Düsseldorf

Zeichen der Freundschaft

Der Rat der Stadt Düsseldorf hat einstimmig eine Städtepartnerschaft mit Czernowitz beschlossen. Mitglieder der Düsseldorfer jüdischen Gemeinde hatten seit Jahren auf die Partnerschaft mit der einstigen Hauptstadt der Bukowina im Südwesten der Ukraine hingearbeitet. Es soll ein Zeichen der Solidarität und Freundschaft sein.

Das Interesse der Rheinländer an dem gut 1700 Kilometer entfernten Ort ist kein Zufall. Czernowitz (ukrainisch: Tscherniwzi) galt bis zum Zweiten Weltkrieg als eine Hochburg jüdischen Lebens und jüdischer Kultur. Man nannte es einst anerkennend »Jerusalem am Pruth«. Nach der Schoa beteiligten sich viele Menschen, deren Familien schon in der Bukowina im jüdischen Leben aktiv waren, am Wiederaufbau der Düsseldorfer Gemeinde. Einige dieser Menschen und deren Kinder prägen das Gemeindeleben bis heute.

SCHWEIGEMINUTE Es waren emotionale Momente im Düsseldorfer Stadtrat. Nach einer Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer des russischen Angriffs auf die Ukraine meldete sich Roman Klischuk, der Bürgermeister von Tscherniwzi, mit einer Videobotschaft. Er bedankte sich für die Hilfe aus der NRW-Landeshauptstadt und verdammte den russischen »Krieg ohne Regeln«. Die Städtepartnerschaft sieht er als Signal, das ihn auf einen schnellen Wiederaufbau hoffen lässt. Auch die bei der Sitzung anwesende ukrainische Generalkonsulin in Düsseldorf, Iryna Shum, würdigte die Unterstützung: »Wir werden ihren großartigen Einsatz für unser Land und unsere Bürger nie vergessen!«

Herbert Rubinstein, Jahrgang 1936, stammt aus Czernowitz und überlebte das dortige Ghetto.

»Das ist eine wunderbare Entscheidung der Stadt«, kommentiert Herbert Rubinstein das Votum für die Partnerschaft. Jetzt komme es darauf an, die Kooperation mit Leben zu erfüllen. Rubinstein, Jahrgang 1936, stammt selbst aus Czernowitz und überlebte das dortige Ghetto. Seit 1956 lebt er in Düsseldorf, wo er seine spätere Ehefrau Ruth kennenlernte, und engagiert sich seit vielen Jahrzehnten intensiv im Gemeindeleben.

Er ist damit einer von vielen aus der Region am Pruth: Der Vorstandsvorsitzende der Gemeinde, Oded Horowitz, und der Gemeinderatsvorsitzende Adrian Flohr haben ihre Wurzeln ebenfalls in der Bukowina. Düsseldorf war auch der letzte Wohnort von Rose Ausländer. Die Lyrikerin wurde 1901 im damals noch zu Österreich-Ungarn gehörenden Czernowitz geboren. Sie verbrachte die letzten Lebensjahre bis zu ihrem Tod 1988 im Nelly-Sachs-Haus, dem jüdischen Seniorenheim der Landeshauptstadt.

TEMPEL Die Stadt, in der er die ersten Lebensjahre verbracht hatte, sah Rubinstein erst 2017 wieder – bei einer Reise im Rahmen des Projekts »Erinnerung lernen« der Jüdischen Gemeinde, angeregt durch den Historiker Matthias Richter, einen langjährigen Freund der Familie. »Es waren Wechselbäder der Gefühle«, erinnert sich Rubinstein. Im Kopf geblieben waren ihm aus Kindertagen noch der Fluss und Bauten wie die große Synagoge im neomaurischen Stil. Einheimische nannten sie den Tempel. Heute dienen ihre schwer wiederzuerkennenden Reste als Filmtheater.

Rubinstein führte in Tscherniwzi eine Reihe von Gesprächen. Dabei traf er auch Mykola Kuschnir, den Direktor des Museums für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina. Kuschnir erzählte ihm viel über die Geschichte der jüdischen Familien, die die jüdische Kultur in der Bukowina geprägt haben. Herbert Rubinsteins Besuch fiel in eine Zeit, in der diverse Projekte zwischen Düsseldorf und Tscherniwzi gerade anliefen. Dabei ist speziell »Erinnerung lernen« zu nennen, initiiert von Olga Rosow, Leiterin der Sozialabteilung der Gemeinde.

