Lichtenberg

»Wir machen weiter«

Protestkundgebung vor der Kiezkneipe »Morgen wird besser« in der Hagenstraße in Berlin-Lichtenberg. Foto: Rolf Walter

Für Emil G. war die Nacht auf Freitag, den 14. August, um 6.20 Uhr schlagartig zu Ende. Nachbarn rissen den Besitzer der Kiezkneipe »Morgen wird besser« in Berlin-Lichtenberg telefonisch aus dem Schlaf, um ihn zu informieren, dass es in seinem Lokal brennt. Die Feuerwehr hatten sie bereits zuvor alarmiert.

Zwar konnten die Flammen rasch gelöscht und so ein Übergreifen auf andere Teile des Hauses verhindert werden. Aber dennoch: Die Innenräume sind ausgebrannt, das Mobiliar weitestgehend zerstört. Personen kamen durch den Brand nicht zu Schaden.

Brecheisen Ein technischer Defekt kann als Ursache ausgeschlossen werden, so die erste Einschätzung der Sachverständigen. Offensichtlich hatten Unbekannte sich mit einem Brecheisen Zutritt zu den Räumlichkeiten verschafft, diese verwüstet und anschließend ein Sofa in Brand gesetzt.

Allem Anschein nach handelt es sich um eine politische Straftat. Denn an der Tür des »Morgen wird besser« entdeckten Ermittler einen eingeritzten Davidstern sowie die Zahl »28« – ein Code für das neonazistische Netzwerk »Blood & Honour«, der sich auf die Reihenfolge der Anfangsbuchstaben »B« und »H« im Alphabet bezieht. Bekennerschreiben sind bis dato nicht aufgetaucht. Das Landeskriminalamt (LKA) ermittelt nun wegen schwerer Brandstiftung.

Der Besitzer hat mit seiner jüdischen Herkunft nie hinterm Berg gehalten.

Der Staatsschutz schließt eine »antisemitische Tatmotivation« nicht aus und sucht nach Zeugen, die im Bereich der Hagenstraße und Fanningerstraße in Berlin-Lichtenberg verdächtige Beobachtungen gemacht haben. Vor allem wird um Hinweise zu einer »dunkel gekleideten Person mit einer orangefarbenen Warnweste« gebeten.

ZIELSCHEIBE Auch war es schon der vierte Anschlag auf sein Lokal, wie Emil G. gegenüber der Jüdischen Allgemeinen betont. Denn er selbst ist Jude, kam in Israel zur Welt und hat mit seiner Herkunft nie hinterm Berg gehalten. Genau deshalb war Emil G. von Anfang an Zielscheibe antisemitischer Attacken.

Immer wieder wurde er seit Eröffnung seines Lokals 2012, das erst ein Restaurant war und 2014 in eine beliebte Kiezkneipe umgewandelt wurde, bedroht und angepöbelt. Mal waren Rechtsextreme einfach in den Laden hineinmarschiert und hatten den Besitzer als »Drecksjuden« beschimpft und »Juden raus!« gebrüllt, mal wurde bei ihm eingebrochen, wurden Getränke über das Mobiliar verschüttet, Flaschen zerschlagen und die Kasse geplündert. Jedesmal meldete der 48-Jährige die Vorfälle der Polizei. Verdächtige wurden aber bislang nie ermittelt.

Angst habe er keine, so Emil G. gegenüber der »B.Z.«, wohl aber würde er sich um seine Familie Sorgen machen. »Ich habe trotzdem das Gespräch gesucht, wir sind ein weltoffener Laden, egal welcher Anschauung man ist.«

Dem Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) berichtete der Besitzer, dass er aufgrund der mehrfachen Bedrohungen bereits Kameras sowie Sicherheitsjalousien installiert hatte – übrigens auf eigene Kosten. Von den Behörden habe er wenig Unterstützung erfahren. Nur der Bezirksbürgermeister sei einmal erschienen, um sich mit ihm darüber zu beraten, was man gegen Rechtsextreme vielleicht unternehmen könnte. Mehr geschah jedoch nicht.

Das »Morgen wird besser« ist ein beliebter und weltoffener Nachbarschaftstreff.

Das »Morgen wird besser« sei immer ein Nachbarschaftstreff gewesen, so Emil G. »Wir haben hier alle gemeinsam Chanukka und Weihnukka gefeiert – auch um zu zeigen: Wir Juden sind ganz normale Menschen.«
Am Dienstag vergangener Woche gab es eine Solidaritätskundgebung vor dem »Morgen wird besser«.

