Sicherheit

»Wir sind auf der Hut«

Bei einer Pro-Gaza-Demonstration in Düsseldorf am 26. Juli wird Israel als »Kindermörder« diffamiert. Foto: Roland Geisheimer / attenzione

Was hat der Gaza-Konflikt mit beschmierten und zerstörten Fensterscheiben, antijüdischen Schmähungen und vollkommen entfesselten Menschenmassen zu tun, die bei Protesten in Deutschland Juden lauthals wünschen, »vergast«, »verbrannt« und »geschlachtet« zu werden?

Ob es nun ein Antisemitismus ist, der latent immer vorhanden ist und sich jetzt erneut Bahn bricht, wie der Historiker Wolfgang Benz meint, oder ob der Judenhass eine neue alte Qualität erlangt hat, wie der Botschafter Israels in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, sagt, der die Ausschreitungen bei Pro-Gaza-Demonstrationen mit den Pogromen von 1938 vergleicht – die jüdischen Gemeinden sind in der Mehrheit stark verunsichert. Hassparolen gegen Juden, Schmähungen gegen Israel haben die Gemeinschaft tief getroffen.

»Es ist vor allem die Wut und die Entfesselung«, die zu spüren seien, sagt Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen. Vor einigen Tagen hatten Unbekannte mit einem Gullydeckel versucht, eine Glasfront der Synagoge einzuschlagen. »Es geht nicht nur darum, dass ein Fenster zerstört wurde, sondern mein Gedanke ist, wie viel Energie dahinter stecken muss, eine Spezialscheibe zu zerstören.« Wut und Hass, die eine solche Kraft entwickelten, erschreckten sie.

Gelsenkirchen habe in den vergangenen sieben Jahren, seit die neue Synagoge eröffnet wurde, kaum Antisemitismus erfahren – von ein paar Schmierereien und einem Hakenkreuz an der Wand im Mai abgesehen. Seit dem Gaza-Konflikt sei sie selbst jedoch schon zweimal auf der Straße angepöbelt worden, erzählt Neuwald-Tasbach. Passanten hätten sie »Faust schwingend und ›Scheißjude!‹ schreiend« attackiert.

Neue Qualität Der Antisemitismus habe für sie eine neue Qualität erreicht, sagt die Gelsenkirchener Gemeindevorsitzende. Es sei ein Unterschied, ob Einzelne sich zu Wort meldeten, wie etwa bei dem jüngsten Ausbruch antisemitischer Schmähungen im Zusammenhang mit der Beschneidungsdebatte 2012, oder wenn 200 Menschen »mit hasserfüllten Gesichtern durch die Innenstadt ziehen«, beschreibt sie den Grund, warum die Gemeindemitglieder zunehmend Angst verspüren.

Sie sei froh, dass derzeit Sommerferien sind und die Kinder, die sich üblicherweise zu Förder-, Tanz- und Gesangsgruppen oder zum Religionsunterricht im Hause aufhielten, wegbleiben. Wie solle man ihnen angesichts solcher Ausschreitungen derzeit erklären, dass es keine Gefahr bedeute, mit einer Kippa auf die Straße zu gehen oder Mesusot sichtbar an Häuser- und Wohnungstüren anzubringen? »Wir arbeiten so mühsam daran, ihnen Normalität vorzuleben, und sind froh, dass sie jetzt von dem Hass nichts mitbekommen«, sagt Neuwald-Tasbach. »Wenn ich vor zwei Wochen gefragt worden wäre, ob gegen die Synagoge ein Anschlag verübt werden könnte, hätte ich ganz klar mit: ›Nein, das glaube ich heute nicht mehr‹ geantwortet.«

Facebook In Kassel und Bamberg haben die Gemeindevorsitzenden ihre Konsequenzen aus den antisemitischen Parolen bei den Demos der vergangenen Wochen gezogen. Gemeindevorsitzende Irina Katz sprach von Angst. In den 14 Jahren, die sie sich in Deutschland aufhalte, habe sie das Gefühl zum ersten Mal selbst verspürt. »Ich denke immer, ich muss meine Kinder jede Stunde anrufen und fragen, ob alles in Ordnung ist.« Ihre Tochter sei, nachdem sie sich auf Facebook gegen Antisemitismus geäußert habe, dort verbal angegriffen und bedroht worden.

Bei einer pro-palästinensischen Demonstration vor zwei Wochen waren Gegendemonstranten mit Israel-Fahnen aufgetreten, sie wurden von Vorbeiziehenden wüst beschimpft, Übergriffe konnten lediglich durch massive Polizeipräsenz verhindert werden. Als wenig später die zweite Demonstration angemeldet und bekannt geworden war, dass sie an einem Freitagnachmittag zur Kasseler Synagoge führen soll, habe eine Abordnung der Gemeinde im Rathaus vorgesprochen mit der Bitte, dass die Synagoge nicht als Ziel zugelassen wird.

