Berlin

»Wahrzeichen der Stadt«

Von der Kuppel aus kann man fast alles sehen, was auf der Oranienburger Straße und im Innenhof der Neuen Synagoge – Centrum Judaicum passiert. Die Straße ist an diesem Sonntag abgesperrt, sogar die Tram fährt nicht, nur Fußgänger können auf der einen Seite passieren, während auf der anderen Straßenseite Sicherheitskontrollen durchgeführt und per Lautsprecher die Gesänge, Ansprachen und Lesungen übertragen werden. Es ist Tag des Offenen Denkmals, und die Neue Synagoge hat die Türen geöffnet, gemäß dem Prophetenspruch »Tuet auf die Pforten«, der über dem Eingang in Goldbuchstaben glänzt.

Vor 150 Jahren wurde die größte und prächtigste Synagoge Deutschlands eingeweiht, die später von den Nazis geschändet, von Fliegerbomben zerstört und deren Vorderhaus vor etwa 30 Jahren restauriert wurde. Darin ist nun seit mehr als 20 Jahren Die Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum untergebracht – mit Museum und Archiv, der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Kulturzentren.

narben Gegen 15 Uhr waren bereits fast 3000 Interessierte gekommen, unter ihnen Politiker wie Petra Pau (Die Linke), Vizepräsidentin des Bundestages, der israelische Gesandte Avraham Nir-Feldklein, Rabbiner, Gemeindemitglieder, Berliner und Touristen. So auch Marlene Kaltwasser aus Würzburg. Die 22-jährige Architekturstudentin will sich an diesem Tag viele Denkmäler anschauen, in die sie »sonst so nicht hineinkommt«. Von dem Haus an der Oranienburger Straße ist sie begeistert. »Was für ein schöner Bau, der maurische Stil gefällt mir«, sagt sie. Sie hat sich bereits Etage für Etage nach oben zur geöffneten Kuppel hochgearbeitet. Interessant findet sie den heutigen Betsaal.

Vor allem aber gefällt ihr der historische Saal, in dem früher die Repräsentantenversammlung tagte, und natürlich die Dauerausstellung in den Räumen der Vorderfront, in der Geschichte präsentiert wird. »Und dann kommt so jemand wie Hitler und macht alles und alle kaputt«, sagt sie traurig und nachdenklich.

»Gedenken ist ein Teil des Nachmittags überschrieben«, sagt Anja Siegemund, Direktorin des Centrum Judaicum, bei ihrer Ansprache im Innenhof, wo früher der Hauptteil des Gotteshauses stand. Geschichte und Gegenwart des jüdischen Lebens stünden an dieser Adresse nebeneinander, denn hier gebe es heute viel jüdisches Leben. »Aber die ›Narben der Geschichte‹, wie mein Vorgänger Hermann Simon sagt, sind sichtbar«, so die Stiftungsdirektorin.

gemeinde »Wir können mit Stolz und Freude zurückschauen«, betont Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), der sich kurz davor interessiert das ganz Haus angeschaut hat. Das Centrum Judaicum zähle mittlerweile zu »einer der wichtigsten jüdischen Einrichtungen«. Gleichzeitig stehe die Synagoge als Mahnung da, dass Ausgrenzung und Antisemitismus immer wieder verhindert werden müssen. »Jüdisches Leben und die Kultur gehören zu Berlin«, so Müller. Und die Goldene Kuppel sei in seinen Augen ein Wahrzeichen der Stadt.

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, hofft, dass eines Tages das Haupthaus der Synagoge wiederaufgebaut werden könne. Derzeit zählte die Berliner Jüdische Gemeinde 10.000 Mitglieder, aber er wünsche sich, dass sie weiter wachsen und somit eine große Synagoge wieder notwendig werde.

Die Stühle reichen an diesem Tag nicht aus, um allen Zuhörern eine Sitzgelegenheit zu bieten, so viele wollen den Ansprachen, Lesungen und Workshops lauschen und den Chören zuhören. Denn in Kooperation mit dem Louis-Lewandowski-Festival und dem Abraham Geiger Kolleg gestalten Chöre und Kantoren aus Berlin und London ein musikalisches Programm, das sich an die Tradition von Louis Lewandowski, seinerzeit Kantor der Neuen Synagoge, anlehnt.

schofar So treten nach dem Weckruf des Schofars von Rabbiner Jonah Sievers erst Kantoren auf, später das Synagogal Ensemble Berlin, der Chor und Jugendchor der Belsize Square Synagogue London und der Jugendchor der Synagoge Pestalozzistraße. Sie singen Kompositionen, die seinerzeit auch bei der Eröffnung 1866 erklangen, ebenso wie Werke des Komponisten Lewandowski, der die Liturgie geprägt hat und dessen Literatur in vielen Ländern lebendig gehalten wird – auch in London.

Berlins Kantor Isaac Sheffer hat besonders viel zu tun, da am Sonntagmorgen sein Belsizer Kollege Kantor Paul Heller prompt heiser wurde und nicht singen konnte und Sheffer somit auch seine Parts übernimmt. Im Haus werden unterdessen Führungen und Filmvorführungen angeboten. Ebenso stellen sich Rabbiner den Fragen der Besucher.

Zum Abschluss des Jubiläumsfestes präsentieren die Synagogalensembles Hits der Synagogalmusik aus den letzten 150 Jahren unter dem Titel »And the beats goes on« – ein »rundum gelungenes Jubiläumsfest«, freut sich Stiftungsdirektorin Anja Siegemund.

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