Frau Nayeri, Sie haben auf dem Jüdischen Jugendkongress von dem Angriff auf das iranische Regime erfahren. Was waren Ihre ersten Gedanken?
Ich bin am Samstagmorgen mit sehr gemischten Gefühlen wach geworden, weil für mich völlig unklar war, was das nun bedeutet. Ich bin gemeinsam mit einer kurdischen Freundin angereist, die auch bei Ayande aktiv ist, und wir haben uns erst einmal ausgetauscht. Es war und ist eine sehr angespannte Situation, auch weil es im Iran wieder einen Blackout gab und wir unsere Familienmitglieder nicht erreichen konnten. Im Iran gibt es keine Bunker, in denen sich die Menschen in Sicherheit bringen können. Unsere Mitglieder empfinden in erster Linie Angst um sie. Aber der Jugendkongress war tatsächlich ein guter Ort, um diese Nachrichten zu erhalten und all diese Gefühle zu durchleben. Wir wurden hier aufgefangen. Viele junge Jüdinnen und Juden können sich mit unserer Lage identifizieren.
Später kam die Nachricht, dass der »Oberste Führer« Chamenei getötet wurde …
Wir hatten tatsächlich unsere Handys auf dem Zimmer gelassen, um den Schabbat zu respektieren, und haben erst nachts davon erfahren. Das ist für uns schon eine überwältigende Nachricht, und die Erleichterung über den Tod eines so schrecklichen Diktators ist natürlich groß. Unsere Freude wurde hier von vielen geteilt. Gleichzeitig ist der Krieg nicht vorbei, wir sind unsicher, wie sich die Lage in Iran entwickeln wird, und auch in Israel sterben nun Menschen durch iranische Raketen. Wir hoffen, dass sich alles zum Guten wendet und möglichst wenige Zivilisten ihr Leben lassen müssen. Wir wollen, dass Menschen auf beiden Seiten frei sind und eines Tages zusammen feiern können, so wie wir es am Samstagabend hier auf dem Jugendkongress getan haben.
Wie kam es eigentlich dazu, dass Vertreterinnen eines iranischen Jugendverbandes zu diesem Kongress angereist sind?
Kiril Denisov, der Vizepräsident des Jüdischen Studierendenverbands, hat uns eingeladen. Wir haben im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Studierendenverband der Sinti und Roma das Netzwerk Interkulturelles Brückenbauen gegründet, um nachhaltige Räume für gegenseitiges Empowerment zu schaffen. Kiril hatte den Wunsch, dass wir uns auch hier austauschen können. Wir haben im Rahmen eines Workshops über Gemeinsamkeiten gesprochen, aber auch über Dinge, die wir unterschiedlich erleben, die uns jedoch ebenfalls zusammenbringen können.
Was verbindet die exiliranische und die jüdische Community in Deutschland?
Gemeinsam ist uns auf jeden Fall, dass im deutschen Diskurs sehr viel über uns gesprochen wird, aber häufig nicht mit uns. Auch werden unsere Communitys von anderen als Vehikel benutzt, um jeweilige politische Ideologien voranzubringen. Es wird sich wenig Mühe gegeben, unsere tatsächlichen Anliegen kennenzulernen. Es passieren viele Projektionen. Wir beide wollen aber Repräsentation. Da können wir gut zusammenarbeiten.
Wie gut funktioniert diese Zusammenarbeit bereits?
Was wir sehr gut geschafft haben, ist eine stabile Solidarität für unsere Veranstaltungen und Feiertage, bei denen wir jeweils bei den anderen präsent sind. Was wir noch ausbauen müssen, ist unsere Präsenz im Osten Deutschlands. Das haben wir auf dem Jugendkongress festgestellt – wie wenig wir dort vertreten sind. Angesichts vielfältiger Herausforderungen dort sollten wir uns unbedingt gemeinsam stärker engagieren. Innerhalb unserer Gemeinschaften sollten wir den Blick auf mehrfach Marginalisierte weiten, also zum Beispiel auf Kurdinnen. Wir sind vielfältig und haben alle auch unterschiedliche Meinungen. Es ist sehr wichtig, uns gegenseitig besser zu verstehen und kennenzulernen.
Ronja Nayeri ist Sprecherin von Ayande, einem Verband für junge Menschen mit Iranbezug im deutschsprachigen Raum. Mit ihr sprach Mascha Malburg.