Debatte

»Antisemitisches Gebrüll«

Günter Grass’ Bild von Juden hat sich nicht geändert

Aktualisiert am 06.04.2012, 23:03 – von Hannes SteinHannes Stein

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Eines Tages wird kein Mensch mehr von jenem unsäglichen Gedicht sprechen, das Günter Grass dieser Tage in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht hat. Eigentlich handelt es sich ja um kein Gedicht, sondern eher um ein Gedacht: Man findet in diesen Zeilen keine einzige Metapher, von Reim oder Rhythmus ganz zu schweigen – es handelt sich um einen antisemitischen Leitartikel, dessen Sätze ein frecher Idiot auseinandergehackt hat, damit es von Weitem so aussieht, als habe er Verse geschrieben.

Grass entlarvt Israel als Weltfriedensstörer, er findet beschönigende Worte für den iranischen Diktator und behauptet, der jüdische Staat plane, einen Atomkrieg zu entfesseln. Zum Glück rief das Gedicht – oder Gedacht – in Deutschland erst einmal keine breite Zustimmung, sondern Entsetzen hervor.

Wie gesagt, bald wird die Aufregung darum vergessen sein. Und vielleicht findet dann ein gelangweilter Germanistikstudent die Zeit, sich mit dem Eigentlichen zu beschäftigen – dem Werk von Günter Grass. Etwa jenem Roman, von dem eigentlich alle sagen – auch Grass’ Gegner –, es sei sein bester gewesen: Die Blechtrommel. Was würde unser gelangweilter Germanistikstudent dort finden?

Blechtrommel Er würde etwa die Figur des Spielzeughändlers Sigismund Markus finden. Markus hat einen Laden in Danzig, in dem Oskar Matzerath – der Held des Romans, der mit drei Jahren beschließt, er wolle nicht mehr wachsen – seine schönen bunten Blechtrommeln bezieht. Und selbstverständlich ist Markus Jude. Er gehört außerdem zu den Verehrern von Oskar Matzeraths Mutter. Und so findet Oskar ihn eines Tages auf den Knien vor seiner schönen Mama wieder, die Agnes heißt. Er beschwört sie, nicht mit dem Polen Jan Bronski (ihrem Liebhaber) zu gehen, sondern sich für den Deutschen Alfred Matzerath (Oskars Vater) zu entscheiden – oder doch am liebsten für ihn selbst.

Und so lässt Günter Grass den knienden Juden sprechen: »Setzen Se nicht auf die Polen, setzen Se, wenn Se setzen wollen, auf de Deitschen, weil se hochkommen, wenn nich heit, dann morgen; und sind se nicht schon ein bisschen hoch und machen sich, und de Frau Agnes setzt immer noch auffen Bronski. Wenn Se doch würd setzen auffen Matzerath, den Se hat, wenn schon. Oder wenn Se mechten setzen gefälligst auffen Markus und kommen Se middem Markus, wo er getauft ist seit neilich. Gehen wä nach London, Frau Agnes, wo ich Lait hab drieben und Papiere genug, wenn Se nur wollten kommen oder wolln Se nich middem Markus, weil Se ihn verachten, nu denn verachten Se ihn.«

Opportunistischer Kriecher Darf man bei der Lektüre dieser Stelle zwiespältige Gefühle empfinden? Gewiss, es ist gut gemeint; der Spielzeughändler Markus erscheint im Kosmos von Grass’ Roman als positive Figur, er verkörpert das Bunte und Zarte, eigentlich: die Zivilisation. Aber in dieser Szene wird er als eine im Grunde verächtliche Gestalt gezeichnet, als opportunistischer Kriecher (»getauft seit neilich«), der einen Jargon spricht, den Grass vielleicht für jüdisch hält, mit Freunden an den richtigen Stellen (»wo ich Lait hab drieben und Papiere genug«), ein Mensch, der nichts gegen seine Verachtung einzuwenden hat.

