Comic

»In Europa jüdisch sein«

Joann Sfar über nichtreligiöses Judentum, Antisemitismus in Frankreich, Sefardim und Aschkenasim

27.02.2014 – von Thomas HummitzschThomas Hummitzsch

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Herr Sfar, in Ihrem Comic »Chagall in Russland« lassen Sie den Maler zu seinen jüdischen Freunden sagen: »Das ist ein Buch, um Juden zu retten. Springt in die Seiten, und ihr werdet in Sicherheit sein.« Sind Ihre Bücher ebenfalls eine Art Magie, durch die Sie die Juden retten wollen?
In der vergangenen Woche habe ich das Ende von »Klezmer« geschrieben. Die Personen im Comic diskutieren diese Frage. Sie sagen in etwa: »Wir haben unsere Musik immer mit dem Gedanken im Herzen gemacht, sie könnte dazu beitragen, dass die Menschen die Juden lieben. Aber es hat nicht funktioniert.« Daraufhin entscheiden sie, dass sie ab sofort jede Note nur noch für die Ohren spielen. Zweifelsohne habe ich bei meiner Arbeit den Gedanken, die Geschichten und Legenden – egal ob Folklore oder Klischee – des europäischen Judentums zu ehren. Dieser Aspekt bei meiner Arbeit ist mir sehr wichtig, denn ich komme aus einer jüdischen Familie, die es immer als Fehler und Schuld betrachtet hat, in Europa geblieben und nicht nach Israel geflohen zu sein. Aber ich glaube, dass es einen Sinn macht, jüdisch zu sein, und dies in Europa.

Das wird in Frankreich derzeit heftig diskutiert. Die Auswanderung französischer Juden nach Israel nimmt rapide zu.
Das Tragische an der Geschichte ist Folgendes: Seit vielen Jahren engagiere ich mich für Kinder in französischen Schulen. Viele dort haben Eltern aus arabischen oder islamischen Ländern. Wenn man diese Kinder fragt, warum sie die Juden so sehr hassen, dann sagen sie, dass sie den Eindruck haben, die Juden würden als Einwanderer besser behandelt als sie selbst. Man muss diesen Kindern also erklären, dass die europäischen Juden keine Einwanderer sind, sondern dass sie seit 2000 Jahren in Europa leben. Man könnte auch sagen, dass die ersten Juden 500, 600 Jahre vor den Vorfahren von Jean-Marie Le Pen nach Frankreich gekommen sind. Die europäischen Juden haben, wie ich finde, einen ganz besonderen Status.

Wie würden Sie diesen Status definieren?
Ich habe in Nizza Philosophie studiert. Dort haben wir uns intensiv mit der deutschen Romantik und der Aufklärung beschäftigt. Man muss darüber immer wieder nachdenken. Es gibt für uns in Europa eine große Frage: Existiert ein europäischer Universalismus? Ich glaube, dass es ihn gibt – trotz der vielen Toten und unzähligen Verbrechen. Denn es gibt die Idee des dialektischen Denkens, die vor über 2000 Jahren in Griechenland aus der Taufe gehoben wurde: Jeder kann im öffentlichen Raum sagen, was er denkt, selbst wenn es Unsinn ist, denn wenn es Unsinn ist, wird das die Öffentlichkeit als solchen enthüllen. Diesen wunderbaren Gedanken haben die Juden, die die griechische Philosophie früh entdeckt haben, schnell in ihr eigenes Denken integriert, die Christen ebenso. In vielen islamischen Ländern hat sich dieser Gedanke noch nicht durchgesetzt.

Sie sprechen vom europäischen Judentum. Tatsächlich stammen viele französische Juden aus dem arabischen Raum. Auch Ihre eigene Familie hat sowohl in Osteuropa als auch in Nordafrika ihre Wurzeln.
Das sind zwei sehr verschiedene Seiten meiner Familie. Mein Großvater mütterlicherseits, ein Mediziner, stammte aus der Ukraine. Er war weder gläubig noch in irgendeinem Sinne religiös – und als Intellektueller provozierte er gern. Dieser Teil der Familie hatte immer witzige, aber auch provokante, antireligiöse Züge. Die Familie meiner Mutter repräsentiert für mich das Intellektuelle und Absurde. Die Familie meines Vaters hingegen, Juden aus dem Maghreb, war sehr traditionell und stärker an die Religion gebunden. Ich glaube, dass sie, wie mutmaßlich viele der sefardischen Juden, ein großes Schuldgefühl gegenüber den Aschkenasim empfunden haben, weil sie den Nazismus nicht erleiden mussten. Das Gefühl, weder Opfer noch Widerständler gewesen zu sein, hat sie dünnhäutiger und gewaltbereiter bei der geringsten Provokation gemacht. Deshalb repräsentiert die Familie meines Vaters für mich den Machismo sowie einen bestimmten Grad an Gewalt, zugleich aber auch etwas sehr Beruhigendes. Diese Familie hat keine Fragen gestellt. Sie waren darin ihren arabischen Nachbarn sehr ähnlich. Vielleicht ist das der Grund, warum mein sefardischer Zyklus Die Katze des Rabbiners in Frankreich erfolgreicher war als der aschkenasische Dreiteiler Klezmer – weil die Menschen nämlich gesehen haben, wie ähnlich sich die sefardischen Juden und die Araber sind.