»Die Stadt hat unseren Wunsch erfüllt«, sagt Katz. Die Demonstranten mussten in die entgegengesetzte Richtung marschieren. Das Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus (BgA) veranstaltete ein Picknick vor der Synagoge und bot Gottesdienstbesuchern, die zu Fuß nach Hause gehen wollten, Begleitung an. Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) war Gast des Gottesdienstes.

Strafverfolgung Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz vor wenigen Tagen forderten Gemeinde, BgA und die Kasseler Deutsch-Israelische Gesellschaft eine »konsequente Strafverfolgung antisemitischer Straftaten«. In einem Aufruf wendet sich die Gemeinde außerdem an die Lokalpolitik sowie weitere Vertreter des öffentlichen Lebens und warnt davor, dass »der Geist der Vergangenheit zurückkehrt«. »Lassen Sie nicht zu, dass aus unserer Mitte Menschenhass oder gar die Verleugnung des Staates Israel hervorgeht«, lautet eine Forderung. Der Aufruf sei bereits von etwa 1000 Menschen unterzeichnet worden, sagte Katz.

Eine erste Reaktion gibt es auf die Kritik aus der Kasseler Gemeinde. Katholische und evangelische Kirche hätten bisher zu den antisemitischen Vorfällen geschwiegen. Am Montag schrieb Dechant Harald Fischer in einem Offenen Brief, dass die katholische Kirche »an der Seite ihrer jüdischen Geschwister« stehe. Beim jüngsten »Runden Tisch der Religionen«, der regelmäßig in Kassel tagt, waren die antisemitischen Vorfälle allerdings kein Thema.

Noch vor einer Woche hätte er gefragt, wo denn die Empörung der Zivilgesellschaft gegen die antisemitischen Parolen bei den Demonstrationen bleibe, sagt Alexander Sperling der Jüdischen Allgemeinen. Doch jetzt habe sich das Blatt total gewendet. »Wir bekommen inzwischen sehr viel mehr Solidaritätsbekundungen als Schmähungen«, sagt der Geschäftsführer der Synagogen-Gemeinde Köln. Auch hier hatte es in den vergangenen Wochen anti-israelische Demonstrationen mit klar antisemitischen Zügen gegeben. Die Masse und die Heftigkeit, in der sie vorgetragen worden seien, hätten ihn bestürzt.

gefahrenlage Eine veränderte Gefahrenlage für die jüdische Gemeinschaft der Domstadt sehen weder er noch die Polizei. Natürlich sei die Aufmerksamkeit derzeit sehr hoch. Die Gemeinde sei aber in verschiedenen Gremien wie etwa dem Arbeitskreis Israel-Palästina vertreten, kooperiere mit dem Türkisch-Islamischen Dachverband DITIP, das wirke deeskalierend, meint der Geschäftsführer.

Zudem unterhält die Stadt traditionell Partnerschaften sowohl mit Tel Aviv als auch mit Bethlehem, der Nahost-Diskurs sei also sehr wohl vertraut. »Es ist ein wichtiger Punkt, sich politisch auszutauschen«, sagt Sperling, wenn es um Gespräche mit anderen Religionsvertretern geht. »Die Gemeindemitglieder sind verständlicherweise verängstigt«, doch weitere Vorsichtsmaßnahmen halte er derzeit nicht für erforderlich.

Jacqueline Jürgenliemk hat in Göttingen ähnliche Erfahrungen gemacht. Bei der ersten Demonstration habe die Polizei die Lage noch vollkommen falsch eingeschätzt und die Jüdische Gemeinde Göttingen auf Anfrage sogar noch beruhigt: Sie müsse sich keine Sorgen machen, es werde überhaupt nichts passieren, das sei alles ganz friedlich. »Bei der zweiten Demonstration waren die Ordnungshüter ganz anders aufgestellt und haben starke Präsenz gezeigt«, erzählt Jürgenliemk. »Wir liegen etwas außerhalb«, daher habe die Gemeinde von der Demonstration nicht unmittelbar etwas mitbekommen.

Natürlich seien die Gemeindemitglieder beunruhigt, wenn sie diesen Aufwand sehen. »Sie haben das dann in der Zeitung gelesen und uns verängstigt gefragt: ›Wie war denn das?‹ ›Was ist denn da los?‹«, erzählt die Gemeindevorsitzende. Als Reaktion achte sie vermehrt darauf, ob die Türen während der Gottesdienste auch verschlossen sind, damit man keine unliebsamen Besucher bekomme. Die Alarmanlage ist scharf geschaltet, es gilt der große Objektschutz, dabei standen mehrere Polizeiwagen vor der Tür. »Die Polizei hat das jetzt auf dem Schirm«, sagt Jürgenliemk. »Ich weiß es auch von der Jüdischen Kultusgemeinde, dass sie verstärkt im Schutz sind.« Sie selbst achte jetzt auch vermehrt darauf, dass die Tore geschlossen sind, auch wenn sich Gemeindemitglieder im Haus aufhalten.

