Corona

Wunsch nach Normalität

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Während in Israel Schulen wieder geschlossen werden, weil es unter Schülern und Lehrern zu viele Corona-Infektionen gibt, verkünden in Deutschland die Kultusminister einiger Bundesländer, für Kitas und Schulen wieder einen Normalbetrieb anzusteuern.

Der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, bleibt bei dem Ergebnis seiner Studie, dass Kinder vermutlich so ansteckend sein könnten wie Erwachsene, und twitterte über Israels Schulen, dass man in diesen Einrichtungen regelmäßig und viel testen müsse.

ÄRZTEBUND Unterdessen warnte am Wochenende auch der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, dass das Infektionsrisiko durch eine vollständige Öffnung der Schulen und Kitas steige. Seit dem 20. April sind in Deutschland wieder zahlreiche Schulen in Betrieb, auch die jüdischen Schulen, an denen bisher keine Neuinfektionen bekannt geworden sind.

»Die Lehrer des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn in Berlin haben schnell die Konzepte umgesetzt und einen sehr guten Online-Unterricht aufgebaut«, sagt Gesamtelternvertreter Ron Shekel. Auch der Förderverein sprang ein, indem er Tablets zur Verfügung stellte. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin installierte rasch eine bereits erprobte Software. Das Konzept scheint dem Elternvertreter sehr sicher: Die Schüler kommen zu unterschiedlichen Zeiten, haben angepasste Pausen und sind in kleinere Gruppen aufgeteilt.

MASKENPFLICHT Die Mitarbeiter der Sicherheit kontrollieren, ob die Kinder ihre Masken tragen, die sie im Unterricht abnehmen dürfen. »Es ist ganz anders als in Israel, wo 30 Kinder in einem Raum unterrichtet wurden und bei den Masken eine lockere Einstellung herrscht«, sagt Shekel, der selbst aus Israel stammt. Dort würde er seinen Nachwuchs derzeit nicht zur Schule schicken, betont der Elternvertreter.

Er sei sehr dankbar, dass das Jüdische Gymnasium schon länger an einem digitalen Konzept gefeilt hat, was nun den Schülern zugutekommt. Beim virtuellen Unterricht war auch immer der Lehrer online. »Die Kinder waren sehr diszipliniert und haben ihre Hausaufgaben gemacht.« Auch die Elternvertreterversammlungen werden nun im Netz abgehalten.

Auf der jüngsten Schulkonferenz, die vor ein paar Tagen stattfand, hat Hella Kamecke, ebenfalls Gesamtelternvertreterin aus Berlin, angeregt, Konzepte für den Schulbeginn im August zu erarbeiten. »Ich kann mir vorstellen, dass es eine zweite Welle gibt, da wäre es doch jetzt gut, wenn schon jetzt ein Plan entwickelt werden würde.« Ihr Vorschlag für das Gymnasium: In der einen Woche kommt die eine Gruppe der Schüler, in der darauffolgenden die andere in die Schule.

Die Klassen zehn bis zwölf sollten voll beschult werden, sagt Hella Kamecke, Gesamtelternvertreterin in Berlin und Mutter von fünf Kindern.

Die Klassen zehn bis zwölf sollten voll beschult werden, sagt die fünffache Mutter. Für Fächer, in denen Experimente notwendig sind, wie Chemie und Physik, schlägt sie Projektwochen vor. »Ich verstehe den Wunsch nach der alten Normalität, und das angepasste Beschulungskonzept wäre für Familien und Schulkollegium wieder eine große Belastung, aber alles andere empfinde ich als Augenwischerei.«

SCHÜLERZAHLEN Diesen Weg geht bereits das Albert-Einstein-Gymnasium in Düsseldorf. »Wir unterrichten mit halber Schülerzahl, maximal zehn, und umschichtig in den Wochen und vor- oder nachmittags«, erklärt der Düsseldorfer Schulleiter Michael Anger. Das heißt, die Klassen sind immer eine Woche lang getrennt. Selbst wenn in einer Klasse ein Corona-Fall auftreten sollte, sagt Anger, müsse nur die eine Klasse aus dem Betrieb herausgenommen werden.

Die Situation in Israel lasse sich mit der deutschen Schulwirklichkeit nicht vergleichen, erklärt der Schulleiter. Seine Prognose für den Sommer fällt skeptisch aus. »Ich glaube, dass es wieder zu höheren Infektionszahlen kommen wird.« Man müsse nur sehen, welche Massen an Menschen an sonnigen Wochenenden in den Rheinauen picknicken, sich sonnen oder spielen. »Die Leute halten sich nicht mehr an Abstandsregeln oder Maskenpflicht.«

Viele rechnen mit wieder höheren Infektionszahlen im Sommer.

