Jüdisch-muslimischer Dialog

»Wir können nur Türöffner sein«

Marc Simon über Integration und den Wert des Gesprächs

von Heide Sobotka  12.01.2016 09:58 Uhr

»Es darf in den Moscheen keine Toleranz gegenüber Antisemitismus geben«: Marc Simon Foto: privat

Marc Simon über Integration und den Wert des Gesprächs

von Heide Sobotka  12.01.2016 09:58 Uhr

Herr Simon, mit der Ülkümen-Sarfati-Gesellschaft wollen Sie den muslimisch-jüdischen Dialog stärken. Nur muss man diejenigen, die man schon auf seiner Seite weiß, nicht mehr überzeugen. Es gilt natürlich auch diejenigen zu erreichen, die jüdischen Gemeindemitgliedern Anlass zur Sorge geben.
Das ist richtig. Ziel des Vereins ist ja auch, über das gemeinsame Gespräch und über die Tatsache, dass die türkischen Muslime schon seit vielen Jahrzehnten in Deutschland leben, ohne dass man sich in jüdischen Gemeinden große Sorgen über ihre Verfassungs- und Rechtstreue machen musste, auch zu den anderen arabischen Muslimen eine Brücke zu bauen. Die türkischen Muslime sind ja auch schon durch die deutsche Gesellschaft mitgeprägt, sie könnten mithelfen, die neuen Einwanderer zu integrieren und für das Thema Judentum und Israel zu sensibilisieren.

Würden denn die syrischen Flüchtlinge überhaupt auf ihre türkischen Glaubensbrüder hören? Ist die muslimische Gemeinschaft nicht zu disparat, als dass dort nicht auch noch Hindernisse zu überwinden wären?

Vielleicht hört sich unser Ziel kühn an, andererseits haben diejenigen, die in den Moscheevereinen Gründerfunktionen haben, und das sind die türkischen Muslime, einen gewissen Einfluss auf die »Neuankömmlinge«, die jetzt dieselben religiösen Einrichtungen nutzen. Wir hoffen, dass sich dieser Einfluss positiv auswirken wird, sodass er für den Dialog, für die Integration und für die türkisch-jüdische beziehungsweise muslimisch-jüdische Zusammenarbeit genutzt werden kann.

In Hannover gehören muslimisch-jüdische Kontakte schon zur Normalität. Wie könnte man aber den Sorgen in kleineren Gemeinden begegnen?
Folgendes ist mir ganz wichtig: Wir teilen diese Ängste ausdrücklich. Auch ich habe große Sorgen um die Sicherheit zum Beispiel meiner Kinder. Andererseits sind wir optimistisch, weil wir sehen, dass die muslimische Community viel pluralistischer ist, als sie manchmal von den Medien dargestellt wird. Das ist kein Block von fünf Millionen Menschen, die hier in der Bundesrepublik leben. Ein großer Teil steht dem Dialog mit anderen Religionen gegenüber durchaus offen gegenüber. Zudem gibt es auch hier viele Menschen, die innerhalb ihrer Gemeinschaft selbst eine zahlenmäßige Minderheit darstellen. Gerade in Hannover gibt es sehr viele Aleviten. Diese sind oft säkular geprägt und ganz klar auf die gemeinsame Grundlage des Grundgesetzes ausgerichtet.

Sie hoffen also darauf, aus dem toleranten Kern dieser ursprünglich türkisch-muslimischen Gemeinschaft nach außen auf die weniger offene, ja radikalere muslimische Gesellschaft wirken zu können?
Unseren türkischen Freunde erzählen, dass viele Flüchtlinge auch in die Moscheen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, DITIB, oder anderer türkischer Institutionen gehen. Diese bekennen sich zum Grundgesetz und sind liberaler ausgerichtet. Auch wenn die Anstalt für Religionen beispielsweise der türkischen Regierung untersteht, was nicht unproblematisch ist. Momentan üben sie eher einen positiven Einfluss aus. Die Frage ist nur, ob Toleranz und ein einvernehmliches Miteinander erhalten bleiben. Wir setzen uns dafür ein.