aufruf Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hat in der Zeitung einen Aufruf veröffentlicht, dass ihre Mitglieder die jüdische Gemeinde verstärkt besuchen und sich solidarisch erklären sollen. »Mit dem Runden Tisch der Abrahamsreligionen haben wir gemeinsam mit der DITIB einen Beitrag veröffentlicht«, erzählt die Göttingerin weiter. Mit ihr sei die Gemeinde sehr verbunden. Sie erhalte verstärkt besorgte Anrufe von Göttinger Bürgern, die nachfragen, wie es der Gemeinde gehe oder ob sie etwas brauche.

In Bamberg hat Arieh Rudolph seinen Mitgliedern empfohlen, sich nur in größeren Gruppen zu bewegen. Im August, wenn ohnehin viele im Urlaub sind, habe er deswegen auch keine Gottesdienste geplant. Eine Vorsichtsmaßnahme, man wisse ja nie. »Wir sind auf der Hut«, sagt der Vorsitzende und Kantor der Israelitischen Kultusgemeinde. Die »sehr aggressive« Deutsch-Arabische Moschee, bei der das Deutsch im Namen nur ein Mäntelchen sei, bereite ihm Sorge.

Außerdem gab es vor Kurzem einen Zwischenfall mit zwei offenbar arabischstämmigen jungen Männern, die »uns wohl provozieren oder einfach nachgucken wollten, wie gut wir gesichert sind«. Er habe mit der Polizei gesprochen, die Videokamera werde ausgewertet, um die beiden Männer zu identifizieren. »Man geht einfach nicht unbeschwert durchs Leben«, sagt Rudolph, wohl wissend, dass es in den kleinen bayerischen Gemeinden noch ruhig zuginge. »Doch Leichtsinn kann man sich nicht erlauben.«

akzeptanz In Hannover, wo bei einer pro-palästinensischen Demonstration in den vergangenen Wochen Schmährufe wie »Gestern Opfer im Holocaust, heute Täter in Gaza« sowie Sprechchöre mit »Kindermörder Israel« zu hören waren, hält Michael Fürst solche Maßnahmen wie in Bamberg für nicht notwendig. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde und des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden von Niedersachsen, sagte, dass es möglicherweise auch an dem gelebten offenen Dialog und dem gegenseitigen Respekt voreinander liege, den jüdische und palästinensischen Gemeinde seit fünf Jahren pflegen.

In einer gemeinsamen Erklärung zur Antisemitismusdebatte schrieben die Vorsitzenden Fürst und Yazid Shammout, »dass sie antisemitische und antidemokratische Tendenzen entschieden zurückweisen. Beleidigung, Hetze oder Anfeindungen und jede Anspielung auf geschehenes Unrecht, auf den Holocaust, sind absolut unakzeptabel und werden nicht toleriert«. Sie appellierten, dem »guten Geiste ihres Dialoges zu folgen und gemeinsam für die freiheitlich demokratische Grundordnung, die Einhaltung der Menschenrechte und die gegenseitige Toleranz und Akzeptanz einzutreten ...«

Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen seien nicht notwendig, so Fürst zur Jüdischen Allgemeinen. Es bleibe bei der üblichen Sicherung der Synagoge bei Gottesdiensten mit einem Polizeiwagen vor der Tür. »Wir haben null Probleme«, sagt Fürst. Er habe gehört, dass es offenbar in anderen Gemeinden ganz anders aussieht. Gerade habe das Präsidiumsmitglied des Zentralrats Barbara Traub ihm erzählt, wie umfänglich die Bewachung jüdischer Objekte und Gebäude überall sei. »Da leben wir doch in einem glücklichen Land hier in Hannover«, meint Fürst.

Solidarität Sehr positiv stimmten auch sie die eingehenden Solidaritätsbekundungen, die sie jetzt per Telefon oder E-Mail erreichten, sagt Judith Neuwald-Tasbach. »Zehn Tage war es absolut ruhig, jetzt ist mein Postfach übervoll«, sagt die Gelsenkirchenerin. Firmen, Privatpersonen, IHK, Behörden und Freunde meldeten sich und sagten, wie abscheulich sie diese Hasstiraden finden. Das tue gut. »Allein deswegen, weil Menschen aufmerksam werden, dass es so nicht geht.«

Die Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut, doch hier seien Grenzen deutlich überschritten worden, und das müsse den Protestierenden auch deutlich und unmissverständlich klargemacht und geahndet werden, fordert die Gemeindevorsitzende. Nach dem ersten Schock wirken diese Bekundungen hoffentlich beruhigend auf die Gemeindemitglieder in Deutschland. Mitarbeit: Ralf Pasch

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