Zionistische Organisation

»Wir wollen aufklären«

»Junge Menschen reagieren durchaus positiv auf unsere Informationen«: Lilly Jockels Foto: Alexandra Roth

Zionistische Organisation

»Wir wollen aufklären«

Lilly Jockels über die Lobbyarbeit für Israel, Lehrerausbildung und Nachwuchssorgen

von Heide Sobotka  13.06.2017 12:08 Uhr

Frau Jockels, Sie haben kürzlich mit einem großen Festakt die Wiedervereinigung Jerusalems gefeiert, 50 Jahre Sechstagekrieg begehen wir ganz aktuell in diesen Tagen. Sie widmen sich ehrenamtlich Israel. Welche Motivation steckt dahinter?
Der Staat Israel liegt mir einfach am Herzen, und es tut mir weh, wie er vor allem in der jüngsten Zeit immer wieder zu Unrecht kritisiert und sogar diffamiert wird. Das hat mit den Tatsachen nichts mehr zu tun.

Wie verbindet sich Ihre eigene Biografie mit Israel?
Ich bin zwar in Lissabon geboren, aber schon im Alter von sieben Jahren mit meiner Familie nach Israel eingewandert. Dort habe ich die Schule besucht und in der Armee gedient. Man kann schon sagen, dass mich die Jahre sehr geprägt haben. Ich habe dann nach Deutschland geheiratet. Aber meine Beziehung zu Israel bleibt bestehen. Meine Schwester, Cousinen, Vettern und eine Tochter leben in Israel.

Der Staat Israel besteht seit 69 Jahren. Ist damit nicht der Zweck der zionistischen Organisation erfüllt?
Der Zionismus hat ja eine lange Tradition und begann in Deutschland, mit der deutschen Sprache, mit dem deutschsprachigen Theodor Herzl. Er wurde hierzulande schon 1870 erwähnt. Und die erste Organisation von 1882 nannte sich »Zionistische Vereinigung für Deutschland«. Während der Schoa mussten die Zionisten in den Untergrund gehen und organisierten von dort aus die Alija nach Israel. Schließlich kam die durch die Schoa erzwungene Pause. Diese Geschichte berührt uns sehr, und wir betrachten uns als Nachfolger, Nachkommen der deutschen Zionisten, die hier gelitten haben und umgekommen sind.

Worin sehen Sie heute Ihre Aufgabe?
Unsere Betonung liegt auf Aufklärungsarbeit. Wir informieren die jüdische, aber vor allem die nichtjüdische Bevölkerung. Das tun wir bei unseren Veranstaltungen zum Jom Jeruschalajim und beim Israeltag wie auch bei allen anderen Israelkundgebungen. Und wir bieten unsere Hilfe und Unterstützung bei Aktionen gegen Antizionismus und Fremdenfeindlichkeit an.

Wie sieht diese Unterstützung konkret aus?

Wenn in Düsseldorf zum Beispiel Demonstrationen stattfinden, sprechen wir ganz konkret mit den Menschen auf der Straße, sind mitten in der Stadt. Wir diskutieren mit Jugendlichen, dabei geht es vor allem um nachprüfbare Fakten, die wir über Israel liefern. So wollen wir Vorurteilen entgegenwirken.

Wie reagieren die Jugendlichen darauf? Sind sie dann auch einsichtig?

Manche jungen Menschen zeigen sich einsichtig, manche nicht. Einige sind ein bisschen hart mit ihren Antworten. Die jungen Leute reagieren aber durchaus positiv, wenn ich ihnen sage, wie wir uns bei diesen dauernden Anfeindungen als Juden fühlen, dass unser Bestreben einzig und allein Frieden ist und sonst gar nichts. Wir wollen nur friedlich zusammenleben. Ich bin keine Akademikerin, ich spreche sehr aus dem Herzen heraus, ohne aufgeregt zu sein, ganz nüchtern und freundlich, und sie hören zu.