Viele Flüchtlinge kommen aus den verschiedensten Ländern mit einem unterschiedlichem religiösem Gepäck nach Deutschland. Wie wollen und können Sie sie ansprechen?
An früheren Veranstaltungen wie etwa in Bonn haben auch arabische Muslime schon teilgenommen. Der türkisch-jüdische Dialog kann aber immer nur Türöffner sein, nie den Dialog mit der arabischen Community oder mit anderen Gruppen völlig ersetzen. Aber den führen wir auch selbst gar nicht. Wir üben lediglich eine Brückenfunktion aus, aber wir können natürlich den Dialog mit anderen Communities nicht ersetzen, den müssen andere führen.

Zum Beispiel Politiker?
Ja, so ist es: Den müssen Politiker führen. Wir hoffen aber auch, dass es in den jüdischen Gemeinden Menschen gibt, die sich für den muslimisch-jüdischen Dialog begeistern lassen. Eine Sache ist mir ganz wichtig: Dieser Dialog darf natürlich nicht naiv oder gleichgültig geführt werden. Wir führen keinen Dialog um des Dialogs willen, wir führen ihn, damit es für Antisemitismus keine Einfallspforte gibt. Wir wollen dafür sorgen, dass antisemitische Strömungen in den türkischen und in den anderen muslimischen Gemeinschaften angesprochen und bekämpft werden.

Haben Sie mit Ülkümen-Sarfati auch schon eigene Projekte entwickelt, wo Sie möglicherweise auch mit Jugendlichen arbeiten? Um sich gegenseitig zu informieren: Wer sind wir eigentlich?
Wir hatten mal vor Jahren versucht, gemeinsame Tanzgruppen von Jugendlichen zu bilden – von der Kölner DITIB-Gemeinde und Jugendlichen aus Kibbuzim. Das war damals aber eine einmalige Angelegenheit. Wir waren auch Mitveranstalter des multinationalen Projekts »Leaving Places – Shaping Places« zu Migrationsbewegungen im 20. Jahrhundert. Wir fokussieren uns aber eher auf Podiumsdiskussionen, Debatten, bei denen wir versuchen, Politiker und Gemeindevertreter zusammenzubringen, den Dialog zu fördern und gemeinsame Interessen zu formulieren. Mit dem eindeutigen Ziel, dass antisemitische und rassistische Vorfälle von allen Seiten verurteilt und bekämpft werden. Ich nenne nur den antisemitischen Vorfall hier in Hannover, als die jüdische Tanzgruppe 2009 mit Steinen beworfen wurde. In einem solchen Fall brauchen wir eine eindeutige Verurteilung dieser Tat durch Muslime, damit auch in den muslimischen Gemeinden und in den Moscheen eindeutig vernommen wird, dass es keine Toleranz gegenüber Antisemitismus geben darf.

Die Willkommenskultur für Flüchtlinge ist gerade auch nach den ungeklärten Vorfällen aus der Silvesternacht in Köln ein hohes Gut. Dennoch: Manche jüdische Vertreter in Deutschland sagen, sie hätten sich für die Kontingentflüchtlinge eine ähnliche Unterstützung erhofft, wie sie jetzt den Syrienflüchtlingen zuteilwird.
Das ist schon ein wichtiger Aspekt. Ich wundere mich manchmal über die Willkommenskultur, die jetzt auch von der politischen Führung gefördert wird. Für jüdische Kontingentflüchtlinge galt sie nicht in diesem Maße, weder in den frühen 90er-Jahren noch in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts. Die jüdischen Zuwanderer mussten sich hier über die jüdischen Gemeinden integrieren. Diese mussten dabei wirklich harte Arbeit leisten, zum Teil sogar erst Sozialarbeiterplätze schaffen, um die Ankommenden zu betreuen. Das ist nicht vergleichbar mit dem finanziellen Aufwand, der jetzt betrieben wird, um die Flüchtlinge zu integrieren. Gleichzeitig stört mich vor allem, dass auch die Gesellschaft damals nicht dieselbe Aufmerksamkeit zeigte wie heute. Im Gegenteil, die jüdischen Gemeinden wurden oft alleingelassen mit dieser Aufgabe. Sie haben trotzdem eine hervorragende Arbeit geleistet. Mit der Aufnahme von 200.000 Kontingentflüchtlingen haben die jüdischen Gemeinden für die Bundesrepublik eine wahnsinnige Integrationsleistung erbracht. Das hat über die vergangenen 20 Jahre auch die Gemeindearbeit – in vielen Städten – geprägt. Dementsprechend haben wir einen hohen Anspruch, was Integration bedeutet, denn die russischsprachigen jüdischen Einwanderer sind ja zum größten Teil sehr gut in die Gesellschaft integriert.

