Angeln

Vom Schwarzen Meer zum Teltowkanal

Tascha hat alle Details aufeinander abgestimmt: die Stärke der Rute, die Art der Schnur, den Köder. Schließlich will sie heute nicht irgendeinen Fisch fangen, sondern einen ganz bestimmten. Einen Fisch, auf den sie sich spezialisiert hat, mit dem sie eine besondere Geschichte verbindet. Es dauert auch nicht lange, da zappelt das kleine, eher grob gebaute Fischlein an ihrem Haken: Neogobius melanostomus – Schwarzmund-Grundel, oder einfach: Grundel. Und von denen gibt es hier, am Teltowkanal im äußersten Süden Berlins, jede Menge.

Eine nach der anderen – vier, acht, ein ganzes Dutzend – gehen Tascha in die Falle und landen in ihrem Wassereimer. Dort erhalten sie noch eine kurze Gnadenfrist, bevor es ihnen in ein paar Stunden an den Kragen gehen wird – jeder Fisch nicht viel mehr als ein Happen. Tascha, die ihren Nachnamen aus Sicherheitsgründen lieber nicht nennen will, wuchs in Odessa auf, an der Schwarzmeerküste. In der Sowjetunion geboren, verbrachte sie ihre Jugend in der unabhängig gewordenen Ukraine, ging dort zur Schule und mit 17 zur Universität.

HERKUNFT Heute beschreibt sie die damalige Lage in dem Land so: »Das Leben war schwer, Arbeit gab es kaum und Sicherheit erst recht nicht.« Zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter ging Tascha daher 2001 als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland.

Was sie da noch nicht wusste: Etwa zur gleichen Zeit nahm auch der in Odessa so beliebte Speisefisch, die Grundel, einen ähnlichen Weg wie sie: In den Wassertanks von Frachtschiffen wurde sie aus der Schwarzmeer-Region in die ganze Welt gebracht und verbreitete sich auch in deutschen Gewässern rasant. Aber bis Tascha ihren ersten Bitschok – »kleiner Bulle«, wie er in der Ukraine wegen seines breiten Kopfes genannt wird – an der Angel hatte, sollten noch einige Jahre vergehen.

Ihre Identität hat Tascha nie verborgen, offen trägt sie den Magen David.

Zuerst musste sie sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen, und das war zunächst alles andere als einfach. Völlig übernächtigt, nach anderthalb Tagen Busfahrt, kam sie damals mit ihrer Familie in einem Auffanglager für Flüchtlinge in Nürnberg an. Begrüßt wurden sie – die deutsche Gründlichkeit verlangte es – mit einem Stapel Unterlagen. Bevor diese ausgefüllt waren, sollten die drei Frauen ihre Unterkunft nicht beziehen können. Die Papiere waren freilich auf Deutsch, und Tascha, die zu diesem Zeitpunkt nur eine Handvoll Wörter in dieser Sprache beherrschte, brauchte die halbe Nacht, um sich durch die Dokumente zu arbeiten.

SYNAGOGE Viel Erholung war Mutter, Tochter und Großmutter aber auch danach nicht vergönnt; mit mehreren anderen Familien mussten sie sich einen Schlafsaal teilen, morgens wurden sie über Lautsprecher mit einem harschen »Aufstehen!« geweckt. Nach ein paar Tagen zogen sie zunächst in ein Wohnheim in Hof, und schließlich kamen sie nach Nürnberg zurück, wo sie endlich eine richtige Wohnung bezogen. Dort betrat Tascha auch das erste Mal, seit sie in Deutschland war, eine Synagoge.

Ihr Jüdischsein hatte für Tascha lange Zeit kaum eine Rolle gespielt. »Dass ich jüdisch bin, wurde mir überhaupt erst klar, als ich als Fünfjährige von einem anderen Kind antisemitisch beschimpft wurde«, erzählt sie. Ihre Mutter hatte sie nicht religiös erzogen, und allzu offen einen Glauben zu leben, war in der Sowjetunion ohnehin nicht opportun. Dabei war Taschas Heimatstadt Odessa einmal ein Zentrum jüdischen Lebens in Europa gewesen. Um 1900 waren ein Drittel der Einwohner Juden, und die zionistische Bewegung nahm unter anderem hier ihren Anfang.

