IRGW

»Wir brauchen eine Willkommenskultur«

IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub Foto: Marco Limberg

Frau Traub, ist die IRGW die einzige Gemeinde im Zentralrat, die in ihrer Satzung die mögliche Betreuung nichtjüdischer Partner festgeschrieben hat?
Es gibt meines Wissens mehrere Gemeinden, die nichtjüdische Partner betreuen. Sie sind zwar nicht Gemeindemitglieder, aber sie werden betreut. Ich glaube, dass andere Gemeinden das ebenso in ihren Satzungen festgehalten haben – zum Beispiel auch Baden.

Warum war es Ihnen wichtig, das so ausdrücklich zu erwähnen?
Weil wir eine ganze Anzahl von Mitgliedern haben, die in interkonfessionellen Ehen leben und die auch am Gemeindeleben teilhaben sollen. Für eine Familie ist es ja schwierig, wenn jeder woanders hingeht. Und deshalb haben wir gesagt, wir bieten das an, damit sie gemeinsam als Familie aufgefangen werden. Das betrifft kulturelle Aktivitäten, aber auch soziale Betreuung.

Das heißt, Sie wollten ein Signal an diese Menschen aussenden?
Ja, sie sollen sich willkommen fühlen.

Gibt es denn viele nichtjüdische Partner von Gemeindemitgliedern, die sich zum Beispiel beim Gottesdienst nicht willkommen fühlen?
Natürlich können wir die nichtjüdischen Partner nicht als Mitglieder aufnehmen. Es gelten die Religionsgesetze, auch im Gottesdienst. Aber es gibt einfach eine große Zahl von interkonfessionellen Ehen, und wir wollen nicht, dass die Eltern die Kinder von der Gemeinde »abziehen« und sagen: »Wir wollen damit nichts zu tun haben.« Bei den Jüngeren ist es zum Beispiel so, dass viele unsere Kindertagesstätte in Anspruch nehmen, und natürlich sollen sich beide Partner beim Elternabend willkommen fühlen – und auch überall in der Gemeinde.

War das in der IRWG schon immer so?
Nein, das war nicht immer so. Aber seit meine Kollegen und ich im Vorstand sind, haben wir das geändert und gesagt, wir brauchen eine »Willkommenskultur«. Früher stand mehr im Vordergrund, ein Rückzugsort für die jüdischen Mitglieder zu sein, viele waren ja noch Holocaust-Überlebende, und es ging darum, für sie einen Rückzugsort vor der nichtjüdischen Umwelt zu schaffen.

In der Satzung wird ausdrücklich auch die Möglichkeit zum Giur erwähnt. Bekunden denn viele nichtjüdische Partner aus interkonfessionellen Ehen ihr Interesse daran?
Ich würde nicht von vielen sprechen, aber es gibt einige. Wir hatten in den vergangenen zwei bis drei Jahren einige Fälle, wo Menschen auch diesen Weg gegangen sind.

Die ZWST organisiert Familienfreizeiten, bei denen klar ist, dass nur Gemeindemitglieder daran teilnehmen können – und Machanot ausdrücklich für halachisch jüdische Kinder. Sollte es auch bei der ZWST mehr »Willkommenskultur« geben?
Die ZWST hat ihre Auffassung, und wir als Gemeinden vor Ort haben noch einmal andere Fragestellungen. Soviel ich weiß, werden in Baden Jugendaufenthalte organisiert, an denen auch Kinder teilnehmen können, wenn nur der Vater jüdisch ist. Auch die IRGW bietet Wochenend-Machanot an, wo diese Kinder und Jugendlichen mitfahren können.

Welche Überlegungen stecken dahinter?
Wir als Gemeinde vor Ort müssen uns den heutigen Gegebenheiten stellen, und wir wollen diese Kinder und Jugendlichen nicht verlieren. Wir wollen die Familien nicht noch mehr unter Druck setzen. Ungeachtet dessen, dass wir Wochenendaufenthalte auch für nichtjüdische Kinder anbieten, ist es für uns als Gemeinde selbstverständlich erstrebenswert, dass die Jugendlichen jüdische Partner finden.

Was werden Ihrer Meinung nach die Folgen sein, wenn es keine Angebote für interkonfessionelle Familien gibt? Wo sehen Sie die Gemeinden dann in zehn, 20 Jahren?
Natürlich ist es so, dass jüdische Gemeinden gerne viele Mitglieder haben wollen. Wir brauchen die Menschen für die Gottesdienste, für das religiöse Leben. Aber wir können uns auch dem modernen Leben nicht verschließen. Daher haben wir in der Satzung nicht nur die nichtjüdischen Partner erwähnt, sondern ausdrücklich auch die liberale Gruppe – um zu zeigen, dass wir für alle Richtungen offen sind. Wenn jemand einen liberalen Giur gemacht hat, nehmen wir diesen Menschen genauso in die Gemeinde auf wie jemanden, der bei einem orthodoxen Rabbiner zum Judentum konvertiert ist.

Das ist nicht selbstverständlich …
Nein, das gab es früher nicht. Früher war es so, dass nur Menschen, die einen orthodoxen Giur gemacht haben, in diese Gemeinde aufgenommen wurden. Aber wir wollten keine Wertung schaffen, welcher Giur besser oder schlechter ist. Wenn jemand sich entschließt, zum Judentum überzutreten, dann ist für uns wichtig, dass der Übertritt vor einem Beit Din stattgefunden hat – ob bei der ORD oder der ARK, ist für uns gleichwertig. Wir wollen einfach Spannungen abbauen. Ich habe es in der Vergangenheit immer wieder erlebt, dass Familien komplett weggeblieben sind und die Kinder sich nicht wohlgefühlt haben. Deshalb müssen wir eine gewisse Offenheit zeigen.

Mit der Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg sprach Ayala Goldmann.

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