Müsste man entsprechend fordern, dass die muslimischen Flüchtlinge in die muslimische Community integriert werden?
Ich weiß nicht, ob wir wollen, dass Religionsgemeinschaften Einwanderer integrieren. Das kann in einem säkularen Staat wie der Bundesrepublik nicht der Anspruch sein. Strenggenommen muss die Bundesrepublik ein Integrationsangebot machen. Das ist ja eigentlich das Tragische an der Integration der Kontingentflüchtlinge. Im Grunde hatten die jüdischen Gemeinden notgedrungen eine Aufgabe übernommen, die Religionsgemeinschaften gar nicht zu übernehmen haben. Sie sind für die Seelsorge zuständig, für andere Dinge, für die Organisation von Gottesdiensten, und nicht für Integration. Stattdessen haben die Gemeinden Deutschunterricht organisiert und Sozialarbeiter eingestellt, die sich darum kümmerten, dass die Angekommenen Formulare ausfüllen konnten – also Aufgaben des Staates, der Kommunen übernommen.

Das ist sicherlich nicht von der muslimischen Community zu erwarten.
Vielleicht wollen wir es auch nicht, weil sich die meisten Moscheegemeinden in Deutschland in ihrer Ausrichtung erheblich unterscheiden und weil Entwicklungen in einigen von ihnen leider nicht so sind, dass sie auf Integration und Zusammenleben ausgerichtet sind. Die Bundesrepublik muss selbst Integrationsangebote machen und darf das nicht den Religionsgemeinschaften überlassen, sonst kommen wir nämlich in eine Situation, wo die säkulare Natur des Staates in Gefahr gerät.

Sie haben die Schwierigkeiten des muslimisch-jüdischen Dialogs aufgezeichnet. Wie wollen Sie ihn in Zukunft weiterführen?
Wir würden gerne auch in Hannover weitere Veranstaltungen durchführen. Unsere Gesellschaft ist ja ursprünglich in Köln gegründet worden, doch wir versuchen, den Nukleus nicht darauf zu beschränken, sondern wegen der Wichtigkeit unseres Anliegens und der Wichtigkeit des Gesprächs unsere Aktivitäten auch auf andere Städte im Bundesgebiet auszuweiten.

Die Ülkümen-Sarfati-Gesellschaft
Ihre Namensgeber sind der türkische Diplomat Selahattin Ülkümen (1914–2003) und Itzhak Sarfati, der im 15. Jahrhundert Oberrabbiner in Edirne war. Sarfati schrieb an Juden aus Westeuropa, um sie zur Auswanderung ins Osmanische Reich zu bewegen, weil dort Toleranz und Offenheit herrschten. Ülkümen rettete als türkischer Generalkonsul auf Rhodos 1944 zahlreichen Juden das Leben, indem er ihnen türkische Pässe ausstellte und sie damit vor der Deportation nach Auschwitz bewahrte. Heute wird Ülkümen in Yad Vashem als »Gerechter unter den Völkern« geehrt. ja

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