Das Schreiben von erzählender Prosa ist ein seltsamer, oft auch widersprüchlicher Vorgang. Günter Grass wollte mit dem jüdischen Spielzeughändler Markus eine positive Figur schaffen; was er stattdessen schildert, ist ein verächtlicher Jude.

So hatte man den jungen Grass – der ja ein glühender Nazi war – Juden zu sehen gelernt. Später wollte er umlernen, aber das frühere Bild war in ihm geblieben, und es schimmert noch durch diese Schilderung durch. Der Völkermord an den Juden kommt in der Blechtrommel an einer einzigen Stelle zur Sprache. Grass schildert dort, wie SA-Leute den Laden des Spielzeughändlers verwüsten, der Selbstmord begangen hat. Ein paar Zeilen weiter heißt es dann: »Ein ganzes leichtgläubiges Volk glaubte an den Weihnachtsmann. Aber der Weihnachtsmann war in Wirklichkeit der Gasmann.« Dieser Witz ist nicht sehr gut; er ist eher geschmacklos.

Je weiter man sich in das Spätwerk von Günter Grass vorwagt, desto schlimmer wird es. In seinem Buch Mein Jahrhundert etwa handelt eine Geschichte von einem Juden aus Nürnberg, der gerade noch rechtzeitig nach Israel ausgewandert ist und nun den Eichmann-Prozess in Jerusalem beobachtet.

Vollidioten Ein Jude aus Nürnberg würde natürlich ein sattes Fränkisch sprechen, aber Grass lässt den Juden mauscheln: Er spricht also etwas, das wie eine Karikatur des Jiddischen klingt. Wenn Drehbuchschreiber in Amerika schwarze Figuren so klingen lassen, als seien sie Vollidioten, ruft das jedes Mal den wütenden Protest schwarzer Bürgerrechtsgruppen wach. Juden in Deutschland lassen sich vergleichbare Frechheiten offenbar ohne Widerspruch bieten.

Dann war da der berühmte Auftritt von Günter Grass mit dem israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk im März 1991 im Berliner Literaturhaus. In der arabischen Wüste tobte der Golfkrieg um die Befreiung von Kuwait, auf Israel gingen jeden Tag die Skud-Raketen nieder, die Saddam Hussein geschickt hatte. Kaniuk bat damals nicht, nein: er bettelte um Mitgefühl mit den Überlebenden des Genozids, die mit Gasmasken auf dem Gesicht in Tel Aviv saßen und Angst vor deutschem Giftgas hatten – zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert.

Handbewegung Krumm, traurig, in sich versunken saß Kaniuk da; er erinnerte – leider muss es gesagt werden – an den Spielzeughändler Markus in der Blechtrommel. Günter Grass saß mit kerzengeradem Oberkörper daneben. Er wischte alles, was Kaniuk vorbrachte, mit kurzen, herrischen Handbewegungen vom Tisch. Mit keinem Wort ging er auf Argumente ein, stattdessen fragte er sinngemäß: Und was macht ihr mit den Palästinensern? Das Publikum im Literaturhaus klatschte und johlte.

Henryk M. Broder hat Günter Grass vor Kurzem bescheinigt, er leide unter einem »richtigen Judenknacks«, einem Trauma aus der Nazizeit. Er leide darunter, was die Deutschen den Juden angetan hätten, und das spräche im Grunde für Grass: »Doch dieses Leiden führt nicht zur Selbsterkenntnis, es führt nur dazu, dass er den Gegenstand seines Leidens aus der Welt schaffen möchte.«

Diese Diagnose stimmt genau. Aber sie ist eben nicht erst wahr, seit Günter Grass sein erbärmliches Gedacht aufs Papier warf. Aus der Haut des 17-Jährigen bei der Waffen-SS, der er einst war, ist Günter Grass offenbar später nie wieder herausgekommen. Denn wie sein Oskar Matzerath in der Blechtrommel, der stumm blieb, hat er nicht darüber gesprochen. Seine Scham artikulierte sich nicht – und nun dringt sie doch nach draußen: als hoher spitzer Schrei, als antisemitisches Gebrüll.

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