Kundgebungen

Zeichen gesetzt

Der Versandhandel war überfordert. Wer kurzfristig für Mittwoch in Erfurt, Köln, Magdeburg oder Potsdam eine Kippa bestellt hatte, musste sich entweder eine ausleihen oder selbst basteln. Die Zustellung würde drei Tage brauchen, meldete ein großer Onlinehandel, es gebe Lieferengpässe für die traditionelle jüdische Kopfbedeckung für Männer.

Wer in Köln keine eigene Kippa hatte, erhielt sie von der Synagogen‐Gemeinde ausgeliehen oder setzte sich Mütze oder Basecap auf, um sich mit der jüdischen Gemeinschaft an diesem Tag solidarisch zu zeigen. Und es war ein eindrucksvolles Bild: knapp 1000 Menschen mit Kippa, die sich bei bestem Frühlingswetter um 18 Uhr auf dem Kölner Domvorplatz einfanden. Gemeinsam demonstrierten sie ihre »Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin«, wie es im Demonstrationsaufruf hieß.

Dabei war die Initiative dazu sehr kurzfristig geboren worden: Der Kölner Schauspieler Gerd Buurmann, an diesem Abend auch Moderator, hatte die Idee. Der Domvorplatz war zu drei Vierteln gefüllt. Auch die Kölner Synagogen‐Gemeinde hatte zur Teilnahme an der Kundgebung aufgerufen und kurzfristig 500 Kippot zur Verfügung gestellt. Sprecher aller größeren Parteien Kölns traten als Redner auf – und verzichteten auf parteipolitische Selbstdarstellungen. Es sprachen Vertreter der Kölner Synagogen‐Gemeinde, der beiden Kirchen sowie des muslimischen Verbandes Ditib.

Mahnung »Es reicht!« Dieser Ruf, diese Mahnung erklang immer wieder. »Auf die Kölner ist immer Verlass!«, rief die Kölner Bürgermeisterin Elfi Scho‐Antwerpes auf dem Podium. Juden würden im Jahr 2018 auch in Köln diskriminiert. Scho‐Antwerpes zitierte ihre 99 Jahre alte Mutter: »Seid wachsam und schweigt nicht!« Das sei unsere Verpflichtung, gerade heute.

Deutliche Worte fand auch Felix Schotland vom Vorstand der Synagogen‐Gemeinde. »Es ist nicht mehr auszuhalten!« Es sei unerträglich, wenn Juden in Deutschland beleidigt und sogar körperlich angegriffen würden – und wenn Angriffe auf Synagogen von Gerichten als »antiisraelisch« legitimiert statt als antisemitisch strafrechtlich geahndet würden. Das bisher nicht sanktionierte Verbreiten von Antisemitismus in sozialen Netzwerken »muss geächtet werden«, forderte Felix Schotland unter starkem Beifall.

Als Redner trat auch Bekir Alboga, Beauftragter für interreligiösen Dialog der durchaus nicht unumstrittenen Ditib, auf. Juden dürften nicht zum Ziel von Übergriffen gemacht werden, dies verbiete sich auch aus theologischer Sicht. Alboga forderte unter Beifall Bündnisse gegen jede Form von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit: »Verschiedenheit zwischen Menschen ist gewollt.«

Antifa In der Zwischenzeit war die Anzahl der Teilnehmer auf knapp 1000 angewachsen. Deren Spektrum war erkennbar bunt: Zahlreiche Mitglieder aus der Jüdischen Gemeinde waren da. Ein Antifa‐Transparent forderte in großen Lettern »Gegen jeden Antisemitismus«, auch die in Köln bekannte »Kurdistan Israel Friendship Association« warb mit einem Transparent um Respekt und Solidarität.

Olaf Hensel, der in der Kölner Kampagne »Kein Veedel für Rassismus« aktiv ist, sagte der Jüdischen Allgemeinen: »Für mich ist es selbstverständlich, hier öffentlich gegen jeden Antisemitismus einzustehen. So wie ich auch gegen Neonazis oder die AfD Flagge zeige. Ich bin froh, dass sich heute so viele Menschen solidarisch zeigen.« Und Reinhold Goss (53) betonte: »Wiedererstarkender Antisemitismus bleibt für eine weltoffene Gesellschaft eine sich wieder neu stellende Aufgabe. Individuell wie gesellschaftlich. Deswegen bin ich hier und trage heute als überzeugter Atheist Kippa.«

Volker Gorzel von der FDP betonte in seiner Rede, er sei nicht bereit, antisemitische Beleidigungen und Angriffe gegen Juden hinzunehmen, »gleichgültig ob von Rappern oder von Stammtischen«. Es sei nicht mehr hinnehmbar, »dass vor Synagogen Polizeiautos stehen müssen«.

