Sachbuch

Von Mikwe bis Feiertag

Foto: PR

Sachbuch

Von Mikwe bis Feiertag

Einblicke in jüdische Geschichte und Vielfalt in Deutschland – beginnend beim Dekret von Kaiser Konstantin

von Ulrike Gräfin Hoensbroech  10.11.2021 12:01 Uhr

»Mein Problem als in Deutschland lebende Jüdin ist, dass unsere Existenz traditionell immer nur wahrgenommen wird in Bezug auf den Holocaust«, so die Publizistin und Politikerin Marina Weisband. Im Gespräch mit einem Journalisten berichtet die 34-Jährige sehr anschaulich und persönlich unter der Überschrift »Juden in Deutschland heute – und was ihr Leben hier einfach selbstverständlicher machte«.

Das lesenswerte Gespräch steht am Ende des Buches Anno 321. Jüdisches Leben in Deutschland, das Weisband mit den Worten würdigt: »Wir freuen uns, wenn in dieser Zeit so etwas Positives wie dieses schöne Buch kommt.« In der Tat ist es nicht nur aufgrund der rund 60 einfühlsam ausgewählten Abbildungen, die als aussagekräftige historische Artefakte den Lesern die Inhalte auf ihre Weise nahebringen, ein positives und schönes Buch im laufenden Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«.

VIELSEITIGKEIT Vielmehr ist es die inhaltliche Zusammenstellung der einzelnen Beiträge, die spezifische Stationen darstellen, an denen die Vielseitigkeit des jüdischen Lebens und der Kultur sowie ihre bereichernde Präsenz bis in die Gegenwart deutlich werden.

Ausgangspunkt des von Jürgen Wilhelm und Thomas Otten im Kölner Wienand-Verlag herausgegebenen Buches ist das titelgebende Jahr 321, jenes Jahr, in dem ein Dekret des römischen Kaisers Konstantin den Kölner Juden erlaubte, Ämter in der Stadtverwaltung zu bekleiden.

Weniger bekannt ist indes, was es denn mit diesem Dekret, das als ältester Nachweis einer jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen gilt, inhaltlich tatsächlich auf sich hatte und welche ökonomischen Erwägungen es befördert haben. Dies beleuchtet der emeritierte Kölner Historiker Werner Eck in seinem Aufsatz über die »Juden im römischen Köln – und was der Erlass Konstantins aus dem Jahr 321 für sie verändert«.

PERSÖNLICHKEITEN Auch die Herausgeber sind als Autoren unter den insgesamt acht weitestgehend auf Köln fixierten Beiträgen sowie den fünf sehr sinnvoll und layouterisch wunderbar gestalteten Exkursen vertreten. So befasst sich Jürgen Wilhelm, Jurist und Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, mit dem Lebenswerk einiger ausgewählter jüdischer Persönlichkeiten – und ihrem besonderen Bezug zur kölnischen und rheinischen Gesellschaft.

Das Buch zeigt auf und führt ein in jüdische Lebensrealität und ihre Verortung in der Gesamtgesellschaft.

Was die Archäologie über das Judentum und ihre Lebenswirklichkeit lehren kann, berichtet Thomas Otten. Er ist der Direktor des im Aufbau befindlichen »Mi-Qua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln«, das der Landschaftsverband Rheinland ab 2024 genau über jenem Platz betreiben wird, an dem aktuell die Reste des mittelalterlichen jüdischen Viertels ausgegraben werden.

Neben anderen Aspekten und Aufsätzen, etwa über die Bilder von Juden im Kölner Dom oder über die »Vielfalt im Judentum – und was sie für die Zukunft hoffen lässt«, befassen sich die Exkurse mit erklärenden, aber keineswegs belehrenden Betrachtungen von jüdischen Feiertagen, Kultbauten sowie religiösen und alltäglichen Objekten. Damit alles vollständig korrekt dargestellt wird, haben sich die Herausgeber bei Michael Rado, Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln, rückversichert.

SCHÖNHEIT Hilfreich für die Leser am Ende des Buches, das in ein flexibles und ansprechend gestaltetes Softcover eingefasst ist, sind die kurzen biografischen Anmerkungen zu den einzelnen Autoren. Insgesamt, so Jürgen Wilhelm, sei dieses Buch »ein Versuch, in präzisen und kurzen Beschreibungen die Vielfalt jüdischer Kultur in ihrer Schönheit wissenschaftlich korrekt, aber leicht lesbar darzustellen«.

Mehr noch: Es zeigt auf und führt ein in jüdische Lebensrealität und ihre Verortung in der Gesamtgesellschaft. Ob der Versuch gelingt, mögen die, so ist zu hoffen, vielen Leser entscheiden, die neugierig sind und mehr erfahren wollen über »jene zahlenmäßige Minderheit, die seit nunmehr 1700 Jahren die Mehrheit und damit die gesamte Gesellschaft immer wieder vorangebracht hat«, betont Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, in seinem Geleitwort.

»Anno 321. Jüdisches Leben in Deutschland«. Herausgegeben von Jürgen Wilhelm und Thomas Otten. Wienand, Köln 2021, 100 S., 16,80 €

Hellerau

Tscheburaschka und WBS70

Die Ausstellung »Jüdische Ossis IV – Räume der Freiheit und des Rückzugs« stellt Fragen nach privater und öffentlicher Identität

von Katrin Richter  22.09.2026

Hillel

»Man fühlt sich bei uns willkommen«

Die neue Geschäftsführerin Liora Jaffe über das Zuhören, Visionen und Aha-Momente

von Christine Schmitt  22.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Frauen weggeschickt

Mitten am Tag soll ein 37-jähriger Afghane einen Brandsatz an der Bergischen Synagoge gezündet und sich danach antisemitisch geäußert haben. Vorher soll er zwei Passantinnen weggeschickt haben

 22.09.2026

Deutschland

»Existenzgefahr für Berlins Juden«

Die Linke macht immer wieder mit Judenhass und Forderungen nach der Auslöschung Israels von sich reden. Der Wahlsieg der Partei veranlasst nun den israelischen Botschafter zu einer ungewöhnlich deutlichen Stellungnahme

 22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  20.09.2026 Aktualisiert

Porträt der Woche

Damit die Namen bleiben

Jorge Steffen ist Germanist und engagiert sich für den Erhalt von Grabsteinen

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.09.2026

Sachsen-Anhalt

Halle: Gemeindevorsitzender hat keine Angst vor AfD-Regierung

Max Privorozki kritisiert in einem aktuellen Interview das Geschichtsbild der AfD in Sachsen-Anhalt. Er wolle jedoch abwarten, »was die Partei tatsächlich umsetzen würde«

 20.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Staatsanwaltschaft geht von Judenhass aus

Der 37 Jahre alte mutmaßliche Täter soll aus antisemitischen Gründen gehandelt haben

 18.09.2026