Standpunkt

Wer hilft den Helfern von morgen?

Anna Staroselski, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD)

Pessach liegt nun einige Tage zurück, und der Blick richtet sich schon auf die kommenden Feiertage an Schawuot. In dieser Zeit ist es üblich, die Weisheiten aus den Sprüchen der Väter zu studieren. Dieser Mischnatext bietet eine Sammlung von überlieferten ethischen Lehren, die zu einer gerechten Lebensweise verhelfen sollen.

Rabbi Schimon Bar Jochai lehrt uns: »Das Alter ist eine Krone der Schönheit, die auf den Wegen der Gerechtigkeit zu finden ist.« Ferner: »Die Schönheit der Jugend ist ihre Stärke, und der Ruhm der Weisen ist ihr Alter.« Und: »Die Krone der Weisen sind ihre Enkelkinder, und die Schönheit der Kinder sind ihre Väter« (Sprüche der Väter 6,8).

Interpretation Zweifellos bietet dieser Text viel Raum für Interpretation, besonders deutlich aber wird, wie sehr die Jugend und das Alter miteinander verwoben sind und sein sollen. So verwoben wie der Begriff der Generationensolidarität: Die Alten sollen ihre Weisheit und Erfahrung mit den Jungen teilen und die Jungen die Alten durch ihre Kraft und Vitalität stützen.

In der heutigen Krisensituation gelten zwar Abstandsregeln, aber die Herzen der Menschen rücken näher zusammen. Es entstehen zahlreiche Initiativen wie beispielsweise die von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) gestartete Aktion #WeCare, bei der junge Menschen bundesweit ihre Hilfe anbieten können.

Es werden Einkäufe getätigt oder Kinderbetreuungen geregelt – ausgeholfen wird, wo der Bedarf besteht. Es entstehen Nachbarschaftsinitiativen, Telefonpartner­schaften und Online-Formate – viele Angebote gegen die Einsamkeit in der Isolation.

Zurzeit finden die jungen Menschen leider zu wenig Gehör.

Aus dem anfangs zitierten Text lernen wir jedoch auch, dass die Jugend prosperieren soll. Sie soll die Möglichkeit der Entfaltung, des Lernens und Wachsens haben. Hierbei sehen wir uns heute allerdings vor eine enorme Herausforderung gestellt.

SChulen Die Schulen bleiben weiterhin geschlossen – mit regionalen Ausnahmen, wo Abiturienten, die ohnehin unter psychischer Belastung stehen und nun noch mehr um ihre Prüfungen bangen, zur Schule gehen sollen. Studierenden bleibt der Zugang zur Fakultät und Bibliothek weiterhin untersagt.

Womöglich verzögert sich das gesamte Studium, die Finanzierungsfrage bleibt ungeklärt. Viele junge Familien sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Wo bleiben denn hier die Initiativen? Wo bleibt die Förderung der zukünftigen Ärzte, Virologen, Juristen, Politiker, Handwerker und Kindergärtner?

Generationensolidarität bedeutet auch, jungen Menschen einen bestmöglichen Weg zu ebnen. Kinder aus sozial schwachen Familien dürfen nicht vernachlässigt werden. Die Unterstützung durch die Schule, die gebraucht wird, muss zur Verfügung stehen.

Heute sind wir dankbar für alle Helfer in dieser Krisenzeit. Die Helfer von morgen können aber nicht zur Schule gehen oder müssen unter unzumutbaren Umständen ihre Lehre oder Ausbildung beenden.

»Die Schönheit der Jugend ist ihre Stärke, und der Ruhm der Weisen ist ihr Alter«: Junge Menschen sind weniger gefährdet, sich mit dem Virus zu infizieren – es sind insbesondere Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Sie sollten dauerhaften Schutz erhalten, die Jungen dafür mehr Freiraum.

Risikogruppen Denn Freiheit bedingt Kreativität, Ideenreichtum und Wachstum. Überregulierungen schaffen das Virus nicht aus der Welt. Es geht nicht darum, Risikogruppen aus der Gesellschaft zu verbannen. Das ist nicht der richtige Weg, um Schülern und Studenten ihre Lehre zu ermöglichen. Aber es muss darum gehen, wie man eigenverantwortlich und vernünftig mit der Ansteckungsgefahr umgeht.

Aus unserer moralischen und religiösen Überzeugung heraus lernen wir Respekt vor dem Alter. Das kann heute ein Einbeziehen in die digitale Welt bedeuten oder Hilfe anzubieten, wo sie gebraucht wird.

Es kann nicht sein, dass sich Hochschulen mit Online-Formaten überfordert fühlen.

Vielleicht ist die Corona-Krise aber auch ein guter Zeitpunkt, um Deutschland den Modernisierungsschub zu verpassen, den es dringend braucht. Es kann nicht sein, dass sich im Jahr 2020 Hochschulen mit Online-Formaten überfordert fühlen oder Schulen von Digitalisierung noch nichts wissen.

Unsere Gesellschaft hat in wenigen Jahrzehnten einen rasanten Fortschritt erzielt. Das ist eine sehr positive Entwicklung, die weitergehen muss – in allen Themenfeldern. Und es sind die heutigen jungen Menschen, die dieses Land voranbringen werden.

Digitalisierung Gerade die Jungen fühlen sich in der digitalen Welt zu Hause. Ihre Kompetenzen auf diesem Gebiet zu fördern und auszubauen, ist für den Arbeitsmarkt der Zukunft elementar und wichtig. Doch das müssen die Schulen und Universitäten anbieten können.

Vorsicht und Vernunft müssen weiter oberste Priorität haben, das Leben muss aber weitergehen und schrittweise seinen Weg zur Normalität zurückfinden. Hier muss weitergedacht werden, und die Politik muss Lösungen vorschlagen.

In Krisenzeiten rücken die Menschen näher zusammen, wenn auch auf Distanz. Wie steht es also um die Generationensolidarität? Unsere Gesellschaft besteht aus Jung und Alt, deren Bedürfnisse und Sorgen gleichermaßen Beachtung finden müssen.

Zurzeit finden die Jungen leider zu wenig Gehör. Es braucht mehr junge Perspektiven im gesellschaftspolitischen Geschehen. Denn die Jugend ist nicht nur die Zukunft, sie ist auch die Gegenwart.

Die Autorin ist Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

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