Frankfurt/ Main

Wunderkerzen am Mainufer

»As der Rebbe tanzt«: Andrew Steiman amüsiert sich mit Gästen. Foto: Alexandra Neroslavsky

Er hat sich sogar zu einem Tanz quer durch die Stuhlreihen überreden lassen, obwohl das erkennbar nicht zu seinem Naturell passt. Als Rabbiner Andrew Steiman anschließend Wunderkerzen verteilt, wird Fritz Backhaus dann aber doch etwas unruhig.

Die hell lodernde Kerze zur Hawdala‐Zeremonie, die die junge Russin Alexandra zur Feier des Schabbatendes tapfer in die Höhe gereckt hielt, hatte der stellvertretende Museumsdirektor noch mutig mit einem Blick zum Brandmelder an der Decke ignoriert.

Doch die Aussicht, dass ein ausgelassenes Publikum fröhlich Funken sprühendes Feuerwerk in der Luft schwenken könnte, lässt den 56‐Jährigen handeln. In Sorge, dass womöglich die Feuerwehr anrückt, fragt er den Rabbiner, ob nicht vielleicht eine angezündete Wunderkerze reichen würde. Steiman lacht: »Ja, eine reicht.«

Die Stimmung am Jubiläumsabend ist auch ohne Lichtermeer gut – dank der humorvollen Zeremonie des Rabbiners, der mitreißenden Musik des Klezmer‐Ensembles und dem eigentlichen Anlass der Feier: dem 25‐jährigen Bestehen des Jüdischen Museums Frankfurt. Ein Wochen‐ ende lang lud das Haus zu Führungen, Konzerten, einer Lesung mit dem populären Frankfurter Schauspieler Michael Quast und einer DJ‐Nacht ein.

Gäste In der Cafeteria müssen am Samstagabend zusätzliche Stühle aufgestellt werden, weil die vorhandenen nicht ausreichen. Dicht gedrängt lauschen die Gäste den Klarinetten‐Klängen des Roman Kupferschmidt Trios. »Diese Musik ist wunderbar«, sagt eine ältere Dame mit einem grauen Pagenschnitt, die sich einen Platz am Fenster gesucht hat.

Sie ist mit ihrer jüngeren Schwester gekommen, die in der Nähe von Frankfurt wohnt. Als Kind sei sie mit ihrer Familie aus Ostpreußen geflohen, erzählt sie. Die meiste Zeit ihres Lebens habe sie seither in Skandinavien verbracht. Die fast 80‐Jährige ist zum ersten Mal im Jüdischen Museum. »Es hat mich interessiert, deshalb bin ich heute Abend gekommen«, sagt sie.

Der Zuspruch für das Museum war in den vergangenen 25 Jahren enorm. Mehr als eine Million Besucher haben das Haus und die seither 150 konzipierten Wechselausstellungen gesehen, zwischen 50.000 bis 70.000 Gäste kommen pro Jahr. »Die Frankfurter, aber auch internationale Besucher, haben ein großes Interesse an der jüdischen Geschichte der Stadt«, sagt Museumssprecherin Daniela Unger.

Nahezu täglich, berichtet sie, erreichen die Mitarbeiter auch Nachforschungsanfragen aus dem In‐ und Ausland. Das Haus beherbergt eine Datenbank mit Personenstandsregister und hilft bei der Spurensuche nach Angehörigen, die von den Nationalsozialisten deportiert wurden oder rechtzeitig emigrieren konnten.

Zeugenschaft »Wenn keine Stimme sich für uns erhebt, so mögen die Steine dieser Stadt für uns zeugen« – diesen Aufruf hatte der Vorstand der Jüdischen Gemeinde im März 1933, als ersichtlich wurde, dass vom überwiegenden Teil der Frankfurter keine Hilfe für sie kommen würde, an seine Mitglieder gerichtet. 50 Jahre später waren es tatsächlich die Steine, die Zeugnis ablegten.

Die klassizistischen Bürgervillen der Rothschilds am Flussufer der Stadt wurden zum ersten nach dem Holocaust in Deutschland eingerichteten Jüdischen Museum. Eröffnet wurde es ein halbes Jahrhundert nach der Pogromnacht am 9. November 1988 vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl.

Zu einer Zeit, als in Frankfurt am Börneplatz gerade in einem Bauloch die Fundamente des Ghettos freigelegt worden waren und in der Stadt heftig darüber gestritten wurde, wie mit dem Fund umzugehen sei. Heute steht an dieser Stelle die Museums‐Dependance Judengasse.

Dennoch reicht der Platz für Sammlungen und Ausstellungen kaum mehr aus. Und so ist das Museum heute nicht mehr nur »zu einem selbstverständlichen Teil des intellektuellen Lebens Frankfurts und seiner Museumslandschaft geworden«, sagt sein stellvertretender Direktor Backhaus, »sondern wir stecken nach 25 Jahren auch mitten in einer Aufbruchstimmung«. Magistrat und Stadtparlament haben der Erweiterung zugestimmt, ein Anbau soll kommen und ab 2015 auch das bestehende Museum saniert werden.

Ein Beschluss, der Backhaus’ Stimmung am Jubiläumsabend zusätzlich hebt. Er ist seit 1991, also fast seit den Anfängen, dabei und hat schon das Konzept für das Museum Judengasse erarbeitet. Jetzt erneut an Neubau und Neuausrichtung beteiligt zu sein, bezeichnet er als »zweite Chance«, auf die er sich freut. »Wir können unser komplettes Wissen in einer Gesamtausstellung bündeln.«

Themenauswahl Dabei haben die Museumsmacher zuletzt ihr Geschick bei der Themenwahl der gerade erst eröffneten Ausstellung »1938. Kunst, Künstler, Politik« bewiesen. »Als wir vor eineinhalb Jahren die Raubkunst‐Schau konzipierten, konnten wir nicht ahnen, dass sie so aktuell sein würde«, erzählt Backhaus.

Der spektakuläre Bilderfund in München wird die Besucherzahlen des Museums und der Ausstellung sicher beflügeln. Schon am Jubiläumsabend sind viele gekommen, weil sie auch einen Blick auf die Schau werfen wollen.

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