Inwiefern sind Ihre jüdischen Geschichten auch Ihre eigenen?
Letztendlich überhaupt nicht. Meine osteuropäische Familie hat gar keine jüdischen Traditionen an mich weitergereicht, das hat sie einfach nicht interessiert, und meine Familie aus Nordafrika hatte sich stets bemüht, so französisch wie möglich zu sein. Ich habe also angefangen, mich durch Dinge zu wühlen, die man mir nicht gezeigt hat. Hinzuzählen könnte man, dass ich nicht religiös bin, meine Frau aus einer katholischen Familie kommt und wir unsere Kinder nicht religiös erzogen haben. Vor Ihnen sitzt ein ungläubiger Typ, der gewissermaßen keinerlei Kenntnis über jüdisches Gemeindeleben hat – ich habe im Grunde kaum jüdische Freunde und Bekannte –, in dessen Comics aber fast alle Stimmen jüdisch sind. Diese Stimmen haben mich in meiner Kindheit umgeben, sie waren überall. Das sind die Stimmen, mit denen ich Europa verbinde.

Ist Religion für Sie kein Thema?
In Frankreich ist es aktuell eine überaus delikate Angelegenheit, kritisch über bestimmte Aspekte des religiösen Lebens zu sprechen, insbesondere wenn es um den Islam geht. Aber das führt zu einer Wiederbelebung der archaischen Elemente des Islams, des Christentums, des Judentums und so weiter. Es gibt in Frankreich momentan einen Konsens in den bestehenden Religionsgemeinschaften, die reaktionären Kräfte und Ideen in unserer Gesellschaft zu stärken. Hunderttausende gehen inzwischen auf die Straße, um gegen Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehegemeinschaften zu demonstrieren. Was bedeutet das denn? Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn diese reaktionären Ideen einen immensen Aufschwung erhalten? Mich stimmt das kritisch. Ich habe kürzlich einen Artikel gelesen, der unsere Situation trefflich auf den Punkt brachte. Darin hieß es in etwa: Nach dem Kampf gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und den Schwangerschaftsabbruch wird das Komitee »Die Erde ist eine Scheibe« wieder einberufen.

Sie sind nicht religiös, gleichwohl verstehen Sie sich als jüdischer Künstler.
Ich versuche, ehrlich mit den Fragen umzugehen, die ich mir stelle, und ich muss zugeben, dass die meisten Stimmen, die zu mir und durch mich sprechen, nichtreligiöse jüdische Stimmen sind. Ich muss mich wohl daran gewöhnen, dass meine Werke eine ähnliche Wirkung haben wie die der Autoren, die ich selbst gern lese, die sehr jüdisch und auf der Suche nach dem Universellen sind. Wichtig für mich ist, dass meine Geschichten für alle gemacht sind. Sollte ich eines Tages nur noch für Juden zeichnen und schreiben, wäre das dumm und beschämend. Aber solange meine Geschichten allen zugänglich sind, kann ich gut damit leben, in einer Art Vermittlerrolle zu sein. Ob das die des Botschafters oder die des Provokateurs ist, kann ich nicht so genau sagen.

Ob Botschafter oder Provokateur – was wollen Sie über das Judentum vermitteln?
Sobald vom Judentum die Rede ist, drängt sich eine Schuldigkeit in den Vordergrund, die die Menschen zuweilen davon abhält, über die Dinge nachzudenken. Das ärgert mich immer wieder. Ein Teil meiner Arbeit besteht in dem Sinne auch darin, den Diskurs, das Sprechen über das Judentum zu befreien. Das gilt auch in dem Fall, wenn etwas Negatives oder Schlechtes gesagt wird. Wenn das Schuldgefühl wichtiger wird als der Intellekt, die Fähigkeit zu denken, dann ist das ein tatsächliches Problem. Es kann nicht sein, dass sich die Menschen nicht mehr trauen, das Wort »Jude« oder »jüdisch« zu sagen, weil sie befürchten müssen, deswegen als Antisemiten betrachtet zu werden. In Frankreich ist es vor allem deshalb ein Problem, weil dort der Antisemitismus in einem sehr starken Ausmaß auftritt. Das ist neu, und ich meine, dass wir angesichts dieser Entwicklung als Gesellschaft frei miteinander sprechen müssen. Ich bin ein Verfechter der absoluten Redefreiheit.

Absolute Redefreiheit? Auch wenn Antisemiten zu Wort kommen?
Das kann man nicht verhindern. Man muss diese Diskussionen akzeptieren und annehmen, auch wenn sie anstrengend, nervig oder ärgerlich sind. Ich meine, es gehört zu unseren Aufgaben, Debatten nicht abzulehnen oder zu verhindern, sondern zu führen.

Das Gespräch führte Thomas Hummitzsch.


Joann Sfar wurde 1971 in Nizza geboren. Er hat über 100 Comicalben geschrieben und gezeichnet, darunter die fünfbändige Serie »Die Katze des Rabbiners« und den Dreiteiler »Klezmer«. Sfars Comics wurden mit zahlreichen internationalen Preisen bedacht. Mit dem Film »Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte« debütierte Sfar 2010 als Regisseur. Deutsch sind Sfars Bücher im Berliner Avant-Verlag erschienen, wo im April die ersten drei Alben von »Die Katze des Rabbiners« als Sammelband herauskommen werden.

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