Mehrere Redner, darunter auch Helge David Gilberg von der SPD und Hannes Platz von der Deutsch‐Israelischen Gesellschaft Köln, attackierten den Antisemitismus der AfD. »Wir stellen uns gegen solche Lügner, die den Boden für Antisemitismus bereiten«, sagte Gilberg. »Deutschland muss für die Sicherheit Israels eintreten.«

Freiheit Bereits am Vormittag waren in Thüringens Landeshauptstadt Erfurt rund 300 Menschen auf die Straße gegangen. »Wir wollen zeigen, dass wir in einem freien Land leben«, sagt Jamous Iman. Die junge Frau kommt aus Syrien, trägt einen Hijab und hat nahe der Mikwe eine Kippa aufgesetzt.

Sie ist eine von rund 300 Frauen und Männern, die dem Ruf des Achava‐Intendanten Martin Kranz gefolgt sind und »Thüringen trägt Kippa« für Erfurt initiiert haben. Die meisten Frauen setzten ebenfalls eine Kippa auf, die an diesem Tag eher Symbol als Zeichen religiöser Juden war. »Ich finde das sehr in Ordnung«, reagierte denn auch der orthodoxe Rabbiner Benjamin Kochan.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, einige seiner Kabinettsmitglieder und Vertreter von Kirchen, Vereinen und Verbänden hatten sich an der historischen Mikwe getroffen, um von dort durch die Altstadt, am Rathaus vorbei bis zur neuen Synagoge zu demonstrieren.

Unter ihnen befand sich auch Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde. »Es gab über viele Monate hinweg immer wieder neue antisemitische Vorkommnisse«, sagte er. »Es tut der Demokratie gut, antisemitische Strömungen durch Bildung zu neutralisieren«, so sein Grundsatz, dem Thüringens Bildungsminister Helmut Holter sofort zustimmte. Und er ergänzt: »Es gibt null Toleranz gegenüber Antisemitismus.« Deshalb hätten sich der Zentralrat der Juden und die Kultusministerkonferenz darauf geeinigt, mehr Wissen über das Judentum in den Schulen zu vermitteln.

Ausgrenzung Besonders erschütterte ein Erfurter die Demonstranten, der spontan vor dem Rathaus das Wort ergriff. Er verwies auf seinen schwerstbehinderten Sohn, um den er ebenso Angst haben müsse wie Juden, wenn sie mit einer Kippa durch die Stadt laufen. »Das dürfen wir nicht zulassen«, forderte er unter Tränen.

Zu den Demonstranten gehörte auch Christian Bergmann. Er ist Vorstand in der Staatskapelle Weimar. »Ich wollte unbedingt dabei sein, weil es nicht angehen kann, was hier passiert. Da will ich ein Zeichen setzen«, sagte der Musiker der Jüdischen Allgemeinen und stimmte mit anderen Demonstranten das israelische Volkslied »Hevenu Shalom Alechem« an.
Migrationsminister Dieter Lauinger verwies in einem kurzen Statement darauf, dass »Menschen, die in diesem Land leben, sich an das Grundgesetz zu halten haben«. Dafür bekam er großen Beifall. Die Demonstranten bildeten vor der neuen Synagoge spontan eine Menschenkette.

Imam Auch in der brandenburgischen Landeshauptstadt demonstrierten am Mittwochabend rund 200 Frauen, Männer sowie Kinder und Jugendliche, um unter dem Slogan »Potsdam trägt Kippa« ein sichtbares Zeichen gegen wachsende Judenfeindschaft zu setzen. Die Menge marschierte vom Gebäude der Jüdischen Gemeinde Potsdam e.V. zum Brandenburger Tor, unter ihnen viele Christen, Juden, Bürgerrechtler, Landes‐ und Kommunalpolitiker. Der Imam von Potsdam, Kamal Abdallah, hatte ebenfalls seine Teilnahme und einen Redebeitrag angekündigt, blieb der Veranstaltung aber schließlich doch fern.

