Potsdam

Wo Rabbiner lernen

Als einen der »großen Rabbiner und Akteure der Nachkriegszeit« bezeichnete Zentralratspräsident Josef Schuster die Persönlichkeit, der am Donnerstag vergangener Woche ein Erinnerungsabend gewidmet war: Nathan Peter Levinson sel. A. Die nach dem Rabbiner benannte Stiftung hatte dazu ins Audimax der Potsdamer Universität geladen. Die Stiftung ist Trägerin sowohl einer liberalen als auch einer konservativen Ausbildung jüdischer Geistlicher. Stifter ist der Zentralrat der Juden in Deutschland.

In seinem Grußwort erzählte Schuster, dass Levinson (1921–2016) nicht nur ein Vertrauter seines Vaters, eine geistliche Stütze und ein Freund der Familie war. »Als Liberaler war er der Hausrabbiner unseres eher traditionellen Haushalts.« Auch ihm persönlich sei Levinson ein wichtiger intellektueller Ratgeber gewesen.

Levinson sei es nicht um Dogma, sondern um Erkenntnis und das Miteinander gegangen. Er habe für die Verbindung von freiem Denken und Zusammenhalt gestanden. Die Einheit des Judentums sei dabei nicht selbstverständlich, sie müsse in jeder Generation immer wieder neu ausgehandelt werden. »Die Einheit des Judentums, das war ihm bewusst, konnte nur ein Ort sein, der mehrere Perspektiven zulässt«, so Schuster.
Auch Dmitrij Belkin, Vorstand der Stiftung, sprach vom Verbindenden im Leben von Rabbiner Levinson. Dies sei auch für die Gegenwart und Zukunft der Stiftung von Bedeutung. »Wir wollen tatsächlich etwas aufbauen, was als eine Einheit funktionieren wird.«

Einheit des Judentums

Belkin erläuterte, dass drei Ausbildungsinstitute unter dem Dach der Stiftung versammelt sind: das Regina-Jonas-Seminar für die liberale Rabbinerausbildung, das Louis-Lewandowski-Seminar für die Kantorenausbildung und das Abraham-J.-He­schel-Seminar für die konservative Rabbinerausbildung.

An diesem Seminar lehrt Rabbiner Netanel Olhoeft, der gemeinsam mit Rabbinerin Ulrike Offenberg ein von ihm eigens für diesen Erinnerungsabend verfasstes Gebet sprach. Darin wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass der Ewige auch die heutige Generation der Juden Deutschlands mit Weisheit und Segen bedenken möge: »Mögen wir das Verdienst vor Dir erlangen, Tora und Wissenschaften, Ethik und Wohltätigkeit sowie fruchtbare Verbindungen zwischen unseren heiligen Traditionen und modernen Erkenntnissen zu nähren.«

Rabbiner Yehoyada Amir, der rabbinische Leiter des Regina-Jonas-Seminars, sprach von der Aufgabe, das Werk Levinsons weiterzutragen und die Vision zu rea­lisieren.

Universitätspräsident Oliver Günther verwies darauf, dass in Potsdam bereits seit mehreren Jahren jüdische Theologie gelehrt wird und es in letzter Zeit »allerhand Turbulenzen« gegeben habe. Er freue sich nun sehr, dass es gelungen sei, zusammen mit dem Zentralrat »eine sehr stabile, dauerhaft auf viele Schultern beruhende Lösung« zu finden. »Wir als Universität sehen uns als Dienstleister, um jüdisches Leben in Deutschland zu bereichern«, so Günther.

1921 wurde Nathan Peter Levinson in Berlin geboren

Einen ausführlichen Überblick über das Leben und Wirken von Rabbiner Levinson gab der Historiker und Gründungsdirektor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Hermann Simon. 1921 wurde Nathan Peter Levinson, damals hieß die Familie noch Lewinski, in Berlin geboren. Gleich nach dem Abitur nahm er 1940 das Studium an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums auf.

1941 gelang ihm und seiner Familie die Flucht in die USA. Dort absolvierte er seine Rabbinerausbildung am Hebrew Union College in Cincinnati.
Nach der Schoa kehrte er 1950 nach Berlin zurück, war später maßgeblich an der Gründung der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg beteiligt und wurde zu einer wichtigen Stimme der jüdischen Gemeinschaft der Bundesrepublik. Ab Mitte der 80er-Jahre lebte er auf Mallorca und in Jerusalem. 2016 starb er in Berlin.

Levinson sei bereits als kleiner Junge auf einen Stuhl gestiegen, um zu predigen.

