Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Adelheid und Clara. Die eine – Adelheid – war Mutter von acht Kindern, verwitwet und nur geduldet in der Stadt, Arbeiterin auf dem Friedhof. Die andere – Clara – kam aus wohlhabender Familie, engagierte sich öffentlich und war das, was man heute eine Netzwerkerin nennt. Beide waren sächsische Jüdinnen und lebten im 19. Jahrhundert. Ihnen und vielen anderen Geschichten von Jüdinnen gehen die Journalistin Thyra Veyder-Malberg und die Historikerin Ida Karste in dem vierteiligen Podcast »Unüberhörbar – Ein Podcast über jüdische Frauen in der ersten Frauenbewegung« nach.
In der Hördoku der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft aus Leipzig untersuchen sie in Zusammenarbeit mit Historikern, wie das Leben von Jüdinnen damals eigentlich aussah. Aber gleich zu Beginn der ersten Folge die ernüchternde Erkenntnis: »Über Frauen in dieser Zeit weiß man ja generell zu wenig. Die kommen in den Akten am ehesten vor, wenn sie wirtschaftlich selbstständig waren, und das sind sie in der Regel dann, wenn sie Witwen waren.«
Und genau das möchte der Podcast ändern. Er stellt unter anderem die Lebensgeschichten von Adelheid und Clara vor und will vor allem mit einem Klischee aufräumen: »Es ist ganz wichtig, dass wir uns vergegenwärtigen, dass entgegen allen Stereotypen Juden zu Beginn der Emanzipationszeit überwiegend arm oder in den unteren Mittelschichten gewesen sind, auch in Dresden.« Zwar habe die jüdische Ansiedlung mit Hofjuden begonnen, »aber erstens sind auch Hofjuden verarmt. Und zweitens ist zu Beginn der Emanzipationszeit das Sozialprofil der Juden in allen deutschen Staaten kein bürgerliches«, heißt es in der 20-minütigen ersten Folge.
Ihre Arbeit steht exemplarisch für den Alltag vieler Jüdinnen
So wie eben das Leben von Adelheid, die ihre drei Kinder – fünf weitere verstarben früh – nach dem Tod ihres Mannes, einem Synagogendiener, allein durchbringen musste. Ihre Arbeit als Leichenwäscherin auf dem Friedhof stehe exemplarisch für den Alltag von so vielen Jüdinnen zwischen 1800 und 1890. Doch die Zeiten änderten sich, und darauf geht die zweite Folge »Die Pionierin – Henriette Goldschmidt« ein.
Musste sie selbst als Kind die Restriktionen erfahren, denen Mädchen im Bildungsbereich unterlagen, engagierte sich Goldschmidt später dafür, dass Mädchen und junge Frauen in Schule und Beruf die gleichen Chancen erhielten wie junge Männer. Die Frauen der kommenden Generationen sollten nicht mehr heimlich unter der Bettdecke lesen müssen, so wie es bei ihr der Fall war. Dass ihr Wirken anerkannt und gewertschätzt wurde, zeigen heute noch die vielen Bildungseinrichtungen, die den Namen von Henriette Goldschmidt tragen.
Die Frauenbewegung ist ohne Jüdinnen nicht zu denken.
Gerade jüdische Frauen waren eben nicht so leise, wie es die Gesellschaft sich damals wünschte: »Die Historikerin Irmgard Maya Fassmann hat erforscht, dass von 60 führenden Frauen der ersten Frauenbewegung circa 20 jüdisch waren, also rund ein Drittel. Emanzipation ist also ohne Jüdinnen nicht zu denken. Doch leider hatten auch sie innerhalb der Frauenbewegung immer wieder mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen, bis schließlich die Schoa ihrem Engagement ein Ende bereitet hat.« In der Folge »Neues Selbstbewusstsein – Der jüdische Frauenbund (1900–1933)« kommen Rabbinerin Esther Jonas-Märtin, die Autorin Laura Cazés und die Historikerin Yvonne Weissberg mit ihrer Expertise zu Wort.
Der jüdische Frauenbund war »der erste Verein, der sich ganz explizit für die Interessen von Jüdinnen in der Frauenbewegung engagiert hat«, hat die Recherche von Weissberg ergeben. Wie diesem Interesse durch den aufkommenden Antisemitismus ein Ende bereitet wurde, diesem Thema widmet sich die letzte Folge von »Unüberhörbar«, die den Titel »Lautes Schweigen – Antisemitismus in der ersten Frauenbewegung« trägt und die auch einen Blick auf die Zeit nach 1945 wirft. Viermal 20 Minuten, die sich lohnen, ganz besonders dank Adelheid und Clara.
»Unüberhörbar – Ein Podcast über jüdische Frauen in der ersten Frauenbewegung«