Treffpunkt

Zu Hause am Alex

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Die weißen Gästekippot reichen längst nicht aus. Ungefähr 60 Leute erwarten der junge Rabbiner Nathan Zuckerman und seine Frau Orit am Freitagabend zum Schabbat im Chabad-Zentrum in der Karl-Liebknecht-Straße. Einige Gäste scheinen den Kippotmangel zu ahnen – manche von ihnen tragen deswegen aus Spaß eine Serviette auf dem Kopf. Während Orit Plastikteller und -schüsseln mit Gemüsesalat, Hummus und Reis mit Hühnchen auf den Tisch stellt, begrüßt Nathan die eintrudelnden Gäste.

Seit einem Jahr gibt es das Zentrum am Alexanderplatz, das sich vor allem an israelische Touristen, die 10.000 Israelis in Berlin, aber auch an Chabad-Freunde richtet. Gerade so kurz vor Rosch Haschana soll es auch eine Art Zuhause sein für alle, die über die Hohen Feiertage nicht in Israel sind oder in eine Gemeinde gehen können.

Essen Zugegeben: Wie das Vorbild in Crown Heights, Brooklyn, sieht das Gebäude nicht aus: Statt in einem Ziegelbau mit zwei spitzen Giebeln ist das Chabad-Haus in einem eher schmucklosen Würfelbau untergebracht. Neben Diskussionsrunden über Tora und Talmud gibt es wöchentliche Schabbatfeiern, die immer größeren Anklang finden. Das Prinzip »Erst Gottesdienst, dann Essen« kommt an.

An diesem Erew Schabbat geht es allerdings noch lauter und fröhlicher zu als offenbar sonst. Denn unter den Gästen ist auch eine größere Gruppe junger Männer aus Paris. Sie singen laut »Schabbat-Schabbat-Schabbat Schalom« und hauen dazu auf die Holztische. Gemeinsam sind sie nach Berlin gekommen, um einen Junggesellenabschied zu feiern. »Eine ganze Woche lang«, betont Michel, der gerade seinem bald vermählten Freund Maurice eine viertelvolle Flasche Wodka eingeflößt hat.

Zu Beginn gießt Rabbi Zuckerman noch selbst ein, dann versorgt sich die Gruppe eigenmächtig und begrüßt nach der Schabbatbraut jetzt lautstark jede neue Flasche. Den bald ehemaligen Junggesellen schon mal probeweise auf seinem Stuhl hochzuheben, klappt dann trotzdem ohne Unfälle.

Rotwein Die meisten Gäste lassen es ruhiger angehen. Wie Viv zum Beispiel, der mit seiner Freundin am Tag zuvor aus Tel Aviv angereist ist. Die beiden hatten noch keine Zeit, richtig in Berlin anzukommen, und in einer Woche fahren sie auch schon wieder. Bei Salat und Rotwein erzählen sie, schon den Potsdamer Platz mit dem Sony-Center und das Brandenburger Tor gesehen zu haben. Überhaupt sind sie sehr davon beeindruckt, dass die Stadt mal in Ost und West geteilt war.

Dass es für Touristen wie Viv eine Selbstverständlichkeit ist, in einer fremden Stadt ein Chabad-Haus zu besuchen, um dort jüdisches Zusammensein zu finden, zeigt den Erfolg der Bewegung. »Kiruv« ist eines der Grundprinzipien von Chabad: Juden näher aneinander und an Gott zu bringen.

Sprachen Die französische Junggesellen-Delegation ist inzwischen ein bisschen ruhiger geworden – immerhin ist ja Schabbat. Doch auch, wenn im Raum nur Hebräisch, Englisch und Französisch gesprochen wird, bleibt es trotzdem eine jüdische Veranstaltung in Deutschland.

Gesellschaft Vor dem Gebäude stehen ein Polizeiauto und ein junger israelischer Sicherheitsmann. Dass er nach dem Überfall auf Rabbiner Daniel Alter vor einer Woche besonders nervös ist, kann der 25-Jährige nicht sagen: »Es ist die gleiche Anspannung wie immer.« Auch über die Feier legt sich kein Schatten. Langsam löst sich die Gesellschaft auf. Rabbi Zuckerman verabschiedet jeden Gast einzeln: »Come back next week and bring your friends.«

Denn am Wochenende zu Rosch Haschana plant der junge Rabbiner gemeinsam mit seiner Frau ein Dinner. Für zehn Euro ist man dabei. Auf Englisch, Hebräisch Französisch, mit Wodka oder ohne – auf jeden Fall aber gemeinsam.

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