Schicksal Simon hob hervor, dass Levinson in seinem wechselvollen Schicksal die Tradition des liberalen deutschen Judentums gewahrt und sie auf verschiedenen Kontinenten bewahrt habe: »Toleranz und Engagement für die Werte des Judentums waren ihm in Anknüpfung an Moses Mendelssohn dabei immer oberstes Gebot.«

Sharon Levinson war eigens für diesen Abend aus Mallorca angereist. Sie sagte, dass dies für sie »ein bewegender Anlass« sei, und dass sie persönlich als Tochter sprechen wolle. So erzählte sie beispielsweise, dass ihr Vater schon als kleiner Junge auf einen Stuhl gestiegen sei, um zu predigen. Er habe bereits als Kind seine Berufung gefunden. »Er wollte zu den Menschen sprechen und gehört werden«, meinte Sharon Levinson.

Redner und Rhetoriker

Ihr Vater sei als Rabbiner ein den Menschen und seinen Gemeinden zugewandter Redner und Rhetoriker gewesen. Er sei in der Lage gewesen, ihnen Halt und Zuversicht zu geben. Darüber hinaus habe er dafür sorgen wollen, dass es in Deutschland wieder ausreichend Lehrer und Rabbiner gibt, um jüdisches Leben für die Zukunft zu sichern. Mit der nach ihm benannten Stiftung gehe nun sein Lebens­traum in Erfüllung, betonte die Tochter: »Ich würde mir wünschen, dass die künftigen Studenten und Absolventen dieses Seminars ebenso um das Fortleben der jüdischen Tradition bemüht sein werden wie mein seliger Vater.«

Zentralratspräsident Josef Schuster war sich dann sicher, dass ein solcher Abend dem Rabbiner, der den Diskurs, das Gespräch und das Lernen liebte, gefallen hätte. Gleiches gelte für die Arbeit der Stiftung, die seinen Namen trägt. Er freue sich, so Schuster, dass der Zentralrat das Erbe Levinsons wieder in den Mittelpunkt der jüdischen und gesellschaftlichen Debatten rücke. »Nathan Peter Levinson steht für all das Gute und Ehrliche, das ich mit dem liberalen Judentum verbinde.« Die Verantwortlichen der Stiftung forderte Schuster auf: »Geben Sie auf dieses Erbe hier in Potsdam bitte acht – wir helfen dabei, wo und wie wir können.«

Bildung

Mathe, Kunst, Hebräisch

Diese Woche ist die Jüdische Grundschule in Dortmund feierlich eröffnet worden. Warum entscheiden sich Eltern, ihr Kind auf eine konfessionell geprägte Schule zu schicken – und warum nicht?

von Christine Schmitt, Katrin Richter  31.08.2025

Essay

Wie eine unsichtbare Wand

Immer sind Juden irgendetwas: Heilige oder Dämonen, Engel oder Teufel. Dabei sind wir ganz normale Menschen. Warum nur gibt es immer noch Erstaunen und teils Zurückweisung, wenn man sagt: Ich bin jüdisch?

von Barbara Bišický-Ehrlich  31.08.2025

Porträt der Woche

Sprachen, Bilder, Welten

Alexander Smoljanski ist Filmemacher, Übersetzer und überzeugter Europäer

von Matthias Messmer  31.08.2025

Vor 80 Jahren

Neuanfang nach der Schoa: Erster Gottesdienst in Frankfurts Westendsynagoge

1945 feierten Überlebende und US-Soldaten den ersten Gottesdienst in der Westendsynagoge nach der Schoa

von Leticia Witte  29.08.2025

Würdigung

Tapfer, klar, integer: Maram Stern wird 70

Er ist Diplomat, Menschenfreund, Opernliebhaber und der geschäftsführende Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses. Zum Geburtstag eines Unermüdlichen

von Evelyn Finger  29.08.2025

Interview

»Physisch geht es mir gut, psychisch ist ewas anderes«

Sacha Stawski über den Angriff auf ihn und seine Kritik an Frankfurts Oberbürgermeister

von Helmut Kuhn  28.08.2025

München

»In unserer Verantwortung«

Als Rachel Salamander den Verfall der Synagoge Reichenbachstraße sah, musste sie etwas unternehmen. Sie gründete einen Verein, das Haus wurde saniert, am 15. September ist nun die Eröffnung. Ein Gespräch über einen Lebenstraum, Farbenspiele und Denkmalschutz

von Katrin Richter  28.08.2025

Zentralrat

Schuster sieht Strukturwandel bei jüdischen Gemeinden

Aktuell sei der Zentralrat auch gefordert, über religiöse Fragen hinaus den jüdischen Gemeinden bei der Organisation ihrer Sicherheit zu helfen

 27.08.2025

Gedenken

30 neue Stolpersteine für Magdeburg

Insgesamt gebe es in der Stadt bislang mehr als 830 Stolpersteine

 26.08.2025