Centrum Judaicum

Von Salon bis Scheunenviertel

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Centrum Judaicum

Von Salon bis Scheunenviertel

Die Vorlesungsreihe zur jüdischen Geschichte Berlins zu Ehren von Hermann Simon erscheint nun in Buchform

von Christine Schmitt  04.03.2021 10:36 Uhr

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Buch Gedächtnis aus den Quellen. Zur jüdischen Geschichte Berlins. Hermann Simon zu Ehren kann man nicht in einem Rutsch durchlesen. Ratsamer und nachhaltiger ist es, sich jeden Tag ein Kapitel vorzuknöpfen – und dann erfährt man viel Spannendes und Neues über die jüdische Geschichte Berlins und kann die 13 Texte genießen.

Die Themenauswahl besticht, da geht es beispielsweise um die Berliner Salons, um die Feindschaft gegen »Ostjuden« in der Berliner Polizei, um das Scheunenviertelpogrom 1923 und um das Museum Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum. Diese Präsentation wurde von dessen Direktorin Anja Siegemund geschrieben, die zusammen mit dem Historiker Michael Wildt das Buch herausgegeben hat.

RINGVORLESUNG Hintergrund der Texte war der 70. Geburtstag Hermann Simons, Gründungsdirektor des Centrum Judaicum, vor zwei Jahren. Von 1988 bis 2015 leitete er die Einrichtung. Mit einer Vielzahl von Ausstellungen habe er als Kurator, Initiator und Wissenschaftler »die jüdische Geschichte dieser Stadt wieder nahegebracht«, so die Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin, Sabine Kunst, in ihrem Grußwort.

Simon habe auf diese Weise dafür gesorgt, dass gerade nach der errungenen Einheit Berlins die Geschichten jener jüdischen Bürger, die von den Nazis verfolgt, vertrieben und ermordet worden waren, nicht vergessen wurden. Das war vor zwei Jahren Grund genug, eine Vorlesungsreihe anzubieten. Nun kann man die Publikationen in Ruhe zu Hause lesen.

Aus Israel, England und Deutschland kamen damals die Wissenschaftler, um zu referieren und zu diskutieren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich alle dem Quellenstudium widmeten und in Archiven nach Fotos, Briefen und Dokumenten forschten. Jeder sollte mindestens ein Objekt in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellen, so lautete die Aufgabe. Gedächtnis erwachse, meint Anja Siegemund, aus der präzisen Erforschung der Quellen. So dürfte auch der Titel entstanden sein.

Im Zentrum steht immer wieder die Frage, wie der Holocaust geschehen konnte.

Im Zentrum steht immer wieder die Frage, wie der Holocaust geschehen konnte. Beispielsweise widmet sich der Politologe Akim Jah der Verwaltung des Massenmordes. »Dobrins Conditorei« in Berlin ist ein weiteres Thema – vor der Schoa berühmt und ein beliebter Treffpunkt. Auch Hermann Simons Mutter ging oft dorthin, bis Inhaber Isidor Dobrin enteignet und deportiert wurde. Die Liquidation und das Ende der Firma beschreibt Christoph Kreutzmüller.

BRIEF Sehr gut recherchiert, aber schwer erträglich ist die Geschichte der zweiten »Polenaktion« in Berlin von Alina Bothe. Sie greift neben dem Kontext auch mehrere Einzelschicksale auf.

Die Schoa ist überall präsent, auch bei »Über Liebe und Heirat in Berlin zwischen 1890 und 1939« von Sarah Wobick-Segev. Anhand von Kontaktanzeigen berichtet sie über die Entwicklung von der arrangierten Ehe hin zur Kameradschafts- und Liebesehe. Mit der Zeit wird immer deutlicher, wie wichtig Kontakte im Ausland wurden, wenn es heißt: »Kaufmann m. U.S.A. Bürgsch. JD., mit größ. Vermögen, Mitte 30, sucht sprachgew., vermög. Dame mit U.S.A.-Bezieh. Zw. Heirat«.

Gegen Ende werden die Publikationen von Hermann Simon aufgelistet. 23 Seiten sind dafür nötig – so immens ist sein Schaffen.

Sehr berührend ist ein Brief, der abgebildet wird und mit den Worten »Liebes Berlin« beginnt. Geschrieben wurde er in Sao Paulo 1987 von Ernest Growald. Er schreibt weiter: »In der Wahrheit, hast Du meinen jungen Eltern und sehr vielen meiner Angehörigen ein unheimliches Unrecht angetan – wie kann ich dir je verzeihen?« Kulturwissenschaftler Joachim Schlör hat seinen Schwerpunkt auf die Korrespondenzen von Emigranten mit ihrer Heimatstadt gelegt.

»Es ist gut, dass die wertvollen Inhalte der einzelnen Vorlesungen durch diese Publikation auch zukünftig zur Verfügung stehen«, schreibt Klaus Lederer (Die Linke), Senator für Kultur und Europa, in seinem Grußwort. Gegen Ende werden die Publikationen von Hermann Simon aufgelistet. 23 Seiten sind dafür nötig – so immens ist sein Schaffen.

»Gedächtnis aus den Quellen. Zur jüdischen Geschichte Berlins. Hermann Simon zu Ehren«. Hrsg. von Anja Siegemund, Michael Wildt. Hentrich und Hentrich, Berlin 2020, 230 S., 19,90 €

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