Essay

Der wütende Clown

Henryk M. Broder zeigt mit seinem neuen Buch: Er wird noch immer gebraucht

22.03.2012 – von Fabian WolffFabian Wolff

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Neulich hat, wie er das häufig zu tun pflegt, Henryk M. Broder einen sehr guten Text veröffentlicht. Er hieß »Die Endlösung der Israel-Frage« und war sehr wahr. Broder holte darin weit aus, um dann vielen deutschen Lügen ins Gesicht zu schlagen. Der in der Zeitung Die Welt erschienene Artikel verbreitete sich auf Facebook, hundertfach wurde der »Gefällt mir«-Button geklickt. Mit Freude wurde der Artikel zur Kenntnis genommen: Broder at his best.

Aufregend Henryk M. Broder gehört zu den Besten der deutschen Publizistik, zu denen, die es immer mal wieder schaffen, ein Thema definitiv und endgültig zu bearbeiten, die Sätze schreiben, bei denen man nichts anderes als »Ja, so ist es« sagen kann. Neben Broder sind das auch Wiglaf Droste, Max Goldt, Sibylle Berg, nicht zuletzt Maxim Biller, das Yin zu Broders Yang. Selbst, wenn sie sich mal irren sollten, was sie oft genug tun, sind sie immer aufregend zu lesen. Im Gegensatz zu den Martensteins und Willemsens der Welt, die nicht nur laut verkünden, was sie so alles nicht verstehen – sondern dabei auch noch langweilig sind.

Broders neues Buch Vergesst Auschwitz! fasst ein paar besonders grobe Fälle von Antisemitismus der letzten Jahre zusammen: Ken Jebsen, die »Klagemauer von Köln«, die Linken und die Gaza-Flotte.

Broder schließt recht überraschend mit der Forderung, man müsse das mit der Erinnerung an den Holocaust in Deutschland endlich sein lassen – schließlich benutzten die Deutschen das Gedenken eh nur, um sich selbst besser zu fühlen, weil sie so aufgeklärt und bewusst sind, und um die Probleme von heute zu ignorieren – wie zum Beispiel die sehr reale und sehr gegenwärtige Verfolgung der Baha’i im Iran. Das ist ein unbequemer Gedanke, der Broder, wie er sich das wünscht, noch mehr Feinde einbringt, als er zuvor schon hatte.

Hitchens Als Christopher Hitchens den Irakkrieg und George W. Bush unterstützte, kamen aus der Linken, zu der er einmal gehörte, Rufe des Entsetzens: Verräter, Heuchler, Ausverkauf. Damit verband sich gleichzeitig die Hoffnung, dass Hitchens irgendwann mal etwas sagt, was wiederum die Rechte wütend macht: »Wir sollten ihn nicht verloren geben, wir brauchen ihn.«

Broder ist vielleicht der Hitchens der Juden in Deutschland. Man kann sich nicht von ihm lossagen, dafür ist er zu klug und zu wichtig. Aber man hat seine Probleme mit ihm, wenn einem etwas an Israel liegt, wenn man den Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Antizionismus versteht und sich sogar der Gefahr des islamistischen Terrorismus bewusst ist, sich aber gleichzeitig nicht in Pauschalurteilen über »den« Islam als Barbarbei und die generelle Nichtigkeit jedes progressiven Gedankens verlieren möchte.

Arierauflauf Zumal sich Broder immer wieder in die Nähe solcher Leute begibt, die garantiert keine Freunde der Juden sind, auch wenn sie auf dem Selbstverteidigungsrecht Israels und der »christlich-jüdischen Leitkultur« beharren. 2005 tauchten im Internet Fotos auf, die Broder auf einem »Pro-Westlichen Heimatabend« mit zahlreichen Bloggern aus der Neocon-Szene zeigten. Der Journalist Rainer Meyer kommentierte damals: »Mann, Du bist doch nicht blind, Du hast doch die Fressen gesehen. Bei dem abgebrochenen Arierauflauf passt Du nicht rein, niemals, und das ist auch gut so.«

Ist das alles nur re-ghettoisiertes »a schande fur di goyim«-Denken, das jede jüdische Figur in der Öffentlichkeit daraufhin überprüft, ob sie »bad for the Jews« sein könnte? Nein, es geht um mehr.

Broder sagt manchmal Dinge, die der Neuen Rechten sehr gelegen kommen. Genauso sagt er sehr oft Dinge, die davon nicht weiter entfernt sein könnten, aber das ist der Neuen Rechten natürlich egal. Eines von Broders Lieblingsworten ist »Alibijude« – die Juden, die Gaza mit Dachau vergleichen und auf die sich deswegen gerne allerlei Antisemiten beziehen, um sich zu kaschern. Ist Broder ein Alibijude für die Neue Rechte?

