Politik

Zu jung, um zu entscheiden?

Batel (15, r.) und Jana Sch. (16) gehen in Berlin zur Schule. Foto: Gregor Zielke

»Mich hat Politik schon früh interessiert«, sagt Louis (18), Schulsprecher des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn in Berlin. Die Parteiprogramme hat er gründlich studiert und mit Schulkameraden über die Inhalte diskutiert.

Am vergangenen Freitag hat sich das Gymnasium an der »U18-Wahl« beteiligt – die Schüler der Klassen acht bis zwölf durften ihre Stimme abgeben, um zu erleben, wie eine Wahl funktioniert. Vor den Wahlkabinen gab es viele Diskussionen, die Beteiligung war hoch, sagt der Schulsprecher.

Bundesweit gab es bei der U18-Wahl die meisten Stimmen für CDU/CSU, gefolgt von SPD und Grünen. Die Linke, AfD und FDP erreichten mehr als fünf Prozent. »Man muss das Amtsdeutsch der Parteiprogramme auf eigene Worte runterbrechen«, findet Louis.

Kommunalwahlen Er hat bereits vor einem Jahr bei der Wahl zum Berliner Senat seine Stimme abgegeben – bei Kommunalwahlen dürfen auch schon 16-Jährige mitwählen. Aber ob man mit 16 oder 18 zum ersten Mal wählen geht, findet Louis nicht so wichtig.

Wenn Jana Sch. auf dem Weg zur Schule ist, kommt sie an vielen Wahlplakaten vorbei. »Ich lese sie mir immer durch und studiere die Slogans«, sagt die Berliner Schülerin. Am Sonntag ist Bundestagswahl, aber Jana Sch. und ihre Klassenkameradinnen Batel, Lea und Jana Z. können noch nicht mitwählen. Sie besuchen die elfte Klasse des Gymnasiums der Jüdischen Traditionsschule am Spandauer Damm und sind 15 bis 17 Jahre alt.

Beim Fernsehduell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich der Herausforderer Martin Schulz (SPD) für ein Wahlrecht ab 16 auch bei der Bundestagswahl eingesetzt. Doch die Schülerinnen sind skeptisch.

»Was hätte es denn für einen Vorteil, wenn ich jetzt einen Bundeskanzler mitwählen würde?«, fragt Batel (15). Die anderen Mädchen sehen das genauso. »Um wählen zu können, müsste ich mich besser auskennen«, sagt Lea (16). »Ich befasse mich nicht genug mit Politik«, glaubt auch Jana Z. (17). Und wie informieren sich die Jugendlichen? »Hauptsächlich im Internet«, sagen die vier unisono. Dort verfolgen sie ab und zu die Nachrichten und schauen nach, welche Ziele die einzelnen Parteien haben.

Homosexualität »Für mich ist es ganz wichtig, dass gleichgeschlechtliche Paare auf der Straße nicht beleidigt werden«, sagt Jana. Sie hat öfters beobachtet, dass viele Menschen deshalb angefeindet würden. »Es soll die Norm sein, dass jeder die Freiheit hat, sich selbst auszusuchen, mit wem er zusammen ist.« Während der Herrschaft der Nazis wurden viele Menschen, die Homosexualität lebten, in Lager deportiert. »Ich würde also keine Partei wählen, die wieder für ein Verbot von gleichgeschlechtlicher Liebe ist«, sagt Jana Z. bestimmt.

Auch der Klimawandel ist für die Jugendlichen ein wichtiges Thema. »Der wird große Auswirkungen auf unseren Planeten haben. Man spürt die Veränderungen schon jetzt.« Außerdem meint Batel: »Ich würde mir wünschen, dass man auf die Straße gehen und zeigen kann, dass man jüdisch ist, und sich dennoch sicher fühlt.« Beterinnen und Beter aller Religionen sollten ihr Haus verlassen können, ohne Angst haben zu müssen.

Im Politik- und Geschichtsunterricht hat die Klasse der vier Mädchen den Wahl-O-Mat getestet. »Aber es ist auch interessant, was sonst auf der Welt passiert, was der amerikanische Präsident macht, was in Russland los ist oder in der Türkei«, meint Jana. Für Batel sind die Nachrichten aus Israel wichtig, weil sie dort Familie hat. Lea hingegen verfolgt aufmerksam das politische Geschehen in den USA, weil ihre Familie von dort kommt.

gleichberechtigung Knapp 600 Abgeordnete gehören dem deutschen Bundestag an. Weniger als ein Drittel von ihnen sind Frauen. »Frauen und Männer sollten die gleichen Rechte haben. Oft sind Frauen als minderwertig angesehen worden – das geht gar nicht«, sagt Batel. Jana Sch. würde sich wünschen, dass der Frauenanteil sich mit der nächsten Wahl erhöht. Aber: »Nur weil es eine Frau ist, hat sie nicht gleich mein Vertrauen«, sagt die 16-Jährige.

Semon (17), Madrich im Berliner Jugendzentrum Olam, würde gerne zur Wahl gehen, obwohl er seine Chance vor einem Jahr nicht wahrgenommen hat. »Als die Unterlagen zur Wahl des Berliner Senats in meinem Briefkasten waren, habe ich sie verlegt«, sagt Semon, der ein Gymnasium in Berlin-Steglitz besucht. Er fühlte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erwachsen genug, um mit gutem Gewissen seine Stimme abzugeben. Das hat sich mittlerweile geändert: »Ich bin jetzt reifer.«

Wie auch Jana Sch. studiert Semon die Wahlplakate genau. Bei der AfD stört ihn – neben anderem – das, was er als Hetze empfindet. »Am schlimmsten finde ich das Plakat mit der Aufschrift ›Burkas? Wir stehen auf Bikinis‹.« Bei der SPD sei ihm positiv die Wahlwerbung aufgefallen, bei der es um gleiche Gehälter für Frauen geht.

Nicht nur bei den Grünen hat Semon bemerkt, dass mehr Migranten als früher für den Bundestag kandidieren: »Das zeigt, dass wir in einem Multikulti-Land leben.« Am meisten sagen Semon die Ziele der CDU zu: »In diesem Herbst bedauere ich es, noch nicht wählen zu können.«

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Neuanfang

Erste Klasse

Zwischen Schultüte und Blumen: Jüdinnen und Juden öffnen ihre Fotoalben und blicken auf ihre Einschulung zurück – in Israel, im Baltikum, in der Sowjetunion sowie in Ost- und West-Berlin

von Christine Schmitt  26.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  26.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  25.08.2026

München

Von Deutschland in die Welt

Eine Ausstellung widmet sich dem Wirken jüdischer Architekten, deren Karrieren von Verfolgung und Exil bestimmt waren. Ihre Bauten beeinflussten die Moderne maßgeblich

von Ellen Presser  25.08.2026

Dresden

Ausstellung würdigt jüdische Sportlerinnen und Sportlern

Deutsch-jüdische Sportlerpersönlichkeiten stehen im Mittelpunkt einer Präsentation. Anlässlich des Jahres der jüdischen Kultur wird sie in Dresden gezeigt

 25.08.2026

Spremberg/Forst

Stolpersteine gestohlen

Der Staatsschutz ermittelt

 24.08.2026

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Unbekannter entwendet Kippa

Der Staatsschutz der Dresdner Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen

 24.08.2026

Meinung

Jüdische Schulen: Orte der Zugehörigkeit

Der Wunsch nach jüdischer Bildung wächst, während die Strukturen zunehmend fragil werden

von Eduard Steinberg  24.08.2026