Sukkot

Von Hütten und Zelten

Foto: Thinkstock

Wie kam es in Deutschland zu der aktuellen Flüchtlingssituation, und wie sollen wir damit umgehen? Fragen, auf die mir so schnell keine Antworten einfallen. Im Nahen Osten, vor allem in Syrien, flieht die halbe Bevölkerung wegen des andauernden Bürgerkrieges und der Terrormiliz des »Islamischen Staates«. Junge Männer werden zwangsrekrutiert, Familien werden zerrissen, ganze Landstriche werden zerstört. Die Menschen tragen ihre Ersparnisse zusammen, verkaufen ihre Häuser, lassen alles hinter sich und fliehen in Nachbarländer oder nehmen die gefährliche Fahrt nach Europa auf sich. Alles in der Hoffnung auf ein besseres und sicheres Leben.

Oft sind die Grenzstaaten mit der hohen Zahl an Flüchtlingen überfordert. Es werden ganze Flüchtlingsdörfer errichtet, die meist aus vielen einfachen Zelten bestehen. Eine wirkliche Infrastruktur, also Sanitäranlagen oder medizinische Betreuung, sind nur selten vorhanden.

Schutz Erinnert euch das Stichwort Zelte nicht an etwas? Genau, Sukkot steht vor der Tür! Wie ihr sicher wisst, feiern wir Sukkot, um an die 40-jährige Wüstenwanderung der Kinder Israels von Ägypten ins gelobte Land zu erinnern. Sie haben damals Laubhütten gebaut, um sich vor der Kälte, Wind und Regen zu schützen.

Dessen wollen wir heute gedenken – und wir essen und übernachten auch manchmal in der Sukka, entweder in der Synagoge, im Garten oder auf dem Balkon. Es ist ein schönes Fest voller Freude, an dem man auch oft tanzt. Nach einer Woche ist dann Schluss, und wir kehren zu unserem Alltag und in unsere Wohnungen oder Häuser zurück.

Bei den Flüchtlingen sieht das jedoch wieder anders aus. Sie wissen nicht, wann und ob sie ihre Zelte verlassen können, um ein normales Leben zu führen. Das kann ihnen meistens auch keiner sagen. Sie haben kaum eine Perspektive und müssen den Tag mit Warten und Hoffen verbringen. In Deutschland ist es für die Menschen auch nicht allzu leicht. Oft werden die Geflüchteten zwar mit offenen Armen empfangen. Nachbarn schenken ihnen die Dinge, die sie zum täglichen Leben brauchen, oder geben Deutschunterricht.

Willkommensklassen
Jedoch herrscht hier dieselbe Ungewissheit. Die Menschen warten oft Monate, bis ihre Asylanträge bearbeitet werden. Auch Kinder und Jugendliche haben es nicht leicht. Es dauert oft lange, bis sie an eine geeignete Schule kommen. Zwar wird viel getan, um ihnen das Leben zu erleichtern: Es werden Willkommensklassen gebildet für Schüler ohne Deutschkenntnisse, die sie auf den normalen Unterricht vorbereiten sollen.

Das ist eine gute Sache, da mit den Schülern intensiv an ihrem Deutsch gearbeitet wird. Jedoch gibt es bei der Sache ein Manko. Die Schüler werden voneinander getrennt, was einer Integration im Weg steht. Dadurch könnte es passieren, dass Kinder ohne Deutschkenntnisse unter sich bleiben und die anderen Schüler sich aus Angst vor dem Unbekannten von ihnen fernhalten. Dabei sind es meistens Kinder und Jugendliche wie du und ich. Sie spielen gerne Fußball, Tischtennis oder Basketball, chatten oder hören Musik.

Diese Ängste spielen nicht nur in der Schule eine große Rolle. In Gegenden mit kaum oder weniger Migration gibt es mehr Widerstand gegen Flüchtlinge. Aber diese Menschen haben eine sehr harte Zeit hinter sich. Sie wollen vor allem eines: wieder ein normales, anständiges Leben. Mich erinnert die Situation an meine eigene Familiengeschichte. Meine Eltern und Großeltern kamen in den 90er-Jahren aus der Ukraine nach Deutschland: Mit zwei bis drei Taschen, vielen Hoffnungen und einer großen Ungewissheit.

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026

München

Vorhang auf für die Kids

Zum Start der Sommerferien führen die Kinder der Sinai-Grundschule ein Musical in englischer Sprache auf

von Luis Gruhler  28.07.2026

Worms

Ein Turm in der Erde

Seit ein paar Wochen können Besucher wieder die Mikwe besichtigen. Ein Ort mit einer langen Geschichte. Doch der Klimawandel hinterlässt seine Spuren

von Mascha Malburg  28.07.2026

Interview

»Kiddusch mit Empanadas«

Daniela Rusowsky über die lateinamerikanische Gemeinschaft in Berlin, Melodien aus der Heimat und die Bedeutung von Kabbalat Schabbat

von Mascha Malburg  26.07.2026

München

Diplomatie und Freundschaft

Anlässlich seines 15-jährigen Bestehens lud das israelische Generalkonsulat zu einem Festakt in den Kaisersaal der Residenz

von Luis Gruhler  26.07.2026

Porträt der Woche

Eine Stimme für Israelis

Eliran Hirsh möchte mit seinen Podcasts Landsleute weltweit vernetzen

von Lorenz Hartwig  26.07.2026

Berlin

Rabbinerkonferenz: Berliner Führerbunker jüdischer Gemeinde geben

Was wird aus dem alten Führerbunker in Berlin? Derzeit streiten Senat, Stadtplaner und Denkmalschützer um den richtigen Umgang mit der Ruine. Die Europäische Rabbinerkonferenz schaltet sich nun mit einem Vorschlag ein

 26.07.2026

Bayern

»Es ist Zeit, den Hass zu beenden«

Eine Mahnwache der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zeigte Solidarität mit dem Opfer des israelfeindlichen Verbrechens in der Region Würzburg

von Stefan W. Römmelt  25.07.2026