Synagoge Augsburg

»Zierde der Fugger-Stadt«

Die Architektur deutscher Synagogen ist immer auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse: Zwischen kirchenartig angepasst und selbstbewusst exotisch-orientalisch schwang das Pendel in der Gestaltung jüdischer Gotteshäuser in den Jahrhunderten mehrmals hin und her. Die letzte Synagoge, die während des Ersten Weltkriegs und damit am Beginn der klassischen Moderne in der Baukunst fertiggestellt wurde, ist die Synagoge Halderstraße in Augsburg.

Die 100. Wiederkehr ihrer Einweihung wird zu Recht gefeiert, denn der 1917 eröffnete Bau ist gestalterisch eine einzigartige Mischung aus Jugendstil und neo-byzantinischen Details. Für ihre Verbindung von »traditionellen Formen und moderner Konstruktion« wurde der Begriff »neu-jüdischer Synagogentyp« geprägt.

Das denkmalgeschützte Bauwerk zeigt das Selbstbewusstsein der Augsburger Juden, die zum Zeitpunkt des Neubaus seit zwei Generationen gleichberechtigt in der Stadt lebten. Der Synagogenbau war Ausdruck für ihr Selbstverständnis als »deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens«.

Architektenwettbewerb Nach dem Erwerb eines Gartengutes im Jahr 1903 lobte die Gemeinde einen Architektenwettbewerb aus, aus dem Fritz Landauer und Heinrich Lömpel als gleichberechtigte Sieger hervorgingen. Der Baubeginn fiel mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zusammen. Das »Schmuckkästchen unter den deutschen Synagogen« wurde dennoch gebaut.

Landauer hatte mit seinen Entwürfen für die Synagogen in Plauen und Hamburg gezeigt, dass die aufkommende »neue Sachlichkeit nichts Ungeistiges zu meinen braucht, nichts Nüchternes oder Seelenloses«. Modern war für Landauer die gestalterisch »klare Entwicklung aus dem Zweck«. Die »Anwendung neuer Konstruktionsmethoden und Materialien erlaubt die Entwicklung neuer Formgedanken«. Es ging darum, »wesentlichen und geistigen Gehalt« einer Synagoge durch »Gestaltung und Stimmungswert« auszudrücken. Sein Entwurf galt ihm als »Andacht, weil Widmung an das Höchste«. Die »gründlichere und geistvollere Baugesinnung bei der Errichtung jüdischer Gotteshäuser in Deutschland« fiel zeitgeschichtlich nicht zufällig mit dem »Auftreten jüdischer Architekten als Erbauer« zusammen.

Landauer agierte auch städtebaulich geschickt: Wegen der West-Ost-Ausrichtung der Halderstraße konnte seine Synagoge nicht mit ihrer Hauptachse zur Straße stehen. Landauer positionierte deshalb zwei Gemeindegebäude an der Straße, deren Formen sich den umgebenden Augsburger Renaissancebauten annähern, und verband sie durch eine dreitorige Säulenhalle. Sie führt in einen Brunnenhof, hinter dem sich die Synagoge lärmgeschützt und »feierlich zurückgezogen« mit ihrer prächtigen Kuppel erhebt. In drei Abschnitten – durch Säulenhalle, Zwischenhof und Vorhalle – erfolgt der Zugang von Westen, mit Blick auf die Bundeslade. Die dramaturgisch geschickt gestalteten Übergänge in das Innere steigern den Raumeindruck.

Mystik Im Grundriss hat die Augsburger Synagoge die Form eines gleicharmigen Kreuzes. Über dem Zentralraum mit vier tonnengewölbten Kreuzarmen erhebt sich eine 29 Meter hohe Kuppel. Maßwerkfenster und Kugellampen aus Messing tauchen ihn in mystisches Licht. Über dem Toraschrein stand eine Orgel, die erste in einer bayerischen Synagoge. In seinem Text über Synagogenbau-Kunst (1930) schrieb Landauer, dass sein Entwurf der »Konzentrierung der Beter auf den Gottesdienst« dienen will. Durch den »Dreiklang von Form, Farbe und Licht« wurde die »Ausprägung jüdischen Wesens im Raum und die Erzielung einer ergreifenden Stimmung der Andacht und Weihe angestrebt«, so Landauer.

Seine einzigartige Gestaltung schützte das Gebäude nicht: Während der Reichspogromnacht 1938 zerstörten 30 Nationalsozialisten die Inneneinrichtung der Synagoge und legten Feuer. Alliierte Luftangriffe beschädigten 1944 die Synagoge zusätzlich. Erst 1963 konnte ein kleiner Teil wieder genutzt werden. In den Jahren 1974 bis 1985 wurde sie wiederhergestellt und beherbergt seitdem auch das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben.

Kritiker attestierten den Architekten schon vor 100 Jahren »wohlbedachte Hingabe und fachliche Fähigkeit« sowie »Rücksicht auf die Gesamtwirkung trotz liebevoller Einzelgestaltung«. Als »Zierde der Fugger-Stadt« und »Stolz der jüdischen Gemeinde« wurde sie gepriesen. Die Augsburger Synagoge ist »ein Bau, der für die geistige und ethische Richtung des deutschen Judentums vorzüglichen Ausdruck gibt«, urteilt der Münchner Kunsthistoriker Georg Jakob Wolf. Angesichts des Synagogen-Baubooms in Deutschland heute ist die »glückliche Verschmelzung« von Vergangenheit und Gegenwart Garant für einen »Stimmungswert von höchst feierlichem Klang«, der auch der zeitgenössischen Architektur zum Vorbild gereichen kann.

Ehrung

Ein pflichtbewusster Optimist

Fritz Neuland war einer der Wiederbegründer und später Präsident der Münchner Kultusgemeinde. Nun ist eine Straße nach ihm benannt

von Esther Martel  16.03.2026

Auftakt

Schutzversprechen für die jüdische Gemeinschaft

Im Alten Rathaus am Marienplatz begann die Münchner »Woche der Brüderlichkeit« 2026

 16.03.2026

Dresden

Stimme der Aufklärung

Die 90-jährige Schoa-Überlebende Renate Aris erhält für ihr Engagement als Zeitzeugin das Bundesverdienstkreuz

 15.03.2026

Berlin

Signale am Gleis 17

Aktivisten möchten aus dem ehemaligen Bahnwärterhaus eine Info-Werkstatt zur Schoa machen

von Christine Schmitt  15.03.2026

Porträt

Im Einsatz für andere

Jutta Josepovici arbeitete für die ZWST und die Frankfurter Jüdische Gemeinde

von Eugen El  15.03.2026

Leipzig

In sichere Hände

Die Israelitische Religionsgemeinde bekommt eine hebräische Bibel von 1906 geschenkt

von Thyra Veyder-Malberg  14.03.2026

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026