Die Aktion »Potsdam trägt Kippa« war von Cornelia Radeke‐Engst, Pfarrerin an der Potsdamer Nagelkreuzkapelle, initiiert worden, ihr Vorschlag war bei den jüdischen Gemeinden der Stadt sofort auf positive Resonanz gestoßen. »Allein und aus eigener Kraft hätten wir uns zu einer solchen Aktion wohl nicht entschlossen«, sagte Ud Joffe von der Synagogengemeinde bei der abschließenden Kundgebung.

Michael Tkach, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Potsdam e.V., dankte der Pastorin ebenfalls und wandte sich an die 200 Kundgebungsteilnehmer: »Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit uns zusammen hier eine Kippa zu tragen und uns damit viel Mut zu machen.«

Toleranz Mike Schubert, Sozialdezernent der Stadt Potsdam, freute sich seinerseits, »dass Vertreter verschiedenster Glaubensgemeinschaften den Weg zu dieser Kundgebung gefunden haben«, und er schloss mit einer klaren Ansage: »In unserer Stadt, die eine lange Tradition der Toleranz pflegt, ist weder für alten noch für neuen Antisemitismus Platz.«

Evgeni Kutikov, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Potsdam e.V., freute sich ebenfalls über die breite Unterstützung durch unterschiedliche Gruppierungen und mutige Einzelpersonen. Das Klima in der Stadt, so Kutikov, sei »heute gesund und entspannt, judenfeindliche Zwischenfälle eher selten«. Susanne Krause‐Hinrichs von der F.C. Flick Stiftung, die im März zu einem Workshop über Antisemitismus‐Prävention eingeladen hatte, resümierte: »Potsdam hat gezeigt, dass es im Aufstehen gegen Rassismus und Antisemitismus gut geübt ist. Jetzt geht es darum, dies in ganz Brandenburg zu verstetigen. Antisemitismus ist leider kein temporäres Phänomen, und hier gilt es, noch dicke Bretter zu bohren.«

synagogenneubau
In Magdeburg trafen sich rund 100 Menschen am Mahnmal der 1938 zerstörten Synagoge an der Julius‐Bremer‐Straße. Aufgerufen hatten das Magdeburger »Bündnis gegen rechts«, der Förderverein »Neue Synagoge Magdeburg« und die Magdeburger Arbeitsgruppe der »Deutsch‐Israelischen Gesellschaft«. Unter dem Motto »Magdeburg trägt Kippa« wollten sie ein Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus setzen.

»Wenn Israelis und Juden in unserem Land verbal und körperlich angegriffen werden, weil sie Kippa tragen, dann sind wir alle angegriffen. Und wir alle müssen deutlich Flagge zeigen«, hatten sie in ihrem Aufruf geschrieben. Die Magdeburger waren aufgefordert, selbst eine Kippa mitzubringen, es gebe aber auch die Möglichkeit, sich vor Ort eine auszuleihen.

Wadim Laiter, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Magdeburg, sagte dem Mitteldeutschen Rundfunk, das eigentlich Tragische an dem jüngsten Vorfall in Berlin sei, dass er zeige: »Es ist nicht nur schwieriger, sondern es ist gefährlich geworden, auf offener Straße eine Kippa zu tragen.«

Ziel des Demonstrationszuges war der künftige Standort der neuen Synagoge, der durch ein mehrfarbiges Banner mit dem Aufdruck »Otto braucht eine Synagoge« gekennzeichnet ist. Das Spruchband sei schon viermal erneuert worden, weil das Wort »Synagoge« herausgeschnitten worden war, erzählt Waltraud Zachhuber vom Förderverein »Neue Synagoge Magdeburg«. Auch das sei Antisemitismus, betonte sie. Denn es zeige ja wohl, dass die Täter meinten, Magdeburg brauche keine Synagoge. Die Demonstranten beantworten dies mit dem Spruch: »Otto braucht keinen Juden‐ und Fremdenhass«.

Unter Mitarbeit von Olaf Glöckner und Heide Sobotka

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