Porträt

Zwischen Bach und Barmizwa

Kleiderordnung: Jacob und Jonah Renner tragen als junge Chormitglieder noch den Matrosenkragen. Foto: Douglas Abuelo

Es ist Freitagabend, die Thomaskirche in Leipzig ist gut gefüllt, doch die meisten Besucher suchen keine spirituelle Erleuchtung, sondern sind vor allem wegen der Musik hier. Denn gleich wird hier einer der berühmtesten und traditionsreichsten Knabenchöre der Welt auftreten.

Jeden Freitag und Samstag singt der Thomanerchor, der dieses Jahr sein 800. Jubiläum begeht, hier die Motette, sonntags begleiten sie den Gottesdienst. Mit ernsten Gesichtern ziehen die jungen Sänger durch den Mittelgang ein, um im Chor der Kirche Platz zu nehmen. Die Älteren tragen dunkelblaue Anzüge mit Krawatte, die Jüngeren Matrosenhemden mit breiten, weiß abgesetzten Kragen. Unter ihnen: Jacob und Jonah Renner. Sie sind allein wegen der Musik hier, denn die beiden Brüder sind Juden.

Der Kasten Jacob erzählt, wie er auf den Thomanerchor stieß: »Im Kindergarten kam eine Dame rein und wollte, dass wir vorsingen. Sie sagte, dass ich eine gute Stimme hätte. Danach haben wir vom Thomanerchor erfahren, und dann hatte ich auch Lust, in den Chor zu kommen, weil mir Singen sehr viel Spaß gemacht hat.« Inzwischen besucht der Zwölfjährige die 7. Klasse der Thomasschule und wohnt wie alle Thomaner im »Kasten«, wie sie ihr Internat nennen.

Jacobs jüngerer Bruder Jonah wollte auch sofort mitmachen: »Weil ich die Gemeinschaft hier toll fand.« Inzwischen ist auch der Fünftklässler ein festes Mitglied des Chores – keine Selbstverständlichkeit, denn die Aufnahmeprüfungen sind hart. Voraussetzung sind, neben einer guten Stimme und einem guten Gehör, auch Kenntnisse in Musiktheorie.

Doch warum entscheidet sich eine jüdische Mutter, ihre Kinder in eine dezidiert christliche Institution zu geben? »Ich finde die Musik einfach so schön. Das ist eine Möglichkeit der Ausbildung und eine Chance, Dinge zu erleben, die man sonst nie hat. Die Jungs waren jetzt auf Konzertreise in Japan und Südkorea. Das könnte ich ihnen nicht bieten«, sagt Mutter Caroline Renner. »Als Neurologin denke ich auch, dass die musikalische Ausbildung sehr gut fürs Gehirn ist.«

Regeln Der Tagesablauf der Jungen ist straff organisiert. Vormittags Schule, nachmittags Chorproben und Einzelunterricht, abends Hausaufgaben, dazwischen und am Wochenende immer wieder Auftritte. Im Jubiläumsjahr des Chores, dessen berühmtester Leiter von 1723 bis 1750 Johann Sebastian Bach war, ist auch das Interesse der Presse groß, sogar ein Film über das Leben der Thomaner ist gerade in den Kinos zu sehen. Das bedeutet eine Menge Druck: »Ich versuche, immer wieder deutlich zu machen: Ihr seid an einer großen Sache beteiligt, also beteiligt euch auch groß«, sagt Thomaskantor Georg Christoph Biller in dem Film Die Thomaner.

Die Erziehung zur Disziplin zeigt auch bei Jacob und Jonah ihre Wirkung: Im Interview sind die beiden konzentriert und höflich, wären sie keine Kinder, würde man sagen: professionell. Jacob ist etwas schüchterner als sein quirliger jüngerer Bruder. Nur ihre Chorhemden für den Fototermin haben sie eher widerwillig angezogen. Kein Wunder, die beiden haben heute bereits einen Auftritt hinter sich gebracht, die wollenen Hemden sind für die Kühle einer Kirche gemacht und nicht für die Hitze des Leipziger Frühsommers.

Doch wie verkraften ein Zwölf- und ein Elfjähriger den permanenten Leistungsdruck? Während Jacob auf die spärliche Freizeit verweist, sagt sein jüngerer Bruder wie aus der Pistole geschossen nur ein Wort: »Fußball«.

Reisen Einmal im Jahr macht der Chor eine weite Konzertreise – eine große Auszeichnung für die Sänger, die mitfahren dürfen. Diesmal ging es gemeinsam mit dem Gewandhausorchester nach Südkorea und Japan. »Ich wollte anfangs nicht mit, weil ich Angst hatte, weil das meine erste Weltreise war«, erzählt Jonah. Zuerst hatte er auch Heimweh, aber er teilte das Zimmer mit seinem großen Bruder, und das hat ein bisschen geholfen. Allerdings herrscht etwas Uneinigkeit zwischen den Jungen, wer wann genau wie viel Heimweh hatte.

Doch am Ende sind beide froh, dass sie dabei waren, obwohl es manchmal stressig wurde. Fußballfan Jonah erzählt mit glänzenden Augen, dass die Thomaner in Yokohama sogar im selben Hotel wohnten wie die deutsche Fußball-Nationalmannschaft während der WM 2006. »Das wurde extra für sie gebaut«, weiß Jacob.

Glauben Mit dem Thema Religion gehen die beiden unbefangen um. Die Renners sind keine orthodoxen Juden, wie Jonah erklärt: »Wir halten uns an ein paar Regeln, aber nicht an alle.« Auf eine jüdische Erziehung legt Caroline Renner dennoch sehr viel Wert. »Unsere Mutter möchte gerne, dass, wenn wir schon im christlichen Chor sind, wir auf keinen Fall unseren Glauben vergessen«, sagt Jonah. Deswegen besuchen die beiden jeden Donnerstagnachmittag den Religionsunterricht in der jüdischen Gemeinde Leipzig. Dafür sind sie sogar von den Proben freigestellt.

Ist es befremdlich für sie, christliche Lieder zu singen? »Nö, nach einiger Zeit nicht mehr«, sagt Jacob. »Aber bei den Motetten betet man ja auch das Vaterunser. Da beten wir dann nicht mit oder sprechen unser eigenes Gebet«, erklärt er. Mutter Renner ist da etwas distanzierter: »So gerne ich sie singen höre, ich kann nicht zur Motette gehen, das ist mir zu christlich«, sagt sie. »Wenn einer von den beiden ein Solo hätte, wäre das etwas anderes«, schiebt sie hinterher.

Doch bei aller Begeisterung für die Musik unterscheiden sich die Traumberufe der beiden Chorknaben nicht von denen anderer Jungen in ihrem Alter: Jacob möchte später vielleicht mal Pilot werden, Jonah Fußballprofi bei Bayern München. »Aber dafür müsste ich raus aus dem Chor«, sagt er und seufzt.

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Hilfe

Gestrandet in Deutschland

Viele Israelis wurden im Ausland vom Beginn des Krieges mit dem Iran überrascht. Sie finden Unterstützung bei der israelischen und jüdischen Gemeinschaft vor Ort

von Joshua Schultheis  11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

Berlin

150 Rabbiner am Brandenburger Tor

Ein Fototermin setzt ein Zeichen: Rabbiner zeigen, wie jüdisches Leben heute Europa prägt. Was beim Treffen sonst noch auf dem Programm steht

 11.03.2026