Stuttgart

Wurmser geht, Pushkin kommt

Sichtlich gerührt nahm Rabbiner Netanel Wurmser beim Kiddusch am vergangenen Wochenende Abschied von seiner Gemeinde. Nach dem Gebet am Schabbat hatte die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) das gemeinsame Festessen veranstaltet, um den langjährigen Rabbiner nach 16 Jahren gebührend zu verabschieden.

IRGW-Vorstandsmitglied Michael Kashi betonte in seiner Abschiedsrede, wie vorbildlich Rabbiner Wurmser die Gemeinde in eine neue Zeit führte. »Durch die Zuwanderung jüdischer Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion hatte sich ihre Mitgliederzahl auf fast 3000 vervierfacht«, sagte Kashi. »Das sorgte aber für große Schwierigkeiten, denn dort, wo diese Menschen herkamen, war der jüdische Glaube zum Teil verboten, sie wussten also, dass sie Juden waren, aber nichts über ihren Glauben.« Die neuen Gemeindemitglieder, verteilt in ganz Württemberg, mussten sich zunächst zurechtfinden.

neuankömmlinge Der aus Basel stammende Rabbiner gab diesen Menschen ein neues, ein jüdisches Zuhause und betreute sie in der schwierigen Anfangszeit. »Wir mussten diese Mitglieder ja irgendwie aufnehmen und ihnen quasi zweifach helfen«, erinnert sich Michael Kashi. »Sie mussten sich in Deutschland integrieren, aber auch in der Gemeinde.« Rabbiner Wurmser habe die Neuankömmlinge das Judentum auf seine ihm eigene, akribische Weise gelehrt.

Der streng orthodoxe Wurmser musste nach Ansicht mancher Mitglieder erst daran arbeiten, dass die Menschen verstehen, was er von ihnen wollte. »Natürlich hatte das auch Konfliktpotenzial, weil sich manche Gemeindemitglieder eine liberalere Ausrichtung gewünscht hätten«, sagte Kashi, »aber in den meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands gibt es verschiedene Ausrichtungen. Man muss irgendwie zusammen leben in einer Einheitsgemeinde.«

In Stuttgart klappe das inzwischen sehr gut, und viele, ist sich Kashi sicher, werden den Rabbiner vermissen. »Er hat bis zum letzten Tag für die Orthodoxie gekämpft und ist seinen Vorstellungen stets treu geblieben«, bemerkte Kashi zum Abschied über Wurmser, der »am liebsten gar nicht gegangen wäre«, wie er selbst sagte.

Es ist ein verdienter Ruhestand für Rabbiner Netanel Wurmser, der in 16 Jahren die großen Veränderungen der jüdischen Gemeinde in Württemberg begleitet hat.

ortsrabbiner In Yehuda Pushkin hat die IRGW einen Nachfolger für den Leitungsposten des Stuttgarter Rabbinats gefunden, der passend zu seiner Gemeinde ebenfalls in Russland zur Welt kam, aber nicht Landesrabbiner wird. Dieser Posten ist nun nicht mehr offiziell besetzt. Denn zur Betreuung der verstreut über das Gemeindegebiet lebenden Mitglieder hatte die IRGW in den vergangenen Jahren neben Stuttgart in Ulm und Esslingen zwei weitere Rabbinate geschaffen. Auch in Stuttgart wird nun das Ortsrabbinerprinzip gelten.

Der 1974 in Petrosawodsk geborene orthodoxe Pushkin kam vor 16 Jahren nach Deutschland, nach der Ordination an der Jeschiwa Hamivtar in Efrat. In Deutschland arbeitete er für jüdische Bildungsträger in Norddeutschland und Frankfurt am Main. Von 2006 an war er bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) als Wanderrabbiner für Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern zuständig.

2011 kam er schließlich nach Stuttgart, wo er bislang als mobiler Gemeinderabbiner für Württemberg arbeitete. Nun folgt der nächste Schritt. Zum 1. September wird das Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) Stuttgarts Rabbinat übernehmen. Bei seinen Aufgaben steht künftig dank einer großen Kindertagesstätte, einer jüdischen Grundschule und eines Jugendzentrums verstärkt die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Fokus. Junge Familien liegen dem 43-Jährigen, selbst Vater dreier Kinder, am Herzen. »Die Familie ist der Dreh- und Angelpunkt im Judentum – auch einer Gemeinde«, sagt er.

respekt Bei der IRGW ist man zufrieden mit der Wahl des neuen Rabbiners. »Wir sind ja eine Einheitsgemeinde, und daher ist es uns als Gemeindeleitung enorm wichtig, dass alle jüdischen Menschen sich bei uns zu Hause fühlen. Das gilt unabhängig davon, wie gesetzestreu, wie intensiv sie ihr Judentum leben oder welcher Ausrichtung sie sich zurechnen«, sagt Barbara Traub vom Vorstand der Gemeinde.

Der respektvolle Umgang miteinander innerhalb der Gemeinde ist auch dem neuen Rabbiner wichtig. »Die Stuttgarter Tradition, dass man nach den getrennten Gottesdiensten gemeinsam zum Kiddusch im Gemeindesaal geht, ist ein gutes Zeichen des gelingenden Miteinanders hier in Stuttgart und Württemberg«, sagte Rabbiner Pushkin.

www.irgw.de

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