Schon Taschas Großmutter wuchs hier auf, sprach als Kind sowohl Russisch als auch Jiddisch. Als die Nazis 1941 Odessa erreichten, konnte sie, zusammen mit etwa der Hälfte der jüdischen Bevölkerung der Stadt, gerade noch nach Zentralasien evakuiert werden. Zehntausende der Zurückgebliebenen wurden ermordet. Nach dem Krieg kehrten viele Juden, darunter auch Taschas Großmutter, nach Odessa zurück; eine echte Blüte jüdischer Kultur sollte sich dort aber nicht mehr einstellen. In den folgenden Jahrzehnten verließen immer mehr Juden Odessa, und als Taschas Familie der Stadt den Rücken kehrte, war nur mehr etwa ein Prozent der Einwohner jüdisch.

Als Neuling im Angelsport wurde Tascha zunächst mit Argwohn betrachtet.

Erst in Nürnberg – ausgerechnet in der Stadt, in der die Nazis ihre Parteitage abgehalten hatten – setzte sich Tascha wieder mit ihren jüdischen Wurzeln auseinander. Der Großmutter zuliebe, die in der neuen Stadt Anschluss suchte, ging sie mit in den Gottesdienst der jüdischen Gemeinde. Ganz einfach war das für sie aber nicht. Tascha zweifelte: Ist sie überhaupt jüdisch genug? Die Tradition, die Feste und Riten des Judentums hatten bisher in ihrem Leben nie einen großen Platz eingenommen. Zudem ist ihr Vater russisch-orthodox.

Mit ihren blauen Augen und blonden Haaren wird immer wieder gesagt, sie sehe »gar nicht jüdisch« aus. In ihrem alten sowjetischen Pass hatte noch gestanden »Nationalität: jüdisch«. Aber welche Bedeutung hat das heute noch für sie? Eine Frage, die sie auf ihrem weiteren Weg stets begleiten sollte. Und dieser Weg führte sie zunächst nach Leipzig, wo sie Soziologie studierte, und dann nach Berlin – in die Stadt, in der sie schließlich eine neue Leidenschaft für sich entdecken sollte: das Angeln.

NATUR In die Natur gehen und sein eigenes Essen fangen, unabhängig von Supermärkten, Transportwegen und der Lebensmittelindustrie – diese Vorstellung hatte Tascha schon immer fasziniert. Aber nur einmal als Kind ist sie mit ihrem Vater angeln gegangen, dann vorerst nicht wieder.

Vor zwei Jahren dann beschloss Tascha, den Angelschein zu machen. Was sie für die Prüfung lernen musste, war aber vor allem theoretischer Natur. Zwar wusste Tascha jetzt genau, welche Fischarten sie in welchen Monaten und bei welcher Körperlänge entnehmen durfte und welche nicht, wie und vor allem wo man die Fische aber am besten fängt, blieb ihr weiterhin ein Rätsel. In speziellen Anglergruppen in den sozialen Medien fragte sie daher nach Tipps und Tricks und erlebte erst einmal nur – Ablehnung.

Mit den Grundeln teilt sie aber auch das Los, nicht von allen akzeptiert zu werden.

»Die Anglerszene in Deutschland ist – sagen wir mal – sehr konservativ«, stellt Tascha fest, »die besten Orte zum Fischen werden da nicht einfach weitergegeben.« Als Neuling und gewissermaßen Quereinsteigerin in den Angelsport wurde sie von den Alteingesessenen, für die das Fischen oft Familientradition ist, mit Argwohn betrachtet.

FOLLOWER Fürs Aufgeben ist Tascha aber nicht der Typ, und so suchte sie weiter, bis sie schließlich eine Gruppe aufgeschlossener Angler fand, die bereitwillig ihr Wissen mit ihr teilten. Danach gab es für sie kein Halten mehr: Nicht nur war sie jetzt mehrmals die Woche mit Rute und Regenwürmern unterwegs, durch ihren Instagram-Kanal mit dem Namen »my_fishsalad« wurde sie unter Anglern schnell zu einer kleinen Berühmtheit.

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Mit ihren mehr als 6000 Followern teilt sie Fotos von ihren neuesten Fängen, spricht dabei aber auch heiklere Themen an: etwa ökologische Fragen oder die fehlende Toleranz und Vielfalt in der Anglerszene. Dafür muss Tascha auch ordentlich Gegenwind aushalten: »Ich bekomme viele Nachrichten, in denen mir vorgeworfen wird, ich sei gar keine gute Anglerin, und erhalte die viele Aufmerksamkeit einzig und allein, weil ich eine Frau bin.« Solche Reaktionen zeigen, dass Tascha mit ihrer unverblümten Art, Probleme anzusprechen, den Finger in die Wunde legt.

Taschas unkonventioneller Auftritt in den sozialen Medien unterscheidet sich stark von denen anderer Influencerinnen der Angel-Gemeinschaft. Die setzen oft auf betonte Feminität, mit rosaroten Angelruten und gespielter Ahnungslosigkeit. Damit sind sie zwar oft sehr erfolgreich – schließlich bedienen sie gewisse Männerfantasien –, tragen aber nicht dazu bei, den Sport auch für Frauen interessant zu machen.

anfänger Tascha dagegen legt ihren Schwerpunkt auf die handwerklichen Aspekte des Angelns, bleibt dabei aber auch für Anfänger verständlich. So will sie auch denen Mut machen, zur Rute zu greifen, die bisher keinen Zugang zur Szene gefunden haben. Darüber hinaus kümmert sich Tascha um einen weiteren Außenseiter, der in der Anglerwelt meist unerwünscht ist: die Grundel. Als invasive Art ist die nämlich unter Anglern äußerst unbeliebt.

Viele sagen, Grundeln seien hässlich. Sie aber sieht darin nur Vorurteile.

»Viele sagen, Grundeln seien hässlich und würden nicht schmecken«, beklagt Tascha. Sie aber sieht darin nur Vorurteile, wie sie allzu oft gegenüber Dingen gepflegt würden, die man nicht kennt. Zum Beispiel sei es gar nicht erwiesen, dass Grundeln schädlich für die hiesigen Fisch-Biotope sind, wie oft behauptet wird. Das Gegenteil könnte sogar der Fall sein: »Grundeln füllen eine Nische, die zuvor die Aale besetzt haben. Von denen gibt es durch den Klimawandel aber immer weniger.«

Außerdem dienten Grundeln anderen Fischen – etwa den bei Anglern sehr beliebten Barschen und Hechten – als Futter. Vor allem aber werde die Grundel in kulinarischer Hinsicht maßlos unterschätzt, glaubt Tascha. In der Küche Odessas, die auch viele jüdische Einflüsse hat, spielt die in Wirklichkeit sehr schmackhafte Grundel eine wichtige Rolle.

Sie selbst bereitet die meist nicht mehr als 15 Zentimeter langen Fische auf traditionelle Art und Weise zu: Die Grundeln werden zuerst ausgenommen, dann in Mehl paniert und schließlich in Öl knusprig gebraten – so einfach. Anschließend isst man den ganzen Fisch, vom Kopf bis zur Schwanzflosse, mit ein paar Bissen auf. Die Grundel ist dabei so klein, dass sich umständliches Filetieren und Grätenentfernen erübrigt. Selbst schuld, wer einen solchen Snack verschmäht!

HEIMAT Die Grundeln sind für Tascha ein Stück Heimat, das ihr nach Deutschland gefolgt ist. Mit ihnen teilt sie aber auch das Los, nicht von allen akzeptiert zu werden. Aus ihrer jüdischen Identität hat Tascha nie ein Hehl gemacht, offen trägt sie den Magen David. In der Anglerszene haben sich deswegen schon gute Bekannte von ihr abgewandt. Einer habe ihr einmal gesagt: »Bis ich erfahren habe, dass du Jüdin bist, habe ich dich gemocht.«

Aber sogar nach dieser Erfahrung geht Tascha unbeirrt ihrem Hobby nach – wie sollte es bei ihr auch anders sein? –, und alles in allem sieht sie einen Wandel zum Positiven: »Die Angel-Szene wird jünger, weiblicher und toleranter.« Und so langsam lerne man selbst hierzulande, die Grundel nicht mehr als Plage, sondern als eine Bereicherung zu sehen. An diesem Sinneswandel hat ohne Zweifel auch Tascha ihren Anteil.

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