Porträt

»Wenn et Trömmelche jeht«

Wenn et Trömmelche jeht», werde ich nervös, denn dann wird gefeiert. Das Schlagen der dicken Trommel steht für die Fünfte Jahreszeit und markiert den Beginn des Straßenkarnevals an Weiberfastnacht – oder Wieverfastelovend, wie wir Kölner sagen. Eine verrückte Zeit, in der ich natürlich bis Aschermittwoch unterwegs bin.

Ich habe das Karnevalsgen. Ich bin nicht nur in Köln geboren, sondern auch während der jecken Zeit im Februar zur Welt gekommen. Ich kann mir nicht vorstellen, hier zu sein und nicht Karneval zu feiern. Die Trommel erzeugt eine Vibration, ein Grundgefühl. Den tollen Tagen kann sich in Köln keiner entziehen, das merken auch jene, die hier leben, aber ursprünglich nicht aus dem Rheinland stammen.

kamelle Seit acht Jahren bin ich Mitglied eines Traditionskorps. Die «Kölner Funken – Artillerie blau-weiß von 1870», so unser offizieller Name, eröffnen den Rosenmontagszug «de Spetz», das karnevalistische, kilometerlange Defilee durch Kölns Innenstadt. Hunderttausende stehen dann am Straßenrand, singen kölsche Lieder, schunkeln, tanzen und rufen «Kamelle!», die während des Umzugs von uns geworfen und verteilt werden.

Unsere Uniformen sind blau-weiß, die Farben Israels. Das macht mir die Blauen Funken zusätzlich sympathisch. Dazu trage ich schwarze Schaftstiefel. Auf meinem «Waffenrock» mit Rückschwänzen und weißen Ärmelaufsätzen befindet sich das Apothekerzeichen, denn ich bin Generalapotheker im Range eines Majors. Außerdem trage ich einen Dreispitz mit üppigem Federbusch. Beim «Zoch» fahre ich auf einem eigenen Wagen mit, der Apotheke.

Der Generalapotheker und der Generalpostmeister sind zwei wichtige Funktionen innerhalb des Vereins. Beide Posten haben einen besonderen, nicht unerheblichen finanziellen Beitrag zum Vereinsleben zu leisten. Ich mache das, weil ich es mir als Inhaber eines Autohauses erlauben kann, und weil mir die Funken stark ans Herz gewachsen sind.

Der Karneval ist halt mein persönliches Hobby. Der schönste Aspekt dabei ist natürlich, dass man als Generalapotheker einen eigenen Wagen im Kölner Rosenmontagszug hat. Ein herrlicher Wagen, der so geräumig ist, dass ich Freunde mitnehmen kann. Gemeinsam durch die enge Severinstraße zu fahren, wo der Umzug beginnt, ist das Schönste, was man sich vorstellen kann, ein Sahnehäubchen für jeden Jecken.

Mein Vater ist schon seit mehr als zwei Jahrzehnten Mitglied der Blauen Funken. Durch ihn hatte ich an meinem 30. Geburtstag die Gelegenheit, auf dem Senatswagen mitzufahren. So kam der Kontakt zustande. Später wurde mir dann die aktive Mitgliedschaft als Generalapotheker angetragen. Wer einmal im Rosenmontagszug mitgegangen ist, der kommt davon nur noch schwer los. Es ist ein herausragendes und ganz besonderes Erlebnis.

familie Inzwischen ist die ganze Familie Levy beim Karneval aktiv. Meine Frau, eine Berliner Jüdin, hat zwar keine Karnevalsgene, aber so langsam findet sie daran auch Gefallen. Sie hat mittlerweile daran Spaß, das eine oder andere Mal zu Veranstaltungen des Korps mitzugehen. Meine Tochter erst recht: Sie ist dreieinhalb Jahre alt und kann schon die verschiedenen Funkenkorps an ihren Farben unterscheiden. In einem Jahr ist sie alt genug für die Kindertanzgruppe unseres Vereins – dann wird auch sie eine Uniform bekommen.

In die Wiege gelegt wurde mir der Karneval eigentlich nicht. Meine Großeltern haben die Schoa durch ihre Flucht nach Argentinien überlebt. Dort wurde auch mein Vater geboren. Später sind sie nach Köln gezogen, wo meine Eltern sich dann kennengelernt haben. Ich bin also ein richtiger Kölsche Jung.

