Bildung

Was jetzt zu tun ist

Problem der Gemeinden: Jüdische Kindergärten, Grundschulen und Gymnasium sind voll. Aber in der Synagoge herrscht oft gähnende Leere. Foto: Rafael Herlich

Bildung

Was jetzt zu tun ist

Eine Diskussion in Berlin über Versäumnisse, Angebote und jüdische Pluralität in den Gemeinden

von Ralf Balke  07.02.2017 20:20 Uhr

Heiße Eisen sind dazu da, angefasst zu werden. Mit dieser Einstellung kamen rund 40 Vertreter aus zahlreichen großen wie auch kleineren Gemeinden aus ganz Deutschland in Berlin zusammen, um Antworten auf die Frage zu finden, die wohl allen auf den Nägeln brennt: Wie schaffen wir es, wieder attraktiver zu werden? Schließlich sprechen die Fakten eine klare Sprache. »Von über 107.000 im Jahr 2005 auf aktuell knapp unter 100.000 sank die Zahl der Mitglieder jüdischer Gemeinden«, bringt es die Soziologin Esther Weitzel-Polzer auf den Punkt. »Was können die Ursachen für diese Entwicklung sein, die uns doch alle betrifft?«, fragte die langjährige Expertin für jüdische Sozialarbeit und Dozentin an der Fachhochschule Erfurt.

Damit berührte sie zugleich den Kern des Problems: Viele Gemeinden sind immer noch auf der Suche nach der richtigen Balance, sowohl ein Ort zu sein, an dem Religion gelebt wird, als auch ein moderner Dienstleister für soziale und kulturelle Belange. »Wir brauchen deshalb dringend Strategien, um die Bedürfnisse jüdischer Menschen besser identifizieren zu können und sie dann in unsere konkrete Arbeit mit einfließen zu lassen. Das erfordert aber ebenfalls von uns ein hohes Maß an Professionalität und Transparenz.« Nur so kann ihrer Einschätzung nach Judentum in Deutschland nachhaltig gelebt und gestaltet werden.

Mitgliederschwund Dabei stehen die jüdischen Gemeinden mit ihren Problemen nicht alleine. Wie Weitzel-Polzer erklärt, verzeichnen die beiden christlichen Religionsgemeinschaften gleichfalls kräftigen Mitgliederschwund. »Für die Anhänger der Theorie einer zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft gilt das als ein Beweis für die unaufhaltsame Verfestigung nichtreligiöser Lebensformen.« Zwar gibt es auch große und weiterhin sehr erfolgreiche Gemeinden. »Ein gutes Beispiel dafür ist Frankfurt am Main«, betonte Doron Kiesel. »Dennoch müssen wir uns überlegen, wie die verschiedenen Zielgruppen angesprochen werden können«, so der Wissenschaftliche Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrate der Juden in Deutschland.

Unterschiedliche Altersgruppen, Zuwanderer aus der Ex-UdSSR sowie Alteingesessene und neuerdings auch die vielen Israelis, die in Deutschland leben – sie alle unter einen Hut zu bekommen, das sei die eigentliche Zukunftsaufgabe. »Es geht dabei um nichts Geringeres als die Frage der jüdischen Pluralität.« Wichtig ist Kiesel in allererster Linie die Schaffung eines neuen Bewusstseins. »Wir müssen die Vielfalt des jüdischen Lebens hierzulande als eine Chance begreifen, um unserem Ziel, der Stärkung der jüdischen Community, ein Stück näherzukommen und mehr Profil zu gewinnen.«

Generationsübergreifend
Bemerkenswert war übrigens die demografische Zusammensetzung des Seminars. Man sah vor allem junge Gesichter. »Da besteht ganz offensichtlich ein generationenübergreifendes Interesse am Meinungsaustausch und den Erfahrungen der anderen«, freut sich Kiesel. Genau deshalb kam auch Giora Zwilling nach Berlin. »Ich möchte wissen, wie anderswo mit den Problemen des Mitgliederschwunds oder der mangelnden Bereitschaft, ehrenamtlich tätig zu sein, umgegangen wird«, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Minden. Für ihn ist die Tatsache, dass vor allem jüngere Juden aus kleineren Orten wegziehen, nur ein Spiegelbild der generellen demografischen Entwicklung in Deutschland – und nicht nur ein spezifisch jüdisches.

Michael Rubinstein, Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, dagegen verwies auf die Situationen in den Großstädten. »Der jüdische Kindergarten, die jüdische Grundschule und das jüdische Gymnasium sind voll. Aber in der Synagoge herrscht oft gähnende Leere.« Das sei geradezu symptomatisch für die von einigen Teilnehmern des Seminars beklagte »Kultur des Nehmens«.

Da sei dringend ein Mentalitätswandel erforderlich. Wie dafür die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden können, das wurde leidenschaftlich und kontrovers diskutiert. In Anlehnung an den berühmten Satz von John F. Kennedy empfahl Weitzel-Polzer dabei: »Frage nicht, was deine Gemeinde für dich tun kann. Frage, was du für deine Gemeinde tun kannst.« Ralf Balke

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