Das jüdische Albert-Einstein-Gymnasium Düsseldorf pflegt eine Schulpartnerschaft mit dem Gymnasium Nr. 1 in der ukrainischen Stadt. Auch mit dem Jüdischen Museum gibt es enge Kontakte, die Düsseldorfer Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus führte fünf Projekte mit »Erinnerung lernen« und dem Museum durch, zuletzt eine viel beachtete Ausstellung über die Geschichte von Makkabi Czernowitz.

Die Stadt nahe der rumänischen Grenze hat heute etwa 250.000 Einwohner, davon sind rund 3000 Juden.

So entstanden ein Schulbuch in Form einer Graphic Novel über die Geschichte des Holocaust in der Bukowina, ein regelmäßiges Erinnerungs-Fußballturnier, die erste Stolperschwelle in der Ukraine und zahlreiche Filme.

KONTAKTE Auch die Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte und das Heine-Institut unter der Direktorin Sabine Brenner-Wilczek knüpften Kontakte nach Tscherniwzi beziehungsweise nahmen Veranstaltungen mit Bezug zur Bukowina ins Programm. Kuschnir und Matthias Richter, die sich seit Jahren für die Städtepartnerschaft einsetzen, wurden durch die Stadtverwaltung Tscherniwzi in einen Ausschuss zur Errichtung eines Holocaust-Museums für die Bukowina berufen.

Der damalige Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) war von den Aktivitäten sehr angetan. Im April 2019 besuchte er gemeinsam mit einer Delegation der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf die Stadt am Pruth. Adrian Flohr, Herbert Rubinstein und Olga Rosow waren dabei.

Damit waren die ersten Schritte in Richtung einer Städtepartnerschaft getan. In der Gemeinde hätten nun viele gern gesehen, dass der Stadtrat der Kooperation ganz offiziell seinen Segen geben würde. Düsseldorf hatte bereits acht Partnerstädte – von Cottbus bis Moskau. Aber es passierte erst einmal nichts. Dann begann die Corona-Pandemie, und im November 2020 wechselte schließlich der Oberbürgermeister. Den Ausschlag gab schließlich der russische Überfall auf die Ukraine. Die zuvor lange Jahre bestehende Partnerschaft mit der russischen Hauptstadt legte Düsseldorf nach der Invasion umgehend auf Eis. Genau 14 Tage später besiegelte der Rat die Städtepartnerschaft mit Tscherniwzi.

GEFLÜCHTETE Die Stadt nahe der rumänischen Grenze hat heute etwa 250.000 Einwohner, davon sind rund 3000 Juden. Sie liegt zurzeit weit hinter der Front. In Sporthallen und Schulen wurden Tausende Geflüchtete aufgenommen, die nun versorgt werden müssen.

Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) hofft, dass die neue Partnerschaft die Hilfslieferungen für die Ukraine weiter erleichtern werde: »Von dort werden auch Hilfsgüter in die stärker bedrängten Orte in der Ukraine geliefert. Vielleicht können wir das über die Partnerschaft mit der Düsseldorfer Hilfe noch ein bisschen unterstützen.«

Unter dem Motto »Ein Abend für Czernowitz« veranstalten mehr als ein Dutzend Kooperationspartner, darunter die Jüdische Gemeinde, am 7. April ab 19.30 Uhr ein Benefizprogramm im Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Haus, Bismarckstraße 90. Dabei stellt sich auch der in Gründung befindliche »Förderverein Städtepartnerschaft Czernowitz – Düsseldorf« vor. Geboten werden neben dem informativen Teil auch literarische und musikalische Beiträge. Der Eintritt ist frei. Es wird um Spenden gebeten für das Jüdische Museum in der neuen Partnerstadt.

Eine Anmeldung zum »Abend für Czernowitz« ist zwingend erforderlich unter sekretariat@g-h-h.de, Tel. 0211/1699111; es gilt die 3G-Regel.

Tu Bischwat

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