KIgA

Vorbild im Kiez

Das ist ihr Kiez: Seit Aycan Demirel Anfang der 90er-Jahre aus der Türkei nach Berlin gekommen ist, wohnt er in dem Viertel rund um die Graefestraße in Berlin-Kreuzberg. »Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen, irgendwo anders zu leben«, sagt der 50-Jährige. Auch Dervis Hizarci kennt den Graefekiez mit seinen orientalischen Lebensmittelläden, hippen Bars und urigen Kneipen wie seine Westentasche.

Hier und im angrenzenden Neukölln ist er aufgewachsen. »In meiner Jugend gab es hier noch nicht so viele Szenecafés, und die Mieten waren noch bezahlbar«, sagt der 34-jährige gebürtige Berliner mit einem Lächeln.

Antisemitismus Sich im von Gentrifizierung und multikulturellem Miteinander geprägten Kreuzberg politisch zu engagieren, ist den beiden Männern mit türkischen Wurzeln wichtig. Deswegen sind sie in der »Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus« (KIgA) aktiv. »Den Antisemitismus in all seinen Facetten zu erkennen und zu bekämpfen, das ist das Ziel unserer Initiative«, sagt Demirel.

Der aus einer säkular-sozialistischen Familie aus der türkischen Schwarzmeerregion stammende Mann mit dem gepflegten Dreitagebart hat die Initiative 2003 ins Leben gerufen – als eines der bundesweit ersten Projekte überhaupt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Antisemitismus in den migrantischen Communitys zu thematisieren.

Demirel hatte Anfang der 2000er-Jahre als Jugendsozialarbeiter in den Straßenzügen rund ums Kottbusser Tor gearbeitet. Der ihm dabei vor allem von arabisch-muslimischen Jugendlichen, die er seinerzeit betreute, entgegenschlagende Hass auf Juden und Israel schockierte ihn.

»Ganz offen wurde der Holocaust geleugnet, Bewunderung für die Nazis ausgedrückt und gegen Israel gehetzt, es war der blanke Hass. Das hatte ich vorher nicht gekannt«, erzählt er. Gegen den in der arabischen Community grassierenden Antisemitismus, der sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zusehends auch mit islamistischen Untertönen vermischte, wollte Demirel etwas unternehmen. Auch oder gerade weil er das Gefühl hatte, dass die politischen Verantwortlichen in Kreuzberg und im Berliner Senat aus einer falsch verstandenen politischen Korrektheit heraus damals bewusst die Augen vor dem Problem verschlossen hätten.

»Als eine migrantisch geprägte Initiative nutzen wir unsere Kompetenzen, Antisemitismus auch unter muslimischen Jugendlichen zu behandeln. Doch wir möchten nicht nur in der Community, sondern auch in der Gesamtgesellschaft ein Problembewusstsein dafür schaffen«, sagt Hizarci, der hauptberuflich als Lehrer an einer Gemeinschaftsschule arbeitet und seit zwei Jahren Vorsitzender der KIgA ist. Die Initiative hat derzeit 30 fest angestellte Mitarbeiter an insgesamt vier Standorten in Berlin. Das Team setzt sich interdisziplinär zusammen und besteht aus Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Peer-to-Peer Neben Muslimen engagieren sich auch Christen, Juden und Konfessionslose in der KIgA. Die pädagogischen Konzepte der Initiative wie das Peer-to-Peer-Projekt, bei dem junge Muslime an Schulen ihre Altersgenossen über antisemitische Stereotype aufklären und für Toleranz werben, oder ein spezielles Fortbildungsprogramm für Lehrer und Streetworker, werden bundesweit angeboten. Finanziell unterstützt wird die Initiative unter anderem vom Berliner Senat und von dem Bundesprogramm »Demokratie leben«.

Im vergangenen Jahr konnte zudem ein lange geplantes Projekt umgesetzt werden: Mit der Ausstellung »L’Chaim«, die im Herbst im Berliner Abgeordnetenhaus eröffnet wurde und an weiteren Standorten gezeigt werden soll, hat die KIgA eine Schau über das gegenwärtige jüdische Leben in der Bundeshauptstadt entwickelt, die sich durch Untertitel auf Arabisch und Englisch speziell an Jugendliche mit Fluchterfahrung richtet.

Bei allen bildungspolitischen Strategien sei es ein zentrales Anliegen der Initiative, den Antisemitismus nicht als alleiniges Problem einer bestimmten Gruppe darzustellen, erläutert Hizarci, der sich selbst als gläubiger Muslim versteht. »Wir können den Antisemitismus nicht erfolgreich bekämpfen, wenn wir ihn nur als Problem der anderen beziehungsweise der Muslime darstellen«, sagt Hizarci. Nur wenn Judenhass als eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung angesehen wird, könne man auch zielgerichtet dagegen vorgehen. »Wenn wir immer nur mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Muslime als Träger von Antisemitismus zeigen, erreichen wir überhaupt nichts«, mahnt Demirel zur Differenzierung.

maxime Wenn – wie kürzlich in Berlin und anderen europäischen Städten – Teilnehmer von pro-palästinensischen Demonstrationen Israelfahnen verbrennen und antisemitische Slogans rufen würden, seien diese Extremisten nicht repräsentativ für die gesamte muslimische Community. »Ich wünsche mir, dass dieser Fakt stärker in den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung berücksichtigt wird«, sagt Demirel.

Natürlich gebe es unter Muslimen einen sich auch gewalttätig äußernden Antisemitismus, der sich vor allem an der Schablone des Nahostkonflikts abarbeite. Das hätten auch nicht erst die jüngsten Vorkommnisse gezeigt, sagt Demirel mit Blick auf seine Erfahrungen im Kreuzberg der 2000er-Jahre.

»Wir müssen dieses Phänomen thematisieren, aber auf eine zielführende Art und Weise«, meint der KIgA-Gründer. Sonst würde man bloß eine »destruktive Debatte« führen. Der beste Ansatz dafür sei, nicht nur über Muslime zu reden – wie es häufig der Fall sei –, sondern mit ihnen zu sprechen. Das sei für die KIgA leitende Handlungsmaxime. Vor diesem Hintergrund appellierte Demirel auch an die jüdische Gemeinschaft, stärker den Kontakt zu muslimischen Organisationen zu suchen. »Wir brauchen viel mehr Austausch miteinander. Nur so können Ängste abgebaut und Vertrauen geschaffen werden. Als Initiative setzen wir uns dafür ein, jüdische und muslimische Akteure zusammenzubringen«, betont auch Hizarci.

Wie so ein gelebter Austausch auch jenseits von Organisationsstrukturen im Alltag aussehen kann, macht Hizarci selbst vor. In seiner Freizeit kickt er beim jüdischen Berliner Fußballklub Makkabi mit. Ein türkischstämmiger Muslim in einem jüdischen Fußballteam – das ist kulturelle Begegnung nach Kreuzberger Vorbild. Auf Augenhöhe.

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