Berlin

Zedaka in Mitte

Es hat sich viel getan im ehemaligen Scheunenviertel mitten in Berlin: Szenekneipen und Startups haben sich angesiedelt, Touristen sind unterwegs, und wer Geld hat, findet genug Geschäfte, in denen er es für ausgefallene und teure Dinge ausgeben kann. Die ehemals zahlreichen koscheren Läden, Speisestuben und Stibl sind verschwunden. Nur einige Gehminuten vom Alexanderplatz entfernt leben heute nicht mehr die Ärmsten der Gesellschaft, und die, die man auf den Straßen sieht, tragen auch nicht wie viele Bewohner des Quartiers im Jahr 1916 schwarze Mäntel, Beinkleider, Hüte und Bärte. Mitte ist heute hip.

Seinerzeit gab es in diesen Straßen wohl kein Haus ohne jüdische Bewohner: Das Scheunenviertel war vor 100 Jahren Zufluchtsort für jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa, die Pogromen, Revolution und Krieg entkommen waren. Berlin, so hatten die meisten geplant, sollte nur eine Durchgangsstation auf dem Weg gen Westen sein. Doch für viele kam es anders: Oft verhinderten Geldmangel und Krankheiten die Weiterreise, und die engen Gassen zwischen Lothringer Straße und Mulackstraße wurden zum dauerhaften Wohnsitz.

Inmitten von Enge und Not entwickelte sich eine umfangreiche jüdische Wohlfahrtsarbeit, die von Wohltätigkeits- und Hilfsvereinen und in Suppenküchen geleistet wurde. So auch im Jüdischen Volksheim, das am 18. Mai 1916 in der Dragonerstraße 22 eröffnet wurde.

Untrennbar mit der Arbeit verbunden ist der Name Siegfried Lehmann. 1892 als jüngster von vier Söhnen in eine wohlhabende Familie geboren, hatte Lehmann sein Medizinstudium noch nicht beendet, als er 1915 mit einem Zeitungsaufruf nach Gleichgesinnten suchte, die bereit waren, ihn in seinem Anliegen – der Gründung eines jüdischen Volksheims – zu unterstützen.

Akademiker Wie sich Gertrude Weil, spätere Mitarbeiterin im Volksheim, erinnerte, meldeten sich »junge Akademiker, angehende Ärzte, Juristen, Lehrer, Künstler und Kunstgewerbler, Frauenschülerinnen und Kindergärtnerinnen«. Viele der Freiwilligen, die sich fortan »Helfer« nannten, waren durch die Jugendbewegung geprägt, ehemalige Mitglieder oder auch noch aktiv bei Blau-Weiß oder im Herzl-Bund. Lehmann selbst war Zionist, hatte seine erste Reise nach Palästina bereits hinter sich und stand in engem und ihn stark prägendem Kontakt zu Martin Buber.

Gemeinsam machten sich die Helfer daran, ihr Vorhaben umzusetzen: Die erste Wohnung in der Dragonerstraße wurde gemietet, die Inneneinrichtung geschreinert, die Wände gestrichen und Gardinen genäht. Zur Einweihung lud man mit Gustav Landauer einen ganz besonderen Gast ein.
Der sozialistische Politiker schrieb am Tag nach der Eröffnung an seine Tochter Lotte: »Die Wohnung ist ganz entzückend ausgestattet, wohltuend, traulich und ernst zugleich. Es sollen da Studenten, Kaufleute, Arbeiter beiderlei Geschlechts zusammenkommen, zu belehrenden Gesprächen und Vorlesungen; Mütter werden beraten, ein Kinderhort ist da, und zwei Stuben werden als Werkstätten für Tischlerei usw. eingerichtet, was gerade für die Juden, die aus dem Osten kommen und nichts als Hausieren und dergleichen gelernt haben, sehr wertvoll ist.«

Programm Das von Landauer so kurz und prägnant beschriebene Programm wurde in den kommenden Jahren umgesetzt: In der ersten und bald zwei weiteren im Haus gemieteten Wohnungen boten die Helfer Säuglingspflegekurse, ärztliche Sprechstunden sowie Mütter- und Rechtsberatung, aber auch Lehrstellenvermittlung, Lese- und Spielabende sowie Sprachkurse an.

Gemeinsam mit dem »Literarischen Verein Perez« wurden speziell auf ostjüdische Arbeiterinnen und Arbeiter abgestimmte Lieder- und Vortragsabende in jiddischer Sprache organisiert. Es gab auch belehrende Gespräche und Vorlesungen. Für sie konnte Lehmann namhafte Redner gewinnen. Zu ihnen gehörten Fritz Mordechai Kaufmann, der spätere israelische Präsident Salman Schasar, die Schriftsteller Samuel Agnon, Stefan Zweig, Arnold Zweig, und Max Brod sowie der Reformpädagoge Siegfried Bernfeld.

