Niedersachsen

»Vorbilder für Dialog und Verständigung

Es war eine doppelte Ehrung für zwei ganz besondere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Niedersachsen: Rabbiner Gábor Lengyel und Yazid Shammout, Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde Hannover, haben den Niedersächsischen Verdienstorden erhalten.

Es handle sich um »eine doppelte Ehrung, über die ich mich ganz besonders freue«, betonte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bei der Auszeichnung Ende vergangener Woche. Beide Empfänger »haben sich über viele Jahre in besonderer Weise für den interreligiösen Dialog zwischen Juden und Muslimen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt eingesetzt«, so Weil. Gerade in der aktuellen Situation seien Lengyel und Shammout mit ihrem Handeln »ein Vorbild für Dialog und Verständigung, die unsere Demokratie so dringend braucht.«

DIALOG Seit langer Zeit herrscht zwischen der Jüdischen und der Palästinensischen Gemeinde in Hannover ein reger Dialog. Friedensappelle für den Nahen Osten haben die Gesprächspartner bereits geäußert.

»So etwas gibt es sonst nirgends auf der Welt«, erklärte Weil nach einem Bericht der Hannoverschen Allgemeinen, »und es macht mich stolz, dass es bei uns möglich ist, solche Partnerschaften zu schmieden.« Die Preisträger arbeiteten für Völkerverständigung, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratie.

Gábor Lengyel selbst sagte im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, er sei generell »etwas skeptisch«, wenn es um Orden gehe, habe sich jedoch dennoch gefreut. Viele Freunde seien bei der Ehrungszeremonie im Haus der Landesregierung dabei gewesen. Mit Yazid Shammout bestehe ein persönliches Verhältnis, das im interkulturellen und interreligiösen Dialog entstanden sei.

KRITIKER Der jüdisch-muslimische Dialog in Hannover begann nach Angaben von Rabbiner Lengyel »vor etwa 10 Jahren«. Zunächst fing er an »mit einer muslimischen Freundin, die Theologin ist«, den Koran und die Thora zu lesen »und zu besprechen«. Dieser Austausch sei möglich geworden, da zwei Themen ausgeklammert worden seien, nämlich die Schoa und »das Politische«.

Um diese Themen diskutieren zu können, »muss der Moment reif sein«, so der in Budapest geborene Rabbiner. Er fügte hinzu, er sei ein »harter Kritiker« der Tendenz in Israel, »immer wieder rechts zu wählen.«

Nach der Ehrung sei er »von unserem palästinensischen Freund« mit Familienmitgliedern und Freunden in ein syrisches Restaurant eingeladen worden, sagte Gábor Lengyel. So sei der Anlass gefeiert worden.

FLUCHT Für Rabbiner Lengyel ist es nicht die erste Ehrung dieser Art. Im Jahr 1993 erhielt er das Niedersächsische Verdienstkreuz, diesmal von Gerhard Schröder, einem von Weils prominenten Vorgängern.

Gábor Lengyels Vater Márton war im Verband der Jüdischen Gemeinden Ungarns aktiv, als die Wehrmacht das Land überfiel. Seine Mutter Janka, geborene Stern, wurde ins KZ Ravensbrück deportiert und starb auf dem Weg von dort nach Dachau in einem Viehwaggon.

Der heutige Rabbiner, sein Vater und seine Geschwister überlebten den Holocaust. In den 1950er-Jahren beschloss Lengyel, allein aus dem kommunistischen Ungarn zu fliehen. Über Österreich ging es nach Israel.

Als Mechaniker diente er in der israelischen Armee, bevor er in der Industrie in Tel Aviv arbeitete und 1965 nach West-Deutschland umzog, wo er als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung an der Technischen Universität in Braunschweig studierte.

AUFBAU Ende der 1970er-Jahre wurde Gábor Lengyel sowohl im jüdisch-christlichen als auch im jüdisch-muslimischen Dialog aktiv. Er trug zum Aufbau der Jüdischen Gemeinde Braunschweig bei und war lange in deren Vorstand. Auch der Deutsch-Israelischen Gesellschaft gehörte er an.

Schließlich war er Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover. Im Jahr 2011, im Alter von 70 Jahren, promovierte er. Das Thema: »Moderne Rabbinerausbildung in Deutschland und Ungarn«. Auch als Lehrbeauftragter an der Leibniz Universität Hannover ist Gábor Lengyel weiterhin aktiv, im Alter von 81 Jahren.

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026

Genuss

Küche der Kindheit

Die Foodbloggerin Lena Bakman kocht die bucharischen Gerichte ihrer Großmutter

von Alicia Rust  24.04.2026

Porträt der Woche

Der Landeshausmeister

Alexander Reznitchi ist Afghanistan-Veteran, war Sportlehrer und wurde Techniker

von Brigitte Jähnigen  24.04.2026

Kino

Boxen auf Leben und Tod

Im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage zeigte die Kultusgemeinde die Geschichte des Hertzko (Harry) Haft

von Helen Richter  24.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Musik

Jiddisch und Tango

Ein grandioser Abend mit der Allround-Künstlerin Lea Kalisch

von Nora Niemann  23.04.2026

Berlin

Kontrollzentrum für mehr Sicherheit jüdischer Einrichtungen geplant

Eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung: Der Zentralrat der Juden hat Pläne, um die Sicherheit jüdischer Einrichtungen zu verstärken. Wie es Sicherheitskräften von Synagogen und Co. eigentlich geht, zeigt eine Umfrage

von Leticia Witte  23.04.2026

Leipzig

Schoa-Überlebender Andrei Moiseenko reist für seinen 100. Geburtstag durch Sachsen

Andrei Iwanowitsch Moiseenko wurde im Alter von 15 Jahren als Zwangsarbeiter nach Leipzig deportiert

 23.04.2026