Die Schüler seiner Schule müssen in allen geschlossenen Räumen Masken tragen, bis sie sich an ihrem Sitzplatz befinden, der ihnen fest zugewiesen ist, dort können sie die Masken wieder abnehmen. Wenn die Kinder zur hinteren Tischreihe gehen, wo in Zellophan eingepackte Snacks zum Frühstück für sie bereitliegen, müssen sie die Masken wieder aufsetzen, ebenso in den Toilettenräumen. »Die Schulzimmer sollen gut belüftet werden, wie soll das gehen?«, fragt der Schulleiter, wenn die Fenster aus Sicherheitsgründen gar nicht wirklich zu öffnen sind.

Eine Sorge weniger gilt der Lehrerschaft. »Wir sind als Schule noch im Aufbau begriffen und haben einen jungen Lehrkörper«, sagt Anger. Im Albert-Einstein-Gymnasium gehören zumindest die Pädagogen kaum zur Risikogruppe der über 60-Jährigen.

INFEKTIONEN Die Ansteckungsgefahr sei in den Schulen möglicherweise geringer als auf dem Weg zur Schule und wieder zurück, vermutet die Leiterin der Lichtigfeld-Schule in Frankfurt, Noga Hartmann. »Wir haben wirklich robuste Maßnahmen, die wir auch mit aller Konsequenz durchführen«, sagt sie. »Unsere Eltern ziehen bei all unseren Maßnahmen mit und unterstützen uns, wo sie nur können«, weiß sie. Darüber sei sie sehr froh und dankbar.

Doch auf der Straße lauern die Gefahren in Gestalt der Mitmenschen, die Maßnahmen nicht mehr für so wichtig erachten oder von der Gefahr durch Infektion gar nichts wissen wollen. Sie sensibilisiere die Eltern, ihre Kinder auf die Gefahren hinzuweisen. Aber es sind Kinder, die froh sind, sich wieder frei bewegen zu können.

Alle hoffen, dass die Schulen und andere Institutionen wieder zu einem Regelbetrieb übergehen können.

Abstand wahren und Maskentragen sei ein gesellschaftliches Problem, sagt Hartmann. In der Schule werde alles unternommen: getrennte Ein- und Ausgänge, zugewiesene Toilettenräume, zeitlich versetzte Pausen, abwechselnder Präsenzunterricht und Homeschooling. »Die Eltern haben Vertrauen in unser Hygienekonzept«, betont die Schulleiterin.

HYGIENEPLAN Das bestätigt Gesamtelternbeirätin Nastya Quensel. Ihr Sohn besucht die achte, ihre Tochter die fünfte Klasse der Lichtigfeld-Schule. »Die Schule hat einen sehr guten Hygieneplan ausgearbeitet«, sagt Nastya Quensel. Morgens kann sie beobachten, wie die Kinder den entsprechenden Eingang benutzen und sich an die Regeln halten. Doch auch Quensel sieht das Problem in der Zeit danach. »Am Nachmittag geben sich die Schüler auch die Hände. In Korbach in Hessen musste eine Grundschule schon wieder schließen.«

Im Großen und Ganzen sei sie derzeit zufrieden, wie der Unterricht während der Corona-Krise gestaltet wird. »Doch ich habe meine Sorgen, was den Herbst angeht«, sagt Quensel. Alle hoffen, dass die Schulen und andere Institutionen wieder zu einem Regelbetrieb übergehen können.

Studien Dass nun Studien über das Infektionsgeschehen in Schulen gemacht werden sollen – in Berlin werden auf freiwilliger Basis Mitarbeiter und Schüler in 24 Schulen, Kitas und Pflegeeinrichtungen regelmäßig auf das Coronavirus untersucht –, hält Gesamtelternvertreterin Hella Kamecke für wichtig.

VERANTWORTUNG Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht letztlich die Verantwortung für entsprechende Schutzmaßnahmen ganz individuell bei den Schulen. In einem Interview im Auftrag der GEW sagt der Arbeitsrechtler Wolfhard Kohte auf die Frage, wer sich um die Gefährdungsbeurteilung an Schulen kümmern müsse: »Es gilt, vor Ort zu schauen: Wie organisieren wir das Einhalten der Abstandsregeln, wie die Desinfektion? Auch ist immer wieder neu zu prüfen: Wie viele Schülerinnen und Schüler oder Klassen vertragen unser Gebäude und unsere derzeitige Personallage? Die Entwicklung ist dynamisch und muss regelmäßig angepasst werden.«

In Israel jedenfalls, hat Hella Kamecke von Verwandten gehört, sei der Lockdown eine Zeitlang sehr streng gewesen, »dann wurde sich aber nicht mehr an die Regeln gehalten«.

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