Haben Sie erlebt, dass sich Menschen durch das Gespräch mit Ihnen verändert und gesagt haben: »So habe ich das noch gar nicht gesehen und gewusst?«

Ich verlasse mich immer stark auf Fakten, die ich den Zuhörern oder Fragenden präsentiere, und versuche, unsere Position verständlich zu machen, in der Mehrzahl nehmen sie das auf und hören mit Interesse zu. Wenn sie sagen: So habe ich das nicht gesehen, dann sage ich, bitte schön, es ist aber so.

Ist das eine mühsame Arbeit?
Ja, Menschen vom Gegenteil ihrer Vorurteile zu überzeugen, ist sehr schwierig, aber ich habe keine Hemmungen, mich auf Diskussionen darüber einzulassen. Ich stelle selbst fest, dass eine Rede, die ich vor einem Jahr zum Jom Jeruschalajim gehalten habe, heute immer noch allgemeingültig ist. Das gibt mir zu denken. Wir müssen immer wieder dasselbe erklären, wie beispielsweise der Staat Israel entstand, und uns des Vorwurfs erwehren, wir hätten etwas weggenommen. Dabei stelle ich fest, dass selbst Lehrer die Fakten nicht genügend kennen.

Müsste hierbei die Zionistische Organisation in Deutschland (ZOD) auch eine Art Lehrerfortbildung leisten?
Ja, ich meine, dass es vielleicht schon bei der Lehrerausbildung beginnen müsste. Aber ich nehme an, dass die Gemeinden vielleicht eine solche Nachhilfearbeit leisten wollen. Wir als ZOD klären ja schon bei unseren Veranstaltungen auf. Wir arbeiten daran, dass der Staat Israel positiv dargestellt wird. Schlechtes über Israel hört man leider viel zu viel. Wir haben den Staat aufgrund von Beschlüssen des Völkerbundes und der UNO gegründet, der UNO, die sich heute so anti-israelisch hervortut. Das ist eine sehr traurige Entwicklung. Das bereitet mir große Sorgen.

Wie können Sie dem noch besser begegnen?
Indem auch die verschiedenen zionistischen Organisationen, die es in Deutschland gibt, noch besser zusammenarbeiten. Das ist mein Ziel und auch mein Appell – die Solidarität untereinander, damit wir wirklich nach vorne kommen. Hierfür müssen wir unsere Mitglieder und vor allem auch junge Leute ansprechen.

Mit wem arbeiten Sie international zusammen?
Wir arbeiten mit der World Confederation of United Zionists zusammen und sind natürlich Mitglied der World Zionist Organization. Dementsprechend haben wir auch Kontakte zu den zionistischen Organisation in Österreich und der Schweiz, auch zu Nachbarländern wie Holland und Belgien pflegen wir Kontakte, treffen uns dann bei Versammlungen und nehmen an Kongressen teil.

Wie werden Sie finanziell unterstützt?
Wir finanzieren uns durch Mitgliederbeiträge und Zuwendungen des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Wie wird Ihre Aufgabe in 20 Jahren aussehen?
Ich hoffe, dass wir als Organisation in 20 Jahren noch bestehen. Im Herbst planen wir ein Treffen mit unseren Schnifim aus Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und München, dem Europäischen Forum der russischsprachigen Juden. Dabei werden wir auch auf Nachwuchsprobleme zu sprechen kommen. Wir sind tatkräftig und hoffen auf Menschen, die sich zum Zionismus und zu unserem Programm bekennen. Der Zionismus ist ein Teil des Staates Israel, er muss weiter Bestand haben. Und ich wünsche mir und appelliere, Nachfolger zu finden, Menschen, die dazu bereit sind, ihre Zeit dafür zu geben, und so mit Herzblut für den Staat Israel einzustehen, wie wir es heute tun. Wer Interesse hat, kann sich an mich wenden.

Mit der Präsidentin der Zionistischen
Organisation in Deutschland sprach Heide Sobotka.

Kontakt: lillyjockels@hotmail.de

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