Berlin

Ukrainischer Patriot

Josef Zissels, Vorsitzender des jüdischen Dachverbandes, zu der Situation der Juden in seiner Heimat

21.03.2014 – von Clemens HoffmannClemens Hoffmann

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Russische Staatsmedien verbreiten seit Wochen, der Volksaufstand in der Ukraine sei das Werk von Faschisten und Antisemiten. Das gleiche Argument nutzte der Kreml auch, um den Einmarsch auf der Krim zu rechtfertigen. Auch der Westen sieht die Regierungsbeteiligung der rechtsradikalen Swoboda-Partei mit großer Sorge.

Josef Zissels, der Vorsitzende der Vereinigung jüdischer Organisationen und Gemeinden (VAAD) in der Ukraine, gibt hingegen Entwarnung: Auf dem Maidan suche eine junge Zivilgesellschaft nach ihrer nationalen Identität, so Zissels. Zwar beteiligten sich auch radikale Demagogen von Rechts mit antisemitischer Vergangenheit, räumt der VAAD-Vorsitzende ein, doch die blieben politisch marginal. Juden seien in der Ukraine nicht bedroht. Am Mittwochabend besuchte Zissels Berlin.

Josef Zissels ist ein glühender ukrainischer Patriot. Daraus machte der 67-Jährige bei seinem Gastauftritt vor der Initiative Schalom, einem Verein für die Förderung jüdischer Politik und Kultur in Berlin, kein Geheimnis. »Zwei Millionen Menschen waren in 50 Städten des Landes gegen Korruption und Willkür auf den Straßen. Sollen das alles Faschisten gewesen sein?«

volksaufstand In eindringlichen Farben schilderte er den Volksaufstand gegen das Janukowitsch-Regime, an dem sich auch viele Juden beteiligt hatten. Drei von ihnen waren unter den Toten des Scharfschützen-Massakers am 20. Februar. »Ihre Porträts wurden auf unserer Webseite 30.000-mal angeklickt. Für die Ukrainer sind sie Helden.«

Er wolle aber nicht bestreiten, so der 67-Jährige weiter, dass es Gruppen auf dem Maidan gebe, die in der Vergangenheit antisemitisch aufgefallen seien. Er sprach damit die Swoboda-Partei von Oleg Tjanibok an. Doch sie hätte ihre Wortwahl gemäßigt. Und die politische Bedeutung nationalistischer Gruppen im Bündnis »Rechter Sektor« sei gering.

Zissels, der auch Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses ist, kennt Statistiken: Auf fünf Prozent schätzen aktuelle Umfragen das Wählerpotenzial von Swoboda. Bei den Präsidentenwahlen würde ihr Chef Tjanibok sogar nur 1,6 Prozent der Stimmen erhalten. »Nicht einmal seine eigenen Anhänger kann er komplett mobilisieren«, höhnte Zissels. Zwar sei Swoboda derzeit mit drei Ministern an der Übergangsregierung beteiligt. »Aber ich glaube nicht, dass sie lange dort bleiben. Das sind radikale Demagogen. Zum Maidan haben sie nichts Positives beigetragen.« Das Volk werde das bei den Wahlen berücksichtigen.

rechtsradikale Dem jüdischen Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik platzte angesichts solcher Äußerungen fast der Kragen: In Deutschland sei es unvorstellbar, dass man mit einer Regierung sympathisiert, in der Rechtsradikale sitzen, raunzte der Publizist den Gast aus Kiew an. Der lächelte und verwies auf die rechten Parteien, die in Norwegen, der Slowakei oder Moldawien mit am Kabinettstisch sitzen.

Dann holte Zissels etwas weiter aus: Die Ukraine sei ein junges Land, die Nationenbildung noch im Gange. In den 20 Jahren seit der Unabhängigkeit sei dieser Prozess immer wieder gestört worden. Jetzt gebe es die Chance, dass die Zivilgesellschaft eine neue nationale Identität definiert. »Es ist das Modell von Israel: Wir bauen jetzt einen Staat für die Ukrainer!«

»Werden Juden darin ihren Platz finden?«, hakte Alexander Hasgall vom Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten nach. Josef Zissels ist da optimistisch. Die Ukraine war schließlich immer ein multikultureller Staat, argumentiert er. Und die Menschen hätten in den vergangenen Jahrzehnten friedlich zusammengelebt. Auch dafür hat er Zahlen.

Für die OSZE und die USA führt VAAD seit Jahren das Monitoring zu antisemitischen Gewalt in der Ukraine durch. 2006 habe es demnach noch einen Höchststand mit 700 Fällen gegeben. Seitdem seien sie kontinuierlich weniger geworden. 2013 waren es nur noch 13 Zwischenfälle. »In Deutschland kam es in der gleichen Zeit zu 1300 Taten.« Zu den jüngsten antisemitischen Vorfällen in der Ukraine hatte Zissels keine neuen Erkenntnisse. Man habe die Zusage der Übergangsregierung, dass solche Taten verfolgt würden. Er werde sie an diesen Worten messen, versicherte er.

Auswanderung Zissels, der in der einstigen Sowjetunion sechs Jahre wegen »Verleumdung und Herabsetzung der staatlichen Ordnung« im Gefängnis saß, hält Autoritarismus für die größere Gefahr. Das sehe man jetzt auf der Krim: Die 200.000 Tataren erkennen den Anschluss an Russland nicht an und möchten Ukrainer bleiben.

Ihr Schicksal sei völlig ungeklärt. Die Ukrainer auf der Krim fürchten Anfeindungen durch die russische Mehrheit. Einige seien von der Halbinsel schon geflohen. Und unter den rund Zehntausend Juden dort steige die Zahl der Auswanderungswilligen. Die israelische Botschaft in Kiew habe in den letzten Tagen eine Welle von Anfragen erhalten, berichtete Zissels.

Warum er selbst die Ukraine nie verlassen habe, wollte ein Zuhörer schließlich noch wissen. Die Antwort überraschte kaum: »Nirgendwo sonst hätte ich mich selbst so frei entfalten können.«

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