In meiner Jugend war ich in der jüdischen Gemeinde sehr aktiv. Machanot, Barmizwa und die Hohen Feiertage – das volle Programm eben. Ich komme aus einem traditionellen jüdischen Haus. Zum Schabbateingang sitzen wir zusammen, an den Feiertagen sind wir in der Synagoge. Der Freitagabend gehörte und gehört immer der Familie. Das gilt auch am Karnevalsfreitag.

Am Karnevalssamstag mache ich allerdings eine Ausnahme. Dann ist nämlich das öffentliche Funkenbiwak der Roten Funken. Mitten auf dem Neumarkt. Und außerdem ist einer meiner besten Freunde aus der jüdischen Gemeinde auch Mitglied der Roten Funken. Da bin ich nur allzu gerne sein Gast. In der Gemeinde hat keiner damit ein Problem.

Im Elternheim der Synagogen-Gemeinde Köln findet seit einigen Jahren eine Karnevalssitzung statt. Im vergangenen Jahr haben die Blauen Funken die jecke Regentschaft aus Prinz, Bauer und – männlicher – Jungfrau gestellt, das kommt alle Jahrzehnte nur ein Mal vor. Da sind wir Blaue Funken in Uniform zusammen mit dem Dreigestirn aufgezogen, haben gesungen und getanzt. Die Besucher der Sitzung im Elternheim wussten, dass unter uns auch jüdische Mitglieder waren. Das war ein tolles Gefühl, dort bei den Senioren einzuziehen, ein Stück gelebte Normalität.

Jeck Wir jüdischen Karnevalisten sind ganz offen «jeck». Auch deshalb, weil wir wissen, woher wir kommen und wer wir sind. Es gibt eine Reihe von Gemeindemitgliedern, die wie ich Mitglied in einem Traditionskorps oder in einem anderen Karnevalsverein sind. Das hat sich in den letzten Jahren verstärkt, und inzwischen hat man einen unverkrampfteren Umgang damit.

Ich weiß natürlich um die zutiefst antisemitischen Karnevalswagen in den frühen 30er-Jahren. Aber das sollte man vom Heute trennen. Mir ist es zu einfach zu sagen: Weil diese schreckliche Zeit auch den Karneval durchdrungen hatte, darf man nicht mehr feiern. Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob man im diesem Land nach der Schoa noch leben kann. Ich fühle mich als gut integrierter jüdischer Bürger Kölns. Ich sitze nicht auf gepackten Koffern, mein Karnevalskostüm ist ausgepackt.

Insofern ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, Karneval zu feiern. In meinem Verein treffe ich ausschließlich auf tolerante Karnevalisten, die ein sehr großes Feingefühl haben. Jeder dort weiß, dass ich Jude bin, schlechte Erfahrungen habe ich deswegen noch nie gemacht. Das Festkomitee des Kölner Karnevals arbeitet zurzeit mit der Synagogen-Gemeinde zusammen, um über den Karneval während der Schoa zu sprechen. Generell hat das Komitee einen engen Draht zur Gemeinde. Mit dem Senat der Blauen Funken haben wir auch schon einmal die Gemeinde in der Roonstraße besucht und eine Führung durch die Synagoge gemacht.

traum Fast wäre es mir vor einigen Jahren mal gelungen, den damaligen Rabbiner für den Rosenmontagszug zu gewinnen. Aber es gab doch Bedenken innerhalb der Gemeinde. Für mich wäre es ein ganz tolles Bild gewesen: der Rabbiner der Kölner Gemeinde beim Fastelovendszoch auf einem Wagen der Blauen Funken!

Ein anderer Traum von mir ist ein jüdischer Karnevalsverein. Ich fände es toll, wenn wir als jüdische Gemeinde eine richtige kölsche Sitzung feiern würden. Solch eine Gruppe könnte hervorragend zur kölschen Brauchtumspflege beitragen. Aber auch so weiß ich, etwa wenn ich die Posts von jüdischen Gemeindemitgliedern nach den Spielen des FC Köln lese: Die Stadt ist längst im Herzen der Juden angekommen.

Aufgezeichnet von Hans-Ulrich Dillmann.

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