Würzburg

Weg der Erinnerung

Zentralratspräsident Josef Schuster (2.v.r.) mit Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (3.v.r.) zu Gast in der David-Schuster-Realschule Foto: Michel Mayr

Zu einem echten Blitzlichtgewitter fehlte noch ein wenig, doch herrschte sichtbar großes Medieninteresse an diesem Freitagvormittag in Würzburg. Und nicht nur bei der Presse, auch vonseiten der Politik war die Beachtung deutlich erkennbar.

Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) und Staatssekretärin Anna Stolz sowie die dritte Bürgermeisterin Judith Roth-Jörg waren gekommen, zudem der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Grund hierfür war unter anderem ein Vortrag über ein neues Projekt der Schule, das sich mit einem Thema befasst, das stets aktuell ist: Erinnerungskultur.

vortrag Diesen Vortrag hält Dieter Schanzer, Schulleiter der Realschule und gleichzeitig Initiator des Projekts. Er sitzt an einem Ende der U-förmigen Anordnung, als der Projektor ein Bild neben ihm auf die Leinwand projiziert.

Was die Zuschauenden zu sehen bekommen, ist eine Szenerie in Schwarz-Weiß. Eine große Gruppe Menschen entfernt sich von der Kamera entlang einer Allee, die Sonne scheint, die Bäume werfen lange Schatten. Es geht vorbei an Wohnhäusern, Vorgärten und Passanten. Die Menschen tragen dicke Kleidung, Mäntel, Jacken, Hüte und Taschen. Im Vordergrund des Bildes betrachtet ein Mann in Uniform den Marsch, daneben ragt ein geschultertes Gewehr in den Bildrand. Es wird klar: Die Menschen auf dem Bild, sie gehen hier nicht freiwillig.

Es ist eine Aufnahme aus dem April 1942, offiziell angefertigt und archiviert von der Gestapo. Sie zeigt einen Moment während der dritten Deportation von Jüdinnen und Juden aus Würzburg. Bei den insgesamt neun Deportationen zwischen November 1941 und Dezember 1944 wurden nach derzeitigem Wissensstand 2069 Juden aus Unterfranken verschleppt – lediglich 63 von ihnen überlebten.

Formen Nun steht das Bild für das Erinnern und auch für die Frage, welche Formen der Erinnerungskultur zukünftig an Schulen praktiziert werden sollen. An der David-Schuster-Realschule in Würzburg hat man sich für einen besonderen Weg entschieden: Die auf die Einleitung folgende Präsentation ist am 28. November 2022 allen Schülern nahezu zeitgleich im Unterricht gezeigt worden. Exakt an jenem Tag waren 81 Jahre zuvor zum ersten Mal Juden aus Würzburg deportiert worden.

Vergangenen Freitag begaben sich im Anschluss an die simultanen Präsentationen einige Schüler mit Schulleiter Schanzer auf den »Weg der Erinnerung« durch Würzburg. Auf diesem Weg besucht man fußläufig fünf Stationen, die eigens Momente dieser Zeit an den originalen Orten veranschaulichen. Als direkte Folge auf die Präsentation entsteht so fast eine Interaktion mit der Geschichte. »Mit großer Ernsthaftigkeit« sei diese Begehung von den Teilnehmenden aufgenommen worden, so der Schulleiter.

Sein Vater wäre begeistert gewesen, ist sich Josef Schuster sicher.

Wie er auf diese Idee gekommen sei? »Wenn man sich den jüngsten Bericht des Verfassungsschutzes durchliest, in dem es heißt, der Antisemitismus sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dann muss man sich solchen Herausforderungen stellen.« Kurz nachdem Schanzer dies gelesen hatte, dachte er: »Man darf sich nicht einschüchtern lassen« und begann, ein Konzept zu erarbeiten.

Wo solle man ansetzen, wenn nicht bei der Jugend, bei unserer Zukunft, fragte der Schulleiter weiter. Dass man sich dafür entschieden hat, die Vorträge in den einzelnen Klassen zu halten, anstatt in einer großen Veranstaltung, hat für Schanzer den Vorteil, dass es so eine individuellere Wirkung auf die Rezipienten haben kann. Ein Austausch der Schülerinnen und Schüler nach dem gemeinsamen, aber nach Klassen getrennten Vortrag könnte das Erlebte zudem vertiefen.

Werte »Erinnerungskultur ist Werte­arbeit«, kommentiert Bayerns Kultusminister Michael Piazolo im Anschluss an den Vortrag und verweist auf die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag. Man habe neben der gesellschaftlichen Verantwortung auch eine politische, womit er das Wort direkt an den Wertebotschafter der Schule abgibt – Justus Reißweber. Dieser betont, er sei seit seiner Wahl zum Wertebotschafter auf breite Unterstützung gestoßen, auch und gerade beim Thema Erinnerungskultur. »Das Thema ist sehr komplex und gerade für die Jüngeren nur schwer verständlich.«

Die Wertebotschafter wurden im Schuljahr 2018/19 erstmals eingeführt und sollen junge Menschen dafür gewinnen, aktiv für ein Miteinander in der Gesellschaft einzutreten, das von Respekt und Zivilcourage geprägt ist.

Die Kombination aus digitaler Verfügbarkeit, simultanen Vorträgen und aktiver Begehung des Erinnerungswegs durch die David-Schuster-Realschule findet auch bei Josef Schuster Zustimmung.
Die Real­schule wurde 2003 nach seinem 1999 verstorbenen Vater benannt, der sich zu seinen Lebzeiten für die jüdische Gemeinde in Würzburg, für Toleranz und Werte eingesetzt hatte. »Mein Vater hat zwar die Digitalisierung als solche nicht mehr miterlebt, allerdings war er sehr aufgeschlossen für technische und angewandte Neuerungen, er wäre sicherlich begeistert gewesen«, so Schuster.

Auf die Frage, ob Erinnerungskultur gerade in Hinblick auf aktuelle Entwicklungen wichtiger als jemals zuvor sei, bejaht und ergänzt er, dass gegen Antisemitismus drei Dinge am wichtigsten sind: »Bildung, Bildung und nochmal Bildung – und damit kann man nicht früh genug beginnen.«
Eine Haltung, die wohl viele der Anwesenden mittragen würden. Und so bleibt abzuwarten, ob dieses Projekt sprichwörtlich weiter Schule macht.

www. david-schuster-realschule.de

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