Freizeitaktivitäten Zum Herzstück der Volksheim-Aktivitäten aber wurde die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Erste Kontakte knüpften die Helfer zu Jungen, die sie im Umfeld der Suppenküchen trafen. Auf dem Programm, an dem sich nach wenigen Wochen 60 Jungen beteiligten, standen Spiel, Singen und Turnen. Mädchengruppen bildeten sich erst, nachdem die Jungen ihre Schwestern zu Purim ins Volksheim eingeladen hatten. Ein Kasperletheater, für die meisten Kinder eine bis dahin unbekannte Sache, führte die Esthergeschichte auf und bahnte gleichzeitig den Kontakt zwischen Helferinnen und Mädchen an.

Noch wichtiger als der Aufenthalt im Volksheim aber war für die Kinder zunächst das Freizeitangebot, durch das sie die Grünflächen in der Nähe und das Berliner Umland kennenlernten. Lehmann selbst schrieb in einem ersten Bericht über die Arbeit, dass ein Großteil der Kinder weder passende Kleidung noch angemessenes Schuhwerk besaß, um im Freien unterwegs zu sein. Manche Kinder hatten, bevor sie die Stadt erstmals mit den Helfern verließen, weder eine Windmühle noch einen Sonnenuntergang gesehen.

Zudem waren viele der Kleinen in körperlich schlechter Verfassung. Um sie aus der Stadt aufs Land zu bringen und ihnen so zu helfen, sich zu erholen, organisierten die Volksheim-Mitarbeiter große Freizeiten in Abterode am Hohen Meißner und an der Müritz. Dort erwarb man 1923 ein Haus, die sogenannte Ferienkolonie, in der bis zu 125 Kinder für je vier Wochen aufgenommen wurden. Die Kinder hielten sich viel im Freien auf, sie wanderten, musizierten und lernten Hebräisch.

Auch in Berlin wurde gelernt: Integration durch Bildung würde man heute dazu sagen, was damals praktiziert wurde. Man versuchte, Kinder bereits im Volksheim mit handwerklicher Arbeit vertraut zu machen und ihnen somit den Weg in eine Ausbildung zu ebnen. Die Arbeit mit Holz, Metall, Ton und Flechtmaterial fand in den Räumen des Volksheims statt. Die notwendigen Kenntnisse hatten sich die Mitarbeiter angeeignet, um sie an die Kinder weitergeben zu können.

Mit der Hinführung zum Handwerk verband sich für die Helfer die Hoffnung, die Kinder würden künftig nicht mehr als Hausierer oder Händler arbeiten müssen. Sie würden, so hoffte man zu Beginn der Arbeit, einen besseren Platz in der Gesellschaft finden als das Quartier im Scheunenviertel.

Lehren und Lernen Doch nicht nur die Kinder sollten von den Helfern lernen. Volksheim-Arbeit bedeutete, wechselseitig voneinander zu profitieren. Oder, wie Lehmann es nannte: »Wir geben zu, dass wir den in Deutschland wohnenden Ostjuden nicht Vermittler von jüdischen Werten sein können, die in der Tradition liegen; wir können nur danach streben, in Deutschland ihnen und uns ein Heim zu schaffen. Die ostjüdischen Kinder werden von uns die Freude an der Sonne und an den Blumen, Liebe zur Schönheit und Geradheit lernen, wir von den Ostjuden Reste religiöser Innerlichkeit und die in der jüdischen Vergangenheit entstandenen Werte. Eine jüdische Volkskultur in Deutschland, von einer intellektuellen Oberschicht gepflegt, wird stets ein künstliches Erzeugnis sein, solange wir nicht an der Quelle schöpfen und diese Volkskultur in Gemeinschaft mit ihren wirklichen Trägern erleben.«

Die Hoffnung auf eine Zukunft in Deutschland währte nicht lange. Zunächst war es Lehmann selbst, der die Stadt verließ. Ab 1921 kümmerte er sich in Kowno um die jüdische Waisenfürsorge. Unterstützt wurde er dabei von jungen Menschen, die wenige Jahre zuvor von der Volksheim-Arbeit profitiert hatten und die Lehmanns Visionen teilten. Die Leitung des Hauses in der heutigen Max-Beer-Straße ging 1923 in die Hände des Jung-Jüdischen Wanderbundes über. Statt auf eine Zukunft in Deutschland bereitete man sich ganz im Geiste des sozialistischen Zionismus auf die Alija vor.

1929 beendete der Kindergarten als letzte Einrichtung des 13 Jahre zuvor eröffneten Volksheims seine Arbeit. Zu Unrecht ist die Sozialarbeit in der damaligen Dragonerstraße, fast in Vergessenheit geraten.

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