Wortwahl dort, wo sie explizit erwähnt werden.

Die Verantwortung für die aktuellen Ereignisse (meist als »Eskalation« oder »Konflikt« bezeichnet), wird also entweder (durch die oben beschriebenen Mittel) Israel zugewiesen oder allgemein »Raketen«, die ihrerseits oft als Naturgewalt ohne Verantwortliche dargestellt werden. Schließlich gibt es noch einige Fälle, in denen Israel und die Hamas oder die Palästinenser als einer allgemeinen Situation ausgeliefert dargestellt werden (»Israel und Hamas im Sog der Gewalt«, »Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern eskaliert«). Das ist, wenn wir das größere Bild betrachten, vielleicht gar nicht so falsch, ignoriert aber den konkreten Auslöser der aktuellen Ereignisse.

Abschließend ist noch interessant, dass die Aktionen der israelischen Regierung und des israelischen Militärs durchgängig dem ganzen Land zugeschrieben werden – es heißt fast ausschließlich, »Israel« tue dieses oder jenes, während die Handlungen der Hamas fast ausschließlich dieser selbst zugeschrieben werden, statt »den Palästinensern« oder »Gaza«.

zusammenhangslos
Es wäre übertrieben zu behaupten, die Mehrheit der deutschen Presseberichte grundsätzlich israelfeindlich. In den Artikeln selbst erfolgt meistens eine differenziertere Darstellung aller Ereignisse und ihrer ursächlichen Beziehungen. Aber die Überschriften zeigen, dass die deutsche Presse sich mit der Benennung mancher Aspekte des Konflikts tatsächlich schwerer zu tun scheint als mit anderen. Es scheint ihr schwerzufallen, die Hamas überhaupt zu erwähnen, vor allem an prominenter Stelle.

Noch schwerer scheint es ihr zu fallen, der Hamas eine Verantwortung (oder auch nur Mitverantwortung) für die Ereignisse zuzuschreiben. Der »Raketenhagel« (eine mehrfach verwendete Bezeichnung) wird oft tatsächlich wie eine Art Hagel behandelt – eine Wetterkatastrophe, die natürlich schlimm ist, für die aber niemand etwas kann. Entsprechend stehen die israelischen Militäroperationen selbst dort tendenziell als zusammenhangslose Aggression da, wo sie mit neutralen Wörtern beschrieben werden; erst recht ist das dort der Fall, wo Wörter wie »Offensive« und »Angriff« gewählt werden.

Dass die aktuellen Ereignisse im Zusammenhang einer langen, sehr komplexen Geschichte stehen, ist keine Frage, und diese Geschichte lässt sich in Schlagzeilen natürlich schwer unterbringen. Aber das erklärt für mich nicht die systematische Asymmetrie in der Darstellung der Akteure.

Der Autor ist Professor für die Struktur des heutigen Englisch an der FU Berlin und Mitbegründer des Blogs www.sprachlog.de.

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