Thüringen

Wenn das Gespür für Geschichte fehlt

Können Profi-Radsportler bei Maximalpuls der Ermordeten gedenken? Foto: picture alliance / Augenklick/Roth

Der Aufschrei war groß. Die zweite Etappe des vom 26. bis 29. August geplanten Radrennens »Deutschland Tour« soll vom sachsen-anhaltinischen Sangerhausen ins thüringische Ilmenau führen. Auch Weimar und Umgebung waren als Teil der Strecke vorgesehen: Die Organisatoren wollten die Profi-Radsportler unter anderem von Hottelstedt am Fuße des Ettersberges hoch auf den Parkplatz der Gedenkstätte Buchenwald schicken.

Dort sollte es eine Bergwertung geben, ehe es auf der knapp fünf Kilometer langen, 1938/39 von KZ-Häftlingen errichteten »Blutstraße« bergab nach und durch Weimar gegangen wäre.

Nach zahlreichen Protesten, unter anderem vom Zentralrat der Juden in Deutschland, der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen sowie Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD), wird die Strecke nicht mehr quer durch die Gedenkstätte gehen.

GRÄBER Doch für ein Aufatmen sorgt die Situation nicht. Bis zur veränderten Streckenführung hatte der Veranstalter jede Menge Ausflüchte gesucht und kaum gefunden. »Es war doch eine bewusste Entscheidung für diese Straße und Anlass für eine gewollte Erinnerung«, argumentierte zum Beispiel Tour-Pressesprecher Stefan Flessner gegenüber der Jüdischen Allgemeinen.

Schon seit einem Jahr sei die Strecke bekannt gewesen. Zudem sei dies eine öffentliche Straße, auf der sonst ganz normal der Verkehr rolle. Nicht zuletzt hätte dieses Rennen doch nur entlang der Gedenkstätte stattgefunden.

Die Gedenkstätte Buchenwald wurde nicht in die Planung der Etappe einbezogen.


Die »Blutstraße«, an deren Rand sich in den Wäldern zahllose Gräber ermordeter und gestorbener Häftlinge befinden, gehört indes unmittelbar zur Gedenkstätte Buchenwald und führt keineswegs nur an ihr entlang.

»Eben deshalb ist die Wahl der ursprünglichen Strecke vollkommen inakzeptabel«, sagt Rikola-Gunnar Lüttgenau, Pressesprecher der Gedenkstätte. Man habe erst Mitte Juli durch eine E-Mail an alle Anrainer dieser Straße von der Streckenführung erfahren »und noch am selben Tag natürlich Protest eingelegt und um Verlegung gebeten«.

GESPÜR »Bei der Planung der Strecke haben sowohl Verantwortliche der Stadt Weimar als auch der Veranstalter jegliches Gespür für die Geschichte vermissen lassen«, betonte Zentratspräsident Josef Schuster. Eine Radtour dort entlang zu führen, sei pietätlos gegenüber den Opfern.

Auch Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, reagierte empört auf die angekündigte Route: »Das Event geht über die ›Blutstraße‹ vorbei an Massengräbern und Mahnmal.« Es reiche der gesunde Menschenverstand, dass das nicht der richtige Ort dafür sei. Die Gedenkstätte sei nicht in die Planung der Etappe einbezogen worden.

Dort findet man es bedauerlich, dass die Macher der »Deutschland Tour« nicht vorher zu einem Gespräch eingeladen haben. »So hätte es Platz und Raum für einen gesellschaftlichen Diskurs geben können, der natürlich eine historische Auseinandersetzung voraussetzt«, erklärt Lüttgenau.

Stattdessen bleibt trotz veränderter Strecke ein schaler Beigeschmack. Wenigstens haben die Tour-Macher sofort nach dem Einspruch der Gedenkstätte die Bergwertung auf dem Parkplatz der Gedenkstätte gestrichen.

Trotz veränderter Strecke bleibt ein schaler Beigeschmack.

Für Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, sind die »Deutschland Tour« und die Gedenkstätte Buchenwald zwei verschiedene Dinge, die man keinesfalls verbinden sollte. »Beides zu vermischen, das ist nicht in Ordnung. Weimar war nicht nur die Stadt von Goethe und Schiller«, so seine Mahnung.

Die »Deutschland Tour« sei kommerziell und habe so gar nichts mit Buchenwald zu tun, wozu auch die »Blutstraße« gehöre. »Es ist gut, dass die Strecke nach zahlreichen Protesten geändert wurde.« Offensichtlich hätten die Macher eingesehen, dass man Geschichtsvergessenheit korrigieren müsse.

Thüringens Landesrabbiner Alexander Nachama zeigt sich betroffen: »Ich kann nicht verstehen, warum die Veranstalter überhaupt erst die Straße in Erwägung gezogen haben.« Man hätte sich einfach mit der Gedenkstätte in Verbindung setzen können. Und vor allem hätte man auch aus sich heraus abwägen müssen, wo man solch eine Tour entlangführt.

GENEHMIGUNG »Ich kann nicht verstehen, warum die Stadt Weimar dieser Streckenführung zugestimmt hat«, zeigt sich auch Martin Kranz irritiert. Der Intendant der Achava-Festspiele ist gerade aus Budapest zurückgekehrt, wo er für das Festival ein Interview mit der Auschwitz- und Buchenwald-Überlebenden Éva Pusztai-Fahidi aufgenommen hat. »Weimar hätte sensibler reagieren müssen, als es um die Genehmigung der Strecke ging«, ist er überzeugt.

»Instinktlos« nennt Andreas Schmitges, Musiker und Kurator des Yiddish Summer Weimar 2019, die Streckenführung durch Thüringen.

Thüringens Landesrabbiner Alexander Nachama zeigte sich betroffen.

Als sie von der geplanten Strecke erfährt, erinnert sich Éva Pusztai-Fahidi sofort an die Zeichnung eines französischen Häftlings, auf der die »Blutstraße« mit Häftlingen zu sehen ist. Sie äußert einen Vorschlag, wie diese Straße in die Streckenführung hätte einbezogen werden können: »Alle Fahrer steigen ab und gehen die ›Blutstraße‹ entlang«, so ihr Vorschlag.

GEDENKEN Dass das nicht geht, weiß sie sicher ebenso wie die Organisatoren. Aber es zeigt, dass es möglich wäre, Sport und Gedenken miteinander zu verbinden.

Das beweist seit Jahren übrigens auch die Gedenkstätte Sachsenhausen. Dort findet am 1. Mai ein Gedenklauf statt. Wer sich anmeldet, erhält eine Rose, die abgelegt wird. Der Bürgermeister der Stadt Oranienburg spricht über die Gedenkstätte, die Blumen werden vor dem Mahnmal niedergelegt. Doch das ist keine kommerzielle Veranstaltung.


Inzwischen sind die Organisatoren der »Deutschland Tour« peinlich berührt, dass derlei Diskussionen das Vorfeld der Profi-Radtour bestimmen. Das sei nicht gewollt gewesen, versichern sie. Sie hätten aber, so Pressesprecher Stefan Flessner, natürlich im Vorfeld der Berichterstattung zum Radrennen auf die Bedeutung der Gedenkstätte hingewiesen.

Dass Profi-Radsportler in der Lage gewesen wären, bei Maximalpuls auf dem Parkplatz der Gedenkstätte zu stoppen und der Ermordeten zu gedenken, erscheint jedoch unwahrscheinlich.

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