Jugendkongress 2026

»Wir wurden hier aufgefangen«

Ronja Nayeri sprach auch bei der Vollversammlung der Jüdischen Studierendenunion am Sonntag. Foto: Gregor Matthias Zielke

Frau Nayeri, Sie haben auf dem Jüdischen Jugendkongress von dem Angriff auf das iranische Regime erfahren. Was waren Ihre ersten Gedanken?
Ich bin am Samstagmorgen mit sehr gemischten Gefühlen wach geworden, weil für mich völlig unklar war, was das nun bedeutet. Ich bin gemeinsam mit einer kurdischen Freundin angereist, die auch bei Ayande aktiv ist, und wir haben uns erst einmal ausgetauscht. Es war und ist eine sehr angespannte Situation, auch weil es im Iran wieder einen Blackout gab und wir unsere Familienmitglieder nicht erreichen konnten. Im Iran gibt es keine Bunker, in denen sich die Menschen in Sicherheit bringen können. Unsere Mitglieder empfinden in erster Linie Angst um sie. Aber der Jugendkongress war tatsächlich ein guter Ort, um diese Nachrichten zu erhalten und all diese Gefühle zu durchleben. Wir wurden hier aufgefangen. Viele junge Jüdinnen und Juden können sich mit unserer Lage identifizieren.

Später kam die Nachricht, dass der »Oberste Führer« Chamenei getötet wurde …
Wir hatten tatsächlich unsere Handys auf dem Zimmer gelassen, um den Schabbat zu respektieren, und haben erst nachts davon erfahren. Das ist für uns schon eine überwältigende Nachricht, und die Erleichterung über den Tod eines so schrecklichen Diktators ist natürlich groß. Unsere Freude wurde hier von vielen geteilt. Gleichzeitig ist der Krieg nicht vorbei, wir sind unsicher, wie sich die Lage in Iran entwickeln wird, und auch in Israel sterben nun Menschen durch iranische Raketen. Wir hoffen, dass sich alles zum Guten wendet und möglichst wenige Zivilisten ihr Leben lassen müssen. Wir wollen, dass Menschen auf beiden Seiten frei sind und eines Tages zusammen feiern können, so wie wir es am Samstagabend hier auf dem Jugendkongress getan haben.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Vertreterinnen eines iranischen Jugendverbandes zu diesem Kongress angereist sind?
Kiril Denisov, der Vizepräsident des Jüdischen Studierendenverbands, hat uns eingeladen. Wir haben im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Studierendenverband der Sinti und Roma das Netzwerk Interkulturelles Brückenbauen gegründet, um nachhaltige Räume für gegenseitiges Empowerment zu schaffen. Kiril hatte den Wunsch, dass wir uns auch hier austauschen können. Wir haben im Rahmen eines Workshops über Gemeinsamkeiten gesprochen, aber auch über Dinge, die wir unterschiedlich erleben, die uns jedoch ebenfalls zusammenbringen können.

Was verbindet die exiliranische und die jüdische Community in Deutschland?
Gemeinsam ist uns auf jeden Fall, dass im deutschen Diskurs sehr viel über uns gesprochen wird, aber häufig nicht mit uns. Auch werden unsere Communitys von anderen als Vehikel benutzt, um jeweilige politische Ideologien voranzubringen. Es wird sich wenig Mühe gegeben, unsere tatsächlichen Anliegen kennenzulernen. Es passieren viele Projektionen. Wir beide wollen aber Repräsentation. Da können wir gut zusammenarbeiten.

Wie gut funktioniert diese Zusammenarbeit bereits?
Was wir sehr gut geschafft haben, ist eine stabile Solidarität für unsere Veranstaltungen und Feiertage, bei denen wir jeweils bei den anderen präsent sind. Was wir noch ausbauen müssen, ist unsere Präsenz im Osten Deutschlands. Das haben wir auf dem Jugendkongress festgestellt – wie wenig wir dort vertreten sind. Angesichts vielfältiger Herausforderungen dort sollten wir uns unbedingt gemeinsam stärker engagieren. Innerhalb unserer Gemeinschaften sollten wir den Blick auf mehrfach Marginalisierte weiten, also zum Beispiel auf Kurdinnen. Wir sind vielfältig und haben alle auch unterschiedliche Meinungen. Es ist sehr wichtig, uns gegenseitig besser zu verstehen und kennenzulernen.

Ronja Nayeri ist Sprecherin von Ayande, einem Verband für junge Menschen mit Iranbezug im deutschsprachigen Raum. Mit ihr sprach Mascha Malburg.

Porträt der Woche

»Es ist schön, jüdisch zu sein«

Julia Markhovski wuchs zweisprachig auf und fand ihre Identität

von Eugen El  01.03.2026

Interview

»Der Kopf der Schlange wurde abgeschlagen«

Der gebürtige Iraner Armin Levy über den Tod Chameneis, Kritik aus Deutschland an dem Angriff der USA und Israel und einen persönlichen Wunsch

von Katrin Richter  01.03.2026

Deutschland

Höhere Sicherheitsmaßnahmen nach Angriff auf Iran

Hessen verstärkt die Sicherheitsvorkehrungen. Laut Innenministerium betrifft dies besonders jüdische, israelische und amerikanische Einrichtungen

 28.02.2026

Sachsen-Anhalt

Landespolizei verstärkt Schutz jüdischer Einrichtungen

Nach den Militärschlägen im Nahen Osten rückt die Polizei den Schutz jüdischer Einrichtungen in den Fokus. Das Innenministerium spricht von höchster Priorität

 28.02.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Standpunkt

Braucht es ein Verbot?

Warum gerade Juden einen Social-Media-Stopp für Jugendliche unter 16 Jahren unterstützen sollten

von Daniel Neumann  27.02.2026

Hamburg

»Seid stolz darauf, jüdisch zu sein!«

Der Jugendkongress unter dem Motto »Strong. Jewish. Here.« ist eröffnet

 26.02.2026

Berlin

Gedenktafel für NS-Gegner Otto Weidt geplant

In Berlin soll der Unternehmer Otto Weidt eine Gedenktafel bekommen: In der NS-Zeit bewahrte er blinde und gehörlose Jüdinnen und Juden vor der Deportation

 26.02.2026

Zeugnis

Gitarre mit Geschichte

Ein 1943 von Hanuš Smetana in Theresienstadt gebautes Musikinstrument erzählt vom Alltag im Ghetto und erinnert an seinen Erbauer, der die Schoa nicht überlebte

von Katrin Diehl  26.02.2026