Junge Freiheit 2007 gab Broder dem rechtskonservativen Jugendmagazin »Blaue Narzisse«, das dem Dunstkreis der Jungen Freiheit und der Sezession entstammt, ein Interview zu den Themen Islamisierung und Integration, das seitdem von Chefredakteur Felix Menzel immer wieder gerne hervorgeholt wird, wenn es um Nazi-Vorwürfe geht: Seht her, ein Jude spricht mit uns! Und mit Wohlwollen nahm man in der »Blauen Narzisse« allein schon den Titel Vergesst Auschwitz! zur Kenntnis – was dann im Buch selbst steht, ist dann wieder nicht mehr so wichtig.

Broder sagt oft, dass die offen Rechten keine Chance mehr hätten, dass Horst Mahler verrückt sei (was sicher stimmt) und deswegen nicht gefährlich (darüber lässt sich schon wieder streiten) – und vor allem, dass linke Warnungen vor Neonazis und Rechtsruck politische Interessensicherung und die Unfähigkeit, vor der eigenen antizionistischen Haustür zu kehren, seien.

Sarrazin Während der Sarrazin-Diskussionen beklagte er die Verlogenheit seiner Gegner, die sich (angeblich) nicht mit der Realität auseinandersetzen wollten. Es fielen sogar lahme Phrasen wie »Multikulti ist gescheitert«. Und gleichzeitig führte er mit Sarrazin selbst ein langes Interview für die taz, das zu den schönsten und giftigsten Dekonstruktionen der ganzen Debatte gehört: Broder nennt das Buch »einen Furz, aus dem man einen Fackelzug macht«, schlägt »Der Untergang des Abendlandes« als Alternativtitel vor und fragt Sarrazin am Ende unvermittelt, wie Broder am besten sein Geld anlegen solle – weil Sarrazin eben doch ein spießiger Beamter ist, der glaubt, in Zahlen allein stecke die Wahrheit. Schon wegen solcher Meisterstücke möchte man die Hoffnung nicht aufgeben.

Broder selbst hingegen ist es natürlich egal, was irgendjemand von ihm denkt. »Of no party or clique«, das Motto des prominenten US-Bloggers Andrew Sullivan (ebenfalls so ein Widerspruchskandidat), könnte auch der Leitspruch von Henryk Broder sein. Israel? Wichtig, aber mangelhaft. Immerhin hat Broder eins seiner Bücher »Die Irren von Zion« genannt. Juden? Nervig und wehleidig. Die USA? Vor allem gut, weil dort »A Prairie Home Companion« im Radio und »Seinfeld« im Fernsehen laufen.

Holocaust-Denkmal Und Deutschland? Maxim Biller hat das Verhältnis zwischen Broder und den Deutschen mal eine SM-Beziehung genannt – fragt sich nur, wer unterwürfig und wer dominant ist. In der besten Szene von Vergesst Auschwitz! beschreibt Broder seine Wut darüber, bei der Jubiläumsfeier für das Holocaust-Denkmal in Berlin den Historiker Eberhard Jäckel sagen zu hören, dass andere »Völker uns um dieses Mahnmal beneiden«. Dazu hatte er sich in seiner ARD-Sendung »Entweder Broder« als Betonstele verkleidet. »Es war der Moment, an dem ich am liebsten aus der Haut gefahren wäre und ›Was für ein Glück, dass meine Eltern dazu beitragen durften!‹ gerufen hätte, wenn ich nicht gerade damit beschäftigt gewesen wäre, in einer 25 Kilo schweren ›Stele‹ aus Holz die Balance zu halten.«

Um pathetisch zu werden: Ein besseres Bild für Broder kann es gar nicht geben – ein wütender Clown, der schwer daran zu tragen hat, immer der lustige Jude zu sein, der allen Deutschen die Wahrheit sagt.

Anfang der 80er-Jahre nahm Broder die Gelegenheit wahr, für ein paar Jahre in Israel zu arbeiten. Vorher schrieb er in der Zeit einen Abschiedsbrief: »Ihr bleibt die Kinder eurer Eltern, ihr habt ihren Rassismus und ihr pathologisch gutes Gewissen geerbt.« Und zum Schluss: »Ich bin am Ende meiner Wut.« Trotzdem ist Broder 30 Jahre später immer noch wütend. Das ist schlecht für ihn, aber gut für uns. Oder umgekehrt. Auf jeden Fall wird er gebraucht – leider.

Henryk M. Broder: »Vergesst Auschwitz! Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage«. Albrecht Knaus, München 2012, 176 S., 16,99 €

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