Mehr als 200 Personen waren einem Aufruf der Gruppe »Antifaschistische Vernetzung Lichtenberg« gefolgt, darunter die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch (Die Linke), Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne), der Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Die Linke) sowie der frischgebackene Antisemitismusbeauftragte des Landes Berlin, Samuel Salzborn.

Zudem wurde im Netz zu Spenden aufgerufen, um Emil G. beim Wiederaufbau seines Lokals zu helfen. Denn der Besitzer will weitermachen, renovieren und wieder neu eröffnen. »Wir lassen uns nicht unterkriegen.«

DEBATTE Das Thema »Rechte Gewalt und ihre Strukturen« war dann auch Gegenstand einer Debatte in der ersten Plenarsitzung des Berliner Abgeordnetenhauses nach der Sommerpause. Denn der Anschlag auf das »Morgen wird besser«, der dabei ebenfalls zur Sprache kam, ist kein Einzelfall.

Vor allem im Bezirk Neukölln herrscht große Verunsicherung, weil dort in den vergangenen Jahren mehr als 60 Straftaten verübt wurden, die eine rechtsextreme Handschrift tragen. Buchläden und Geschäfte wurden attackiert, Fahrzeuge von Lokalpolitikern angezündet, und man hatte versucht, das Haus der Eltern des Linken-Kommunalpolitikers Ferat Kocak in Brand zu setzen.

Von den Behörden habe er wenig Unterstützung erfahren.

Auch die Ermittler stehen in der Kritik, weil es nicht autorisierte Datenabfragen gab und eine immerhin 30-köpfige Sonderkommission der Polizei auffallend wenige Ergebnisse produzierte.

NAZI-HOCHBURG In Lichtenberg, das in den Nachwendejahren als Nazi-Hochburg galt und dann einen Wandel zum beliebten Wohnbezirk erlebte, steigt laut einer jüngst veröffentlichten Statistik des »Lichtenberger Register«, einer Meldestelle für rechtsextreme Vorfälle im Kiez, ebenfalls die Zahl der neonazistischen und antisemitischen Propagandadelikte erneut an.

146 Aktivitäten registrierte man im Zeitraum zwischen Januar und Juni 2020, ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 25 Prozent. »Etwa viermal im Monat wurden im Bezirk Menschen meist aus rassistischen Motiven angegriffen oder beleidigt«, heißt es darin. Dazu kommen jetzt wohl auch noch Brandanschläge wie der auf das »Morgen wird besser«.

Berlin

Dieter Nuhr erhält den Leo-Baeck-Preis

Der Kabarettist ist mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet worden. Zentralratspräsident Josef Schuster würdigte den Kabarettisten für seinen entschiedenen Einsatz gegen Antisemitismus

von Detlef David Kauschke  10.06.2026

Leo-Baeck-Preis

»Seine Arbeit hat rettende Relevanz«

Ahmad Mansour lobte in seiner Laudatio auf Dieter Nuhr den Mut und die intellektuelle Unbestechlichkeit des Kabarettisten. Eine Dokumentation

von Ahmad Mansour  10.06.2026

Rede

»Sie beweisen Zivilcourage und folgen mit ihrem Mut dem Beispiel von Leo Baeck«

Zentralratspräsident Schuster hob bei der Vergabe des Leo-Baeck-Preises Dieter Nuhrs ebenso fairen wie kompetenten Blick auf den jüdischen Staat hervor

von Josef Schuster  10.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  10.06.2026

Berlin

Kleine Botschafter

Beim Innovationswettbewerb »Building Bridges« der israelischen Vertretung in Deutschland wurden vier Projekte ausgezeichnet. Eine Ehrung für gelebten Austausch

von Katrin Richter  10.06.2026

Unterstützung

Hilfe für gestrandete Israelis

Von Notunterkünften bis Schabbat-Einladungen: Die IKG zeigt gelebte Solidarität

von Luis Gruhler  10.06.2026

Programm

Fast ohne Fußball: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 11. Juni bis zum 18. Juni

 10.06.2026

Standort

Yad Vashem am Karolinenplatz

Die Holocaust-Gedenkstätte errichtet in München ihr erstes Bildungszentrum außerhalb Israels

von Luis Gruhler  09.06.2026

Meinung

Nein, ein Davidstern ist keine Provokation

Im Amtsgericht Flensburg wurde einer Frau der Zutritt zum Saal nur unter der Bedingung gewährt, dass sie ihre Kette mit einem jüdischen Symbol ablegt. Das ist keine Auslegungsfrage, sondern ein Justizskandal

von Annabelle Ganapol-Vučelić  09.06.2026