Wiesbaden

»Wir müssen die Identität stärken«

Herr Landau, in diesem Jahr fallen Ostern und Pessach zeitlich zusammen. Wie vermitteln Sie Ihren Kindern, einen langen Sederabend durchzustehen, statt im Freien nach Ostereiern zu suchen?
Wichtig ist, dass die jungen Leute eine eigene religiöse Identität finden, ohne die Traditionen der anderen dabei herabzuwürdigen. Kinder sollen das Fremde nicht schlecht machen, sondern das Eigene, was sie zu Hause haben, soll sie stärken. In größeren jüdischen Gemeinschaften, wie etwa in Frankreich, gibt es diese Probleme weniger. In Paris etwa kann man das ganze Jahr hindurch koscher essen. Das ist in Deutschland nicht möglich.

Wie schaffen Sie es dennoch, den Kindern die Traditionen nahezubringen?
Zu Pessach versuchen wir unsere Angebote zu erweitern. Wir bieten nicht nur eine Sorte Mazze an, sondern auch Eier- und Schoko-Mazze. Unsere Mitglieder sollen eine Vielfalt kennenlernen. Außerdem gibt es bei uns verschiedene Pessachkuchen, Gurken, gefilte Fisch, verschiedene Weinsorten. Auf die Kinder wirkt sich das erweiterte Mazzeangebot schon aus. Es stärkt ihr Selbstbewusstsein. Wenn sie gefragt werden, sagen sie stolz: »Wir Juden essen jetzt kein Brot, wir essen Mazze.«

Wir haben gerade bei einer Umfrage erfahren, dass jüngere Juden zu Pessach kaum noch Mazze ordern. Welchen Eindruck haben Sie von den 30 bis 50-Jährigen und ihrer jüdischen Traditionspflege?
In Wiesbaden haben wir ähnliche Erfahrungen gemacht. Diejenigen jungen Menschen aber, die Interesse an der Gemeinde haben, kaufen Mazze ein. Diese Altersgruppe ist von uns ohnehin wenig beeinflussbar. Ich nehme an, dass es hier in Deutschland vor allem mit dem Zuwandererproblem zusammenhängt. Ich kenne aber auch einige junge Erwachsene, die sehr wohl in ihren Familien den Seder feiern. Hinzu kommt, dass Pessach ein sehr religiöses Fest ist. Es ist schwerer zu feiern für Menschen, die weniger religiös sind. Für sie ist ein Fest wie Jom Haazmaut eher zugänglich. Auch Chanukka ist einfacher zu feiern.

Das heißt, indem Sie Pessach-Speisen vorrätig halten, vereinfachen Sie Ihren Gemeindemitgliedern den Zugang zu diesem Fest?
So ist es. Wir wollen das Angebot noch erweitern. Außerdem versuchen wir, die Eltern über ihre Kinder zu erziehen. Die Jugendlichen werden von unseren Madrichim, unserer Lehrerin und dem Rabbiner mit der Religion und ihren Traditionen vertraut gemacht. Und nun hoffen wir, dass sie diese nach Hause tragen und dort den Wunsch äußern, Schabbatkerzen zu zünden oder koscher zu essen.

Wie können Sie die Generation 30 plus motivieren, in die Gemeinde zu kommen?
Neuerdings haben wir einen Kochkurs. Über das gemeinsame Zubereiten der Speisen erhalten die Teilnehmer Basisinformationen über ihre Religion. Genauso ist es mit unserer Theatergruppe, die Stücke zu den Feiertagen aufführt. Beim Einstudieren der Texte lernen die »Schauspieler« die Bedeutung des Feiertags, den sie auf die Bühne bringen, kennen. Und das Publikum lernt ihn über die Aufführung kennen. Wir wollen jetzt eine Diskussionsrunde unter 18- bis 40-Jährige ins Leben rufen, in der wir fragen: Was erwartet Ihr von Eurer Gemeinde? Wie soll sie aussehen? Wie und wo könnt Ihr Euch einbringen? Es gibt unter den jungen Erwachsenen in Wiesbaden ein gutes privates Geflecht.

Der Kern des Judentums ist aber immer noch das Selbstpraktizieren?
Ja, aber das muss erlernt werden. Während des Kommunismus in der Sowjetunion wurde es verlernt. Deswegen soll auch unser Gemeindeseder für jeden erschwinglich sein. Vor allem ist er für Menschen gedacht, die sich einen teuren nicht leisten könnten, aber selbstverständlich auch für die, die kein Wissen darüber haben, wie man ihn begeht. Und er ist nicht zuletzt auch für Alleinstehende und Ältere.

Das Gespräch führte Heide Sobotka.

Alija

Darum bleibe ich

Der 7. Oktober hat unsere Autorin zu einem anderen Menschen gemacht. Und beinahe wäre sie nach Israel ausgewandert. Vieles aber hält sie hier – aus gutem Grund

von Barbara Bišický-Ehrlich  23.07.2026

Interview

»Kiddusch mit Empanadas«

Daniela Rusowsky über die lateinamerikanische Gemeinschaft in Berlin, Melodien aus der Heimat und die Bedeutung von Kabbalat Schabbat

von Mascha Malburg  23.07.2026

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026

Pforzheim

Die vergessene jüdische Geschichte der Goldstadt

Vom Schwarzwald aus verkauften Juden einst Schmuck in die ganze Welt. Erst langsam wird diese Geschichte aufgearbeitet. Sie ist nicht immer glänzend – und auch noch nicht vorbei

von Mascha Malburg  20.07.2026

Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

Richard Ernst konvertierte zum Judentum, wurde Gärtner und Hobbymaler

von Anja Bochtler  18.07.2026

Würdigung

Im Einsatz für die Demokratie

Minister Georg Eisenreich zeichnete Engagierte in Justiz und Polizei mit dem Fritz-Neuland-Gedächtnispreis aus

von Luis Gruhler  18.07.2026

München

Bücher für alle

Der Literaturwissenschaftler Nathan Cohen sprach im Rahmen der Scholem-Alejchem-Reihe über populäre jiddische Literatur in Osteuropa

von